Das Bahnhofstrassen-Proletariat

Im Pfauen wurde das Singspiel «Geri» uraufgeführt: Uninteressante Anzugträger erleben uninteressante Schicksale. Was dank Martin Suter und Stephan Eicher allerdings verdammt gut klingt.

Das Leben ist ein Hauch von nichts: Michael Neuenschwander, Sarah Hostettler, Jan Bluthardt und Martin Rapold (von links).

Das Leben ist ein Hauch von nichts: Michael Neuenschwander, Sarah Hostettler, Jan Bluthardt und Martin Rapold (von links). Bild: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alles glaubte man schon gesehen und gehört zu haben aus dem Bereich des inländisch so brillant vermarktbaren und ausländisch betrachtet so ungeniessbaren Schweizer Mundart-Musicals: ein herziges, heimwehkrankes Heidi, ein armes Bäuerlein, dem niemand etwas gönnen mag, ein schwules Murmeli, ein bissiger Berner Coiffeur, ein romantischer Einwanderungsbeamter, dem auch bald noch ein Transvestit (Walter Andreas Müllers Einzug in «Die Schweizermacher») zur Seite stehen wird.

Es ist in dieser Bühnendisziplin in den letzten fünf Jahren viel Heimatschutz und literarisches oder musikalisches Bestseller-Recycling vollzogen worden, es wurden Emotionen für die Massen von rechts und links fabriziert, es brach eine neue Schweiz-Seligkeit aus, in deren Schwung man auch gleich noch das eidgenössische Schwingen, die Grosis aus dem Emmental in den «Herbstzeitlosen» und das «Sennentuntschi» konsumieren konnte. Und alles in dem einen oder anderen Schweizerdeutsch. Es vollzog sich in nur einem halben Jahrzehnt in Windeseile beziehungsweise «ums Umeluege» die Einigelung der deutschsprachigen Schweiz im kulturellen Réduit. Und der Rückzug in die Rückbesinnung entpuppte sich als ganz grosses Erfolgsrezept. Und vor jedem neuen Produkt war der Medienrummel noch grösser – am allergrössten war er jetzt: vor «Geri».

Die Heimwehschweizer

Die drei Ausland- und ganz offensichtlich Heimwehschweizer Stephan Eicher (Musik), Martin Suter (Text) und Stefan Bachmann (Regie), gewissermassen Heidis Brüder im Geiste, erzählten in den vergangenen Wochen landauf, landab, dass ihnen die Mundart besonders nah am Herzen liege. Und dass es sich bei «Geri» weiss Gott nicht um ein Musical, sondern um ein «Singspiel» handle, was in der Schweiz schon seit vielen Jahrzehnten eine schöne, bescheidene Tradition hat – das zu dieser Jahreszeit berühmteste ist die unsterbliche «Zäller Wiehnacht» (1960) von Paul Burkhard, der grosse Weihnachtsfeiern-Klassiker aller Schulhäuser zwischen Altdorf und Allschwil. Es stand zu befürchten, dass es sich bei «Geri» wieder um so etwas enorm gut Gemeintes und gut Gemachtes handeln würde, um so eine besonders aufwendige Form der Kleinkunst, die aber trotzdem noch als Kleinkunst zu erkennen ist, um heitere helvetische Unterhaltung, die ganz sicher zwei Dinge wieder mal nicht sein würde: nämlich ausnahmsweise einmal zeitgemäss urban und auch nur halbwegs cool.

Unprätentiös erzählt

Und so ist es denn auch mit «Geri» herausgekommen. Aber auch nicht. Denn Geri – gespielt vom grandios verklemmten Michael Neuenschwander – ist zwar ein Stadtbewohner von heute. Aber unter den Coolen wiederum der uncoole Mensch schlechthin. Derjenige, der den Gesetzen seiner «Clique» gemäss alles richtig machen möchte und dann entweder nichts oder das Falsche tut. Er kennt die Codes der gesellschaftlich akzeptablen Accessoires nicht, wie sie der schöne Blender Robi Meili (Martin Rapold) und der «integrierte Tüütsche» Freddy Gut ( Jan Bluthardt) verkünden wie das täglich wechselnde Evangelium. Die Clique, die sich allabendlich im Limbo trifft (Limbo ist ein Tanz, heisst auf Englisch aber auch «Vorhölle»), geht undefinierten Jobs nach, die alle mit dem Tragen teurer Anzüge verknüpft sind, ein typisches Bahnhofstrassen-Proletariat eben, und die Stadt, in der sie leben, ist – dialektbedingt – Zürich, könnte aber ebenso gut Frankfurt oder Hamburg sein.

Es ist also schon ein bisschen weniger Provinz in «Geri» als anderswo, und auch Wert und Wesen der Schweiz werden so gut wie gar nicht verhandelt. Wäre die Clique etwas weiblicher – in «Geri» ist einzig Susi Schläfli integriert (gespielt von der tollen, vollmundigen Carol Schuler, die an der Premiere trotz Kehlkopfentzündung die grösste Röhre hatte) – und in New York angesiedelt, so hiesse der Abend statt «Geri, ein Singspiel» ganz klar «Sex and the City, the Musical».

Ein helvetisches Bestseller-Recycling

Die Kolumne «Richtig leben mit Geri Weibel» belebte von 1997 bis 2002 das «NZZ Folio»; «Geri» ist also noch so ein helvetisches Bestseller-Recycling. Und es geht auch in Geris Businessclass, in der Martin Suter all seine Kolumnen und Romane ansiedelt, um Menschen, die in ihren Anzügen alle aussehen wie wendige, glänzende, ununterscheidbare Wiesel, deren Schicksale jeweils einem sehr dünnen Blatt Papier ähneln. Dies aber wie immer von Suter angenehm unprätentiös erzählt und mit einem bewundernswerten Gespür für kleine Pointen und dramaturgische Einfälle. So ist denn auch die Handlung in «Geri» - die stilistischen und beziehungstechnischen Scharmützel, die zwei Stunden lang auf dem Schlachtfeld oder eher Laufsteg des

Limbos und in Geris Wohnung mit der zu niedrig hängenden Decke (reduzierter Naturalismus von Hugo Gretler) ausgefochten werden - unbedeutend und uninteressant in der Nacherzählung. Nur so viel sei gesagt: Geri, der Mann ohne Eigenschaften, der im Gegensatz zu Musils smartem Romanhelden nie über-, sondern stets nur unter- und verlegen ist, erlebt im Gegensatz zu den coolen Kühlschränken um ihn herum wenigstens einen Hauch von Schicksal. Es wird ihm halt einfach angetan. Er kann dagegen gar nichts tun.

«Tuet no öppis weh?»

Dass Martin Suter, der Unterhaltungsliteratur-Autor, ein Stilist ist, das merkt man am besten, wenn er Songtexte schreibt, für Michael von der Heide oder eben Stephan Eicher. Das sitzt, das hat eine feine Ader für eingängige Verse, die an die «Niederdorfoper» erinnern, und poetische Abgründe wie im zögerlichen Versöhnungsduett von Rita (SusanneMarie Wrage) und Peter (Mike Müller, ein wunderbar komischer Schauspieler, aber kein grosser Sänger), die sich nach einer Trennung wiederfinden: «S isch, als wär nüüt gschee./ Nume ganz wiit unde/ Bliibt e chlini Wunde/ Tuet no öppis weh», heisst es da.

Die Musik von Stephan Eicher ist eine pure Betörung. Sie macht die Seichtigkeit des Seins erträglich, die in «Geri» zelebriert und im zweiten Teil des Abends dann auch deutlich zerdehnt wird – es geht da um Geris Liebesgeschichte mit der schönen und wie er in allem ein klein wenig unbeholfenen Kellnerin Aira (Sarah Hostettler). Denn Eichers Musik ist trotz der verhältnismässig kleinen und intim spielenden sechsköpfigen Band grosses Kino, ist französisch und amerikanisch, ist elegant, hin- und mitreissend, ist «dr Bluuues im Schauspielhuuus», wie es in der letzten «Kulturplatz»-Sendung so anschaulich hiess. Und wohl mit Leichtigkeit die schönste Musical-Musik, die es in der Schweiz seit der «Niederdorfoper» zu hören gab.

Wo bleibt die Regie?

Und dann ist da noch Stefan Bachmanns Regie. Und man muss etwas ketzerisch fragen: Ist sie wirklich da? Ist sie so unauffällig, weil der Raum so klein ist, die Bewegungsmöglichkeiten in einer Bar so spärlich sind? Oder liegt gerade in dieser ungekünstelten Alltagsnähe, in diesen bestens vertrauten Slapstickmomenten ihre Genialität? Wahrscheinlich muss man Bachmanns Regie mit Robi Meili betrachten: Es geht ganz einfach um den Kontext. Darum, ob seine Herangehensweise an «Geri» bloss als Zitat zu sehen ist (in!) oder ob sie ernst gemeint ist (out!). Und so ist Geri denn halt, was er ist: ein Zürcher ohne Eigenschaften (kann man sich einen langweiligeren Menschen überhaupt vorstellen?), von Martin Suter schöngeschrieben und von Stephan Eicher schönkomponiert, weit weniger heimatselig als befürchtet und ein Hauch von nichts, ein Luxemburgerli der leichten Unterhaltung.

Erstellt: 13.12.2010, 07:26 Uhr

Artikel zum Thema

Sie ist die Zukunft der Schweizer Musik

Die 15-jährige Rümlangerin Andrina Rohrbach kann zwar nicht an den Eurovision Song Contest – zufrieden ist sie trotzdem. Mehr...

Vom Szenegänger zum Bühnenheld

Die Bühnenadaption von Martin Suters Geri Weibel wurde am Samstag im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt. Der Szenegänger liess mal wieder kein Fettnäpfchen aus. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Mamablog Was Eltern über Tik Tok wissen müssen

Geldblog Warum hohe Dividenden nie garantiert sind

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...