Das Wort spielt sich direkt ins Herz

Milo Rau, Politperformance-Pionier, wollte wissen, wieso aus hiesigen Jugendlichen Jihadisten werden. Und fand ein neues Theater und ein neues Thema: Europas Untergang und die Heraufkunft des Einzelnen.

Dröseln das Gewebe ihrer Vergangenheit auf (v. l.): Sara De Bosschere, Johan Leysen und Karim Bel Kacem. Foto: Doris Fanconi

Dröseln das Gewebe ihrer Vergangenheit auf (v. l.): Sara De Bosschere, Johan Leysen und Karim Bel Kacem. Foto: Doris Fanconi

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Wuchernde Schnörkel, güldene Putti und ein purpurner Vorhang: Ausgerechnet in der Roten Fabrik, ausgerechnet am Zürcher Theater Spektakel ragt dem Besucher eine wuchtige Plüschtheaterloge entgegen, gekrönt vom Wappen mit dem Brabanter Löwen. Der brüllt unüberhörbar, wenn auch stumm: «Hier ist das gutbürgerliche Belgien!» und «Hier ist der Raum für Fiktion!» Brüllen muss er, denn wenn der schweizerische Reenactment-Star Milo Rau Theater macht, dann genau so, wie er auch sein Nichttheater gemacht hat, etwa seine Nachstellung der «Letzten Tage der ­Ceausescus»: zweihundertprozentig.

Darum ist das optische Bekenntnis zum Bühnenzauber eine monströse Metapher; und darum folgt auf dieses Bekenntnis eine mehr als zweistündige, fünf-aktige Uraufführung mit Megaleinwand im Fond und Bach-Klavier aus dem Off, mit Stummfilm-Texttafeln und permanenter Livecam; mit Tschechow-Schnipseln und Lebensfetzen aus den Schauspielerbiografien. Das klingt nach einer total hysterischen Hochschultheatercollage. Ist der Doktheater-Extremist, der «Breiviks Erklärung» buchstabengetreu und schier ungebrochen auf die Bühne hob, vor lauter Selbstüberbietung ins Selfie-Sampeln hineingerutscht? Kein bisschen! «The Civil Wars» untersucht Bürgerkriege in der guten Stube und findet Menschen in der Misere unserer Zeit.

Die Rückseite der hyperrealistischen Theaterlogenattrappe – sie rotiert auf einer Drehbühne rasch aus dem Blickfeld – entpuppt sich als hyperrealistische Wohnzimmerattrappe: mit Familienfotos, durchgesessenen Sofas, gedrechselten Tischchen. Und der Akteur der Rahmenhandlung (auch die gibt es!), Sébastien Foucault, spielt dort – Milo Rau. Er berichtet vom Schock, den das Video von der Ermordung eines Assad-Beamten 2013 in Belgien auslöste: ein Täter sprach Flämisch. «Was treibt Jugendliche, die unter uns gross geworden sind, dazu, an den Schrecken eines Bürgerkriegs teilzunehmen, der mit ihnen nichts zu tun hat?»

Die Frage stand am Beginn von Raus Recherche, und sie war es, die ihn in besagtes Wohnzimmer führte, zu Joris’ Vater, der alles versuchte, um seinen fanatisierten Sohn aus Syrien loszueisen. Am Ende dieser Forschung gibts nun eine ­ästhetische Überraschung. Keine Antwort. Aber wer will vom Theater Antworten bekommen, wenn er gute Fragen haben kann? Die Auseinandersetzung mit den Salafisten brachte Rau also mit dem Bilderbuchvater zusammen, der sein Kind, gegen alle Widerstände, mit starkem Arm und steter Liebe aus der Scheisse holte, zumindest physisch. Ein Vater, von dem die vier Schauspieler, die Rau hier für den ersten Teil seiner Europa-Trilogie vereint, nur träumen können. Geträumt haben, als sie sich durch ihre Kindheit und Jugend kämpften.

Die Rolle der Väter

Da sitzen sie, gruppentherapeutisch um die Couch arrangiert, und dröseln das Gewebe ihrer Vergangenheiten auf: Einer spricht, einer filmt, die andern zwei starren vor sich hin – talking cure. Die vierte Wand ist ein Bollwerk. Sie sehen uns nicht, wir sehen sie doppelt: auf der Bühne, Flämisch sprechend (Sara De Bosschere, Johan Leysen) oder Französisch (Karim Bel Kacem, Foucault); und auf der Leinwand, übergross und schwarzweiss, betextet mit deutschen Untertiteln. Mal projizieren sie vergilbte Fotos an die Wand, mal Kinderkrakeleien. Aber die berührendsten Augenblicke entstehen beim schlichten Erzählen: davon, wie die 14-jährige Sara bei einem Kabarettabend ihren Vater auf der Bühne entdeckt – er hat einen psychotischen Anfall; davon, wie Sébastien ängstlich im Bett ausharrt, als er den Vater durchs Haus tigern hört, singend, verrückt; oder davon, wie der 17-jährige Karim mit Revolver im Rucksack an einer Polizeikontrolle vorbeikommt – er will seinen Schläger-Vater erschiessen.

De Bosscheres Vater, Trotzkist, IT-Genie, lebt heute in der Psychiatrie. Vater Foucault entwickelte nach dem Bankrott einen Verfolgungswahn; Bel Kacems Vater entwickelte als Marokko-Migrant ohne Perspektiven nichts ausser Trunksucht und Brutalität. Godard-Acteur Leysen verlor den Vater als Kind durch einen Autounfall; später zwei Söhne in ihren ersten Lebensminuten; und unter diesen Schmerzen sich selbst.

Geht das: solche Schicksalsschläge als Schwänke aus dem eigenen Leben zu präsentieren? Und bringt das was: die einzelnen Schrecken zu addieren, zu potenzieren, die Storys engzuführen und die Probleme Europas – Neoliberalismus, Armut und Arbeitslosigkeit, Migration, Wurzellosigkeit und Extremismus – dazu im Subtext hochzukochen? Es geht nicht nur, die meiste Zeit glückt es! Dank der mätzchenfreien Mimen, dank der konsequenten Distanzierung bei gleichzeitiger Dia-Abend-Intimität spielt sich das Wort mitten in unser Herz.

Bis 31.8.

Erstellt: 29.08.2014, 08:19 Uhr

«Ganesh Versus the Third Reich»

Klingt gaga, ist aber überwältigend

Behinderte und ein indischer Gott in Nazideutschland – darum geht es im Stück des Back to Back Theatre, das jetzt in der Werft gastierte.

«Simon, du musst Hitler spielen.» – «Denk an Bruno Ganz!» Der Regisseur auf der Bühne bemüht sich bereits seit geraumer Zeit, aus seinen behinderten Schauspielern gute Nazis und glaubwürdige Juden zu machen. Geprobt wird eine Art Dritte-Reich-Sage: Der indische Gott Ganesh, halb Mensch, halb Elefant, bricht 1943 nach Deutschland auf, um sich die Swastika zurückzuholen. Auf seiner Reise nach Berlin landet er als Versuchsobjekt bei Dr. Mengele, hilft einem aus dem KZ geflohenen Juden und kann schliesslich Hitler in der Hauptstadt das Hakenkreuz entreissen.

So gaga das Ganze klingt, so überwältigend ist das, was das australische Back to Back Theatre daraus macht: ironisch gebrochenes, umwerfend intelligentes Theater im Theater. Bruce Gladwin hat «Ganesh Versus the Third Reich» zusammen mit Profidarstellern mit Autismus, Tourette- und Downsyndrom erarbeitet. Probensituationen, in denen darüber diskutiert wird, wer nun den Juden spielen muss und wie gut jemand den Nazi darstellt, in denen zunehmend denunziert und Überlegenheit demonstriert wird, wechseln sich ab mit der Hindu- gottheit-Hakenkreuz-Geschichte.

Zwischen halb transparenten Plastikvorhängen und untermalt von einem mystischen Klangteppich entstehen da in Schattenspielästhetik märchenhaft-­tragische Szenen. Während der ganzen 100 Minuten stellt man diesen Abend nie infrage, was auch daran liegt, dass hier eventuelle Einwände gleich auf der Bühne verhandelt werden. Beispielsweise wenn der ewig Schimpfende bezweifelt, ob der Kollege denn überhaupt verstehe, was er da spiele. Und ob der mit dem Downsyndrom überhaupt unter­scheiden könne, was real und was Fiktion sei.

«Ganesh Versus the Third Reich» ist exzellentes Metatheater und grosses Drama. Am Ende überlagern sich auf erschütternde Weise Probensituation und Stück: als der Regisseur in Dr.-Mengele-Montur zum herrischen Arschloch wird, weil sein Häftlingsdarsteller partout nicht so umfällt, wie es sein Genickschuss verlangt.

Bis 30. 8.

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