Bis man sich fast die Hände kaputtklatscht

Regisseur Ulrich Rasche zeigt in Basel zum Start der Saison einen gewaltigen «Woyzeck».

Im «Woyzeck» laufen sie wie kleine Kinder im grossen Getriebe. Foto: Sandra Then

Im «Woyzeck» laufen sie wie kleine Kinder im grossen Getriebe. Foto: Sandra Then

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Guck mich, guck mich, als wärs das erste Mal, flüstert uns dieser «Woyzeck» zu, während das Piano dunkel dräut und das Schlagzeug Dampf macht. Und wir schauen, lauschen, zucken dreieinhalb Stunden lang – und entdecken es tatsächlich noch einmal neu, dieses Wahnsinnswerk, Georg Büchners Dramenfragment von 1836. Regisseur Ulrich Rasche rüttelt ihn zum Start der Schauspielsaison am Theater Basel in seiner Labor-Zentrifuge radikal durch, den «vielmal vom Theater geschundenen Text, der einem 23-jährigen passiert ist, dem die Parzen bei der Geburt die Augenlider weggeschnitten haben», wie Heiner Müller 1985 in der Dankesrede zum Büchner-Preis formulierte. Und Rasche rüttelt uns mit, auf dass wir sehen.

Auf einer bühnenfüllenden Drehscheibe läuft mit weit aufgerissenen Augen – auch er scheint keine Lider mehr zu haben – Nicola Mastroberardinos Titelheld. Läuft und läuft auf dieser Maxiversion des klassischen Spielplatzgeräts: ein kleines Kind im grossen Getriebe; wie alle. Stehen bleiben heisst stürzen, darum muss man treten, treten. Austreten kann keiner, nicht einmal die, die ­ihrerseits den einfachen Soldaten, den Füsilier Franz Woyzeck, bis zur Erschöpfung herumstiefeln lassen: der Hauptmann, der ihn demütigt (Thiemo Strutzenberger), der Arzt, der ihn als Versuchskaninchen missbraucht (Florian von Manteuffel), der Tambourmajor, der seine Frau flachlegt (Michael Wächter). «Ich hab kei’ Ruh», wird Woyzeck klagen, kurz bevor er geht, um seine ungetreue Marie mit dem Messer abzustechen. Und «kei’ Ruh» ist das Leitmotiv der druckvollen Inszenierung, für die der Regisseur die kreiselnde Bühne gebaut hat, die sich in sich selbst dreht und die man steil und steiler stellen kann.

Textbrocken ins Hirn

Gegen Ende steht sie fast vertikal. Die Schauspieler hängen in Klettergurten wie Spinnenbeute im Netz, formieren dabei bedrohlich einen Kreis um den fiebernden Woyzeck, rotieren um ihn, der in der Mitte zappelt und herausstösst: «Tanzt – alle. Immer zu. Schwitzt und stinkt. Er. Holt. Euch. Doch. Ei’mal. Alle . . . Bin ich Mörder? Was gafft ihr! Guckt. Euch. Selbst. An.» So. Sprechen. Sie. Hier. Dauernd. Das Ensemble hebt jedes Wort ins Rampenlicht, während Katelyn King auf die Pauke haut, Theo Evers’ E-Bass vibriert, Lucas Rössner sein Fagott schräg traktiert und Sebastian Hirsig mit dem Piano ­Sachen anstellt, die eher nach Delirium als nach Darbietung klingen.

Der Taumel ist ansteckend, er wird zum Trip, in dem der Schrecken des Dramas noch schärfer hervortritt und die Schärfe der Sprache noch schrecklicher. Ich guck mich selbst an, derweil diese Büchner-Beatbox mich durch den Abend des sozialen und seelischen Elends treibt, mir Textbrocken ins Hirn meisselt wie den Aufschrei des Armen: «Uns’eins ist doch unselig in der und der andern Welt. Ich glaub’, wenn wir in Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen.» Oder den Aufschrei des nicht ganz so ­Armen: «Warum ist der Mensch?» – wo er doch seinem Artgenossen nur das Geld aus der Tasche, die Frau aus dem Bett und die Keule über den Schädel zieht.

Der Boden unter Woyzecks Füssen dreht sich immerzu, die Bühne hebt und senkt sich, die Figuren tauchen marschierend aus dem Dunkel auf und verschwinden wieder darin wie der Einzelne im Strom der Zeit. Alle Körperlichkeit bleibt Andeutung ohne echte Berührung: Niemand kommt jemals einem anderen wirklich nah. Fliehkräfte sind am Drücker. Da müssen dann alle schlichtes Schwarz zum Klettergurt tragen. Zeigen sie auch mal mehr, mal weniger Haut, so stets ein zermürbtes Herz: «zernichtet», wie Büchner 1834 an seine Braut schreibt. Er mache «in der Menschen­natur eine entsetzliche Gleichheit» und «in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt» aus.

Gleichheit und Gewalt: Das sind die Kerneigenschaften von Rasches hochabstraktem, zutiefst anschaulichem «Woyzeck»

Gleichheit und Gewalt: Das sind die Kerneigenschaften von Rasches hochabstraktem, zutiefst anschaulichem «Woyzeck». Sie sind furchtbar, trommeln uns auch in Phasen des Überdrusses hinein und wieder heraus, bis man dem strengen chorischen Theaterkonzert endlich komplett anheimgefallen ist und noch mal dreieinhalb Stunden weitermachen könnte. Der Mensch ist zwar entsetzlich gleich, aber die Figuren gewinnen in Basel durchaus Gestalt. Franziska Hackl zum Beispiel zeichnet eine liebevolle Marie. Spricht sie mit ihrem Buben, der hier, mit einer Ausnahme, bloss imaginär auf die Bühne kommt, dann meinen wir ihn zu sehen – und sie als Allzumenschliche, Menschliche. Und Mastroberardino gibt eine Zerstörung, dass man sich fast die Hände kaputtklatscht.

Gewiss: Seit der 1969 geborene Regisseur mit dem Kunstgeschichtsstudium und der Robert-Wilson-Erfahrung – beides keine Überraschung – vor zwei Jahren «Dantons Tod» auf Walzen verfrachtete, hat er buchstäblich den Dreh raus. Auch seine «Räuber» strampelten sich 2017 auf gigantischen Laufbändern ans Berliner Theatertreffen. Aber was solls: Rasches Markenzeichen ist keine abgenudelte Masche, sondern setzt atem­beraubende Theatermechanismen in Gang. Gewaltig.

Erstellt: 17.09.2017, 23:15 Uhr

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