Das Leben unter der Kuhglocke

«Die schwarze Spinne» krabbelt über Mensch, Schwein und Sexpuppe: Frank Castorf zeigt Gotthelfs Sagenstück am Zürcher Schauspielhaus als rustikales Landtheater. Etwas löchrig ists dennoch.

Die Ausländer sind da und gehen schwanger: Das Emmental nach Frank Castorf.

Die Ausländer sind da und gehen schwanger: Das Emmental nach Frank Castorf. Bild: Matthias Horn

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Sag mir, wo der Castorf ist? Vier Stunden lang, von acht bis zwölf, hat der Bulldozer und Trümmermann der deutschsprachigen Theaterszene am Donnerstag auf der Pfauenbühne das getan, was er immer tut: Texte zerbrochen und ihre Teile neu verfugt; Stimmungen plattgemacht und sie mit Starkstromstössen erneut zum Laufen gebracht wie einen Zombie. Kurz: Frank Castorf schien in seinem Element zu sein beim Projekt «Die schwarze Spinne. Pilatus’ Traum» – und war trotzdem nicht ganz dabei.

Zumindest zuckte es nur selten auf, dieses gewisse Etwas, das macht, dass wir uns in all den Jahren immer wieder neu verschaut haben ins knallige, kratzbürstige, kalauernde Castorf-Theater: dieses Wilde und Wahnsinnige, dieses Wehe und oft auch Wehmachende.

Ganz schön schwanger

Weh gemacht hat sie kaum, die fidele Arbeit, die längst nicht so lang war wie andere des Berliner Regisseurs. Er hat uns ja mit einem über fünfstündigen «Berlin Alexanderplatz» schier erschlagen – aber so, dass wir Sterne sahen. Doch das Animalisch-Authentische gabs diesmal nur im Miniformat: So suchte – statt Hühnern wie bei «Trauer muss Elektra tragen» oder Gänsen wie beim «Hofmeister» – am Anfang der «Spinne» bloss ein einziges Schwein nach Futter auf den Brettern der superabstrakten Bühne. Und das nur kurz.

Das gotthelfsche Emmental ist für Castorf nun mal ein Mikrokosmos: ein schwarzer Guckkasten; ein düsteres Loch wie das Loch, in dem die giftige Spinne seit Jahrhunderten hockt. Über diesem Loch hängt eine riesige, rostige Kuhglocke von der Decke wie eine Käseglocke überm löchrigen Emmentaler. An der Wand lehnt eine hölzerne, rote Schweizer Fahne, deren weisses Kreuz ein ausgestanztes Loch ist (was sonst?); ein Klo, ein rustikaler Abtritt, spielt eine grössere Rolle; und das berüchtigte Spinnenloch hat seinen Platz vorn an der Rampe. Klar, dass das wackere zehnköpfige Ensemble auf Teufel komm raus um diese Löcher herumspielen und in sie hineinfallen muss.

Schweizerisch-deutsches Kabarett

So symbolschwanger hat sich der Bühnenbildner Hartmut Meyer die Collage von Castorf erträumt – und ohne Frage auch schlicht schwanger: Um dunkle Höhlen, in denen das Dunkle heranwächst und lauert, gehts ja nicht nur in Gotthelfs «Die schwarze Spinne», wo ständig Frauen guter Hoffnung sind und voller böser Ängste; sondern auch in Michail Bulgakows «Der Meister und Margarita» und in Antonin Artauds Aufsatz «Das Theater und die Pest». Und nicht zuletzt in Friedrich Schröder-Sonnensterns Werk, in dessen erotisch aufgeladenen Phantasmagorien sich häufig Mensch und Tier verknäueln. «Wie die Pest ist das Theater eine Krise, die mit dem Tod oder der Heilung endet», wird der französische Schauspieler und Dramatiker Artaud zitiert: «. . . ein Leiden, das den Geist zur Raserei einlädt».

Überhaupt ist das Artaud-Intermezzo mit seinem intensiven Irrsinn der heimliche Höhepunkt dieser Inszenierung; so viel Elektrizität versprüht das Assoziationsgewitter sonst nicht. Da wird furchtbar lang die biedermeierliche Rahmenhandlung von Gotthelfs «Spinne» zum schweizerisch-deutschen Kabarett versponnen: «Lüthi und Blanc»-Star Hans Schenker, der als reicher Bauer seine Verwandten an der Kindstaufe zum Fressen nötigt, darf in Mundart loslegen und etliches über die «Tüütsche» loswerden.

Bis die Unterhose fällt

Die norddeutsche Hilfskraft Gerti in der Bohnenstangengestalt von Franz Beil zieht sich derweil mit der Hamburger Hebamme (Marc Hosemann) gleich selbst durch den Kakao, und ihre Pappenheimer – die Emmentaler – noch dazu. Irina Kastrinidis ihrerseits verliert als zwangsgemästete Gotte ihre Unterhosen auf dem Klo, halt «wie es die Deutschen auf dem Theater tun».

Dazwischen hört man einiges von Gotthelf über die Gefahren von Freiheit und Despotie (die Willkür!); Walter Ulbricht wird in den Text eingebaut, Freud und The Animals desgleichen, und die Pilatus-Episode aus Bulgakows «Meister»-Roman nimmt ihren Anfang. Ein Hoch auf Gottfried Breitfuss’ kopfweh- und feigheitsgeplagten Prokurator, der sich mit Aurel Mantheis geheimnisvollem Jeschua Ha-Nozri herumschlägt.

Von Pollesch zu Pilatus

Um zehn ist man dann überrascht, dass man es bis zur Pause tatsächlich zum Teufelspakt geschafft hat – bis zu jenem Augenblick also, in dem die zugereiste Dorfbewohnerin Christine (Ursula Doll, rot gelockt und von heiserer Heissblütigkeit) im 13. Jahrhundert dem Teufel die Seele eines ungetauften Kindes verspricht. Wenn er dafür nur einen Schattengang aus Buchen auf den Hügel baut, so, wie es der böse deutsche Ritter von den Bauern verlangt.

Schade, dass im ersten Teil so viel Kraft ins nationale Kräftemessen und seine abgenudelte Kritik gesteckt wird. Die Reihen im Parkett sind nach der Pause arg gelichtet, dabei gewinnt die Soiree im zweiten Teil an Sog – wenn auch nicht an Stringenz.

Theater-Interna von René Pollesch bis Jean-Pierre Cornu und politische Pauschalismen vom serbischen, mit Sexpuppe ausgestatteten Nationalismus bis zur hiesigen Immigrationsdebatte krabbeln so munter durch die altersmilde, altersmüde Inszenierung wie die schwarzen Spinnen. Die beissen das Vieh und die Menschen tot, bis eine Mutter (Julia Kreusch) das Monster ins Loch einschliesst und dabei ihr Leben opfert. Auch Pilatus wird schliesslich von seiner Schuld befreit. Nur Siggi Schwienteks armer Teufel sitzt am Ende melancholisch auf dem runden Tisch (mit Loch), raucht und plaudert mit der Spinne über die Möglichkeiten des Bösen und über den, «der jedem seine Kräfte zuteilt, den Spinnen wie den Menschen».

Die unseren sind allmählich erschöpft; und der Jingle des Abends hat sich ins Ohr gefressen: «When I think of all the good time that’s been wasted.»

Erstellt: 21.01.2011, 21:01 Uhr

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