Interview

«Das Publikum ist nicht blöd»

Im Theater Winterthur wird seit dieser Saison der Applaus gemessen, um die Reaktionen des Publikums zu dokumentieren. Leiter Marc Baumann erklärt, was der Sinn der Sache ist.

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Herr Baumann, Sie messen diese Saison den Applaus des Publikums. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Wir haben zwei Jahre lang die Reaktionen des Publikums mit Abstimmungskarten, die man in eine Urne beim Ausgang werfen konnte, gemessen. Als die Beteiligung nachgelassen hat, haben wir etwas Neues gesucht. Darum haben wir eine Messung eingeführt, bei der die Zuschauer nichts machen müssen, das sie nicht sowieso machen würden. Also haben wir uns entschieden, den Applaus zu messen und die Ergebnisse ins Internet zu stellen. So sehen die Zuschauer auch, wie sie reagiert haben. Ich wollte schon immer auf eine möglichst einfache Art mit dem Publikum kommunizieren und fragen, wie hat es euch gefallen.

Können Sie kurz erklären, wie diese Messung funktioniert?
Wir messen bei jeder Veranstaltung am Schluss einerseits mit einem Mikrofon die Lautstärke des Applauses und andererseits die Länge. Das setzen wir ins Verhältnis zur Besucherzahl und berechnen mit einer Formel diesen Applauskoeffizienten.

Wissen die Zuschauer denn, dass ihr Applaus aufgenommen wird?
Ja, wir informieren darüber jeden Abend auf der Informationswand.

Haben Sie den Eindruck, das Klatschverhalten habe sich dadurch geändert?
Nein, das glaube ich nicht. Beeinflussungen kommen eher durch die «Applausordnung» der Darstellenden auf der Bühne. Mit einer mitreissenden Musik können sie die Leute leicht dazu bringen, länger zu klatschen. Es gibt da Tricks, die die Leute kennen, und darum sollte man solche Applauswerte auch nicht zu ernst nehmen.

Was gewinnen Sie aus diesen Befragungen und Messungen?
Aus den einzelnen Messungen kann man eigentlich nichts sagen. Für uns ist interessant, wenn eine Produktion an einzelnen Tagen verschiedene Reaktionen erhält. Daraus können wir etwas über die Erwartungen schliessen, die das Publikum an ein Stück hat. Ich sehe es aber hauptsächlich als Weg, mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Am wenigsten wollen wir, dass die Leute stillschweigend nicht mehr kommen. Jede Reklamation gibt uns Gelegenheit für ein Gespräch– und so können wir sie vielleicht auch herausfordern.

Wenn jetzt ein Stück immer ausverkauft ist, die Applauswertungen aber schlecht sind – was bedeutet das?
Wenn man ein berühmtes Stück, wie zum Beispiel «Die Physiker», aufführt, dann kommen die Leute sowieso – meist mit einer gewissen Erwartung. Wenn die Aufführung davon abweicht, dann sind sie vielleicht unzufrieden und sagen, das habe ich mir aber gar nicht so vorgestellt. Das passiert in allen Theatern. Man kann zwar bewusst versuchen, die Zuschauer dazu zu bringen, ein Stück mal ganz anders anzuschauen, aber das kann auch misslingen. Damit Neues entstehen kann, muss die Möglichkeit des Scheiterns eingerechnet werden. Denn der kulturelle Auftrag verlangt nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch Auseinandersetzung mit neuen Fragen. Und diese Frage stellen wir uns natürlich die ganze Zeit.

Wieso machen andere Theater weniger in dieser Hinsicht?
Das kann verschiedene Gründe haben. Vielleicht haben sie einfach nicht so gute Ideen wie wir (lacht). Vielleicht wollen sie es nicht wissen; oder sie wissen es, wollen es aber nicht sagen. Wenn eine teure Produktion einfach keinen Applaus hat, dann heisst das, das Publikum reagiert negativ, und vielleicht will man das seinem Subventionsgeber nicht unbedingt sagen.

Was meinen die Künstler zu diesen Messungen?
Die Künstler nehmen das sehr gelassen, meist finden sie es interessant. Sie merken selber sowieso, wie der Applaus ist, und haben Kritiken am nächsten Tag, die sehr hart und persönlich sein können.

Gab es Reaktionen von anderen Theatern oder Kollegen?
Da habe ich noch nichts gehört. Einige Aussenstehende fanden es eine witzige Idee. Wir probieren neue Wege, mit aktuellen Themen der Gesellschaft umzugehen – hier mit der Transparenz. Es ist etwas Schwieriges, Kunst zu bewerten. Wir wollen zeigen, dass wir an den künstlerischen Geschmack des Publikums glauben. Das Publikum ist nicht blöd, es hat aber manchmal andere Erwartungen. Es gibt Bühnen, die sagen, das Publikum habe keine Ahnung, wenn die Reaktionen schlecht sind. Dem wollen wir entgegenwirken.

Erstellt: 25.02.2013, 17:31 Uhr

Theater Winterthur

Das Theater Winterthur ist ein Gastspielhaus mit rund 50 Vorführungen pro Saison in den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Tanz und Kinder-/Jugendtheater

Marc Baumann ist seit Juni 2009 Gesamtleiter des Theaters Winterthur. Davor war er als kaufmännischer Direktor des Schauspielhauses Zürich tätig.

Applausmessungen

Wie aus den Messungen des Monats Februar ersichtlich ist, können die Werte stark variieren: Während die beiden Vorstellungen von Horvàths «Kasimir und Karoline» beide knapp über 60 Prozent erreichten, hatte die Premiere von Mozarts Oper «Così fan tutte» bei der Premiere mit 85 Prozent einen deutlich höheren Wert als bei den folgenden Vorstellungen, wo zwischen 55 und 65 Prozent erreicht wurden.

Die Messlatte legte die Aufführung der «Faust»-Oper von Charles Gounod, bei der die Marke von 100 % festgelegt wurde. Diese Obergrenze wurde immer wieder von verschiedenen Produktionen erreicht.

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