Das Regie-Genie auf dem Olymp

Der International Ibsen Award ging an Christoph Marthaler. Oslo feierte den Schweizer Theaterkünstler geradezu hymnisch.

«Marvelous», grossartig, er könne es nicht glauben - es sei wie der Nobelpreis des Theaters. Christoph Marthaler freut sich über die Auszeichnung. Quelle: Youtube


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Theater Was für einen aussergewöhnlichen Regisseur die Stadt Zürich 2004 verloren hat, wurde einmal mehr bewusst, als The International Ibsen Award am Wochenende in Oslo verliehen wurde. Die bedeutendste Auszeichnung für Theater, dotiert mit knapp 300000 Franken, erhielt ein Regie-Genie, das die Grenzen zwischen Sprachkunst und Musik in unverwechselbaren Inszenierungen überwindet. «Die Musik ist die Basis meiner Stücke», sagte Marthaler an der Preisverleihung im Nationaltheater. «Dabei ist die Auswahl der Musik weniger entscheidend als die Art und Weise, wie sie eingesetzt wird.»

Um diesem Statement hörbar Ausdruck zu verleihen, griff der Regisseur, der einst Oboe studiert hat, zu einer in einem Blumenstrauss versteckten Flöte und spielte zum Amüsement der aus ganz Europa angereisten Zuhörer ein immer schneller werdendes Volkslied. Ausser und neben der Musik – und dem ihm eigenen Humor, muss ergänzt werden – sei sein Team die Stütze seiner Arbeiten. «Allein bin ich nichts», spitzte Marthaler zu. Und um auch dies nicht bloss zu behaupten, bat er langjährige Mitsängerinnen und Mitspieler auf die Bühne: die Schweizer Ueli Jäggi und Jürg Kienberger, den Deutschen Malte Ubenauf, die Norwegerin Tora Augestad.

Poesie und Wahrheit

In ihrer Laudatio hob Stefanie Carp, Dramaturgin während Marthalers Zürcher Intendanz von 2000 bis 2004, die Poesie und Wahrheit seiner Arbeiten hervor. Diese teilten etwas Humanes, weil sie das Unfertige, das den Menschen auszeichne, zur Darstellung brächten. Das Unperfekte perfekt zu spielen, sei eine grosse Herausforderung für seine Truppe, ergänzte Marthaler. Was auf der Bühne wie eine Gaudi aussehe, sei präziser Arbeit geschuldet – an Sprache, Ton und Spiel.

Christoph Marthaler, sonst eher publikumsscheu, war sehr gesprächsbereit in Oslo. Was ihn an herkömmlichen Aufführungen störe, sei die betrübliche Tatsache, dass die Schauspieler zusammen spielten, ohne wirklich zusammenzuspielen. Bei ihm stünde die Interaktion zwischen ihnen schon bei der allerersten Probe im Zentrum, und zwar in einer Phase, in der noch niemand wissen könne, worum es in dem neuen Stück eigentlich gehe. Die in dieser Unsicherheit liegende Energie nutze er für die Inszenierungen.

Der 1951 in Erlenbach geborene Regisseur, der heute mit seiner Familie in Hamburg lebt, machte bei seinen Auftritten in Oslo nicht den Eindruck, als ob er sich bald zur Ruhe setzen wolle. Kürzlich feierte ihn Publikum und Presse überschwänglich, als er an der Ruhrtriennale «Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter» inszenierte. Auch mit seiner Heimatstadt hat Marthaler seinen Frieden geschlossen: Anfang Dezember wird er sein John-Cage-Stück in der Schiffbau-Halle vorstellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2018, 12:16 Uhr

Artikel zum Thema

«Die erbärmlichste Kreatur erhält in deinen Arbeiten Würde»

Heute erhält der frühere Schauspielhaus-Intendant Christoph Marthaler den Kunstpreis der Stadt Zürich. Eine Laudatio. Mehr...

Zürcher Kunstpreis für Christoph Marthaler

Die Stadt Zürich verleiht den mit 50'000 Franken dotierten Kunstpreis 2017 an den Theaterregisseur Christoph Marthaler. Mehr...

Die Methode Marthaler

Wie arbeitet Regisseur Christoph Marthaler? Der «Züritipp» war bei der Entwicklung des neusten Stücks «Mir nämeds uf öis» dabei. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Portugal ist in Solothurn

Tingler Zeichen der Zukunft

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...