Das Weltdrama hat auf einem Stuhl Platz

Christian Dieterle spielt im Sogar-Theater den Dichter Fernando Pessoa.

Öffnet den Pessoa-Kosmos: Schauspieler Christian Dieterle. Foto: Bernhard Fuchs

Öffnet den Pessoa-Kosmos: Schauspieler Christian Dieterle. Foto: Bernhard Fuchs

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Er war viele, weil er als ein Einzelner ­sicher war, nichts zu sein. Der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa (1888–1935) mag ein Äusseres gehabt haben, etwas durchaus Wirkliches, flüchtig betrachtet; es gibt ja Fotos von ihm, er ähnelt darauf dem Hilfsbuchhalter ­Bernardo Soares aus seinem «Buch der Unruhe», so wie der Schauspieler Christian Dieterle ihn jetzt spielt in seiner Pessoa-Textcollage «Ich, die Fliege» am ­Sogar-Theater in Zürich: Hut, Brille, ­Ärmelschoner, wie man sie noch trug in den Kontoren seiner Zeit.

Ein Dichter, viele Pseudonyme

Aber was wirklich an Fernando Pessoa war, war scheints zur Nullität entschlossen, zur Sicherheit in der Nichtigkeit und in der Liebe zum «kleinen Tintenfass». Die schien ihm so lohnend wie die Liebe zur «grossen Gleichgültgkeit der Gestirne». Und nur was Schatten und Fantasie und auch Heiterkeit in ihm war, vielfältig und sorgfältig abgespalten vom Ich, das sich klein machte, wurde ihm wirklich wirklich.

Es wurde – eine schöne Vorstellung – zur Fliege, die einmal hier sass und einmal dort und die Welt wahrnahm durch ihre Facettenaugen; und wurde Dichtung und wurde viele Dichter (seine «Heteronyme» nannte Pessoa sie), die Namen trugen und Sprache hatten für das zivilisatorische Unglück, «Ich» sein zu müssen, und für die Vorstellung von einem natürlichen Glück. Sie hiessen Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Alvaro de Campos und nur ganz selten Pessoa, was auf Portugiesisch «Person» bedeutet und manchmal auch «Maske».

Viel zu kurz

Ein wenig öffnet sich in Christian Dieterles poetischem Solo jetzt dieses Viele, dieser Denk-, Wort- und Nichtigkeitskosmos. Es genügen zur Andeutung eines dichterischen Weltdramas ein Stuhl als Bühne, eine Truhe als Erinnerungsspeicher und die hinreissende Modulationsfähigkeit eines Schauspielers. Melodiös, leise, immer ein wenig traurig schwebt da die Sprache zwischen gelassener Resignation und verhaltener Lebensleidenschaft; und, kurzum, es ist, als ahne man etwas vom glücklichen Unglück dieses Fernando Pessoa, der viele war und einmal schrieb: «Bedenk (...) die Vielgestalt des Lebens und der Tage, / nur wenn wir vielgestaltig sind wie sie, / sind eins wir mit der Wahrheit und allein.»

Der Abend im Sogar-Theater dauert gute 50 Minuten, und das Beste, was man über ihn sagen kann, das ist: Er ist viel zu kurz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2015, 18:04 Uhr

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