Das zurechtgezoomte Aufbegehren

Der junge Regisseur Bastian Kraft inszeniert im Pfauen Jean Genets «Die Zofen» als Schachspiel für kaputte Seelen, mit Wackelvideo und Schwarzweissmalerei.

«Die Zofen», ein Herrschaftsspiel mit Handkamera. Foto: Toni Suter (T+T Fotografie)

«Die Zofen», ein Herrschaftsspiel mit Handkamera. Foto: Toni Suter (T+T Fotografie)

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Eine Hand in grobem Gummihandschuh nähert sich einem zarten Hals, hinterlässt eine schwarze Schliere auf einer weissen Wange. Die Grossaufnahme der Handkamera ist verwackelt, die Stimme wehleidig. «Und ewig diese Handschuhe!»

Die erste Szene von Jean Genets Tragödie «Die Zofen» holt uns mitten ins ­Ermordungsritual hinein, mit dem sich zwei Hausangestellte jeweils ihren Frust von der Seele agieren, wenn ihre Herrin ausser Haus ist. Am Pfauen wird dieses Ritual, wie überhaupt das gesamte Stück, in einen eigenen Rahmen gespannt: einen riesengrossen, weissen Bilderrahmen. Bühnenbildner Ben Baur hat ihn in die Schwärze hineingehängt, und fast alles, was geschieht, findet in ebendiesem Rahmen statt; zieht als hochstilisierter, schwarzweisser Bilderreigen an uns vorbei.

Aus den Brettern, die die Welt bedeuten, werden so Bretter, die ein Bild bedeuten: Regisseur Bastian Kraft hat den französischen Dramatiker beim Wort genommen. Oder besser: bei seiner Klage. Theater sei meist mehr Maskerade als Zeremonie, mehr kindisches Oberflächengehampel statt Tiefenbohrung und Metaphernspiel, kritisierte Genet 1954 vor der Publikation seiner «version définitive» des 1947 uraufgeführten Dramas. Bei Kraft aber hat dieses Oberflächen­gehampel seine eigene Tiefe erhalten: Seine Inszenierung ist nämlich gerade eine Feier der Maskerade, ein Gottesdienst fürs Auge; ist Zeremonie im Zeitalter von Selfie und Handycam.

«Ihre Berührung ist unrein!»

Mit einer Handkamera also tänzelt die Zofe Solange um ihre Schwester herum, die Zofe Claire. Olivia Grigollis Solange, ganz in Schwarz mit bravem weissem Kragen und weissen Manschetten (Kos­tüme: Baur), umkreist Claire, krümmt sich, flötet, kniet, kommt nah und näher, kippt ins Drohende: Solange spielt ihre eigene Schwester, die Dienerin Claire, während Claire selbst die Herrin gibt. Lena Schwarz’ Claire ist als Solanges Zwilling aufgemacht: die gleichen glänzend schwarzen Stilettopumps; die gleiche dunkle Pagenkopfperücke im Charleston-Look; das gleiche Liza-­Minnelli-Make-up mit den tassengrossen ­Augen und dem Kirschmund.

Aus diesem kommen allerdings ganz und gar nicht kirschsüsse Sachen. «Seien Sie ruhig, Sie dumme Person» beispielsweise oder «Wenn Sie jetzt unbedingt flennen wollen, dann bitte in Ihrer Mansarde». Selbst Anwandlungen von Güte entpuppen sich als Grausamkeiten, Höflichkeiten als Herablassung, Nettigkeiten als erotisches Innuendo. Trotzdem bleiben die Schwestern in ihrem blütenweissen Käfig gefangen wie in ihrem inzestuösen Begehren. Weiss ist das breite Bett, um das herum und auf dem die ­Soiree heruntergeschwitzt wird. Weiss sind die Konsolen an der Seite, weiss die Wände, die Vasen und die Lilien ­sowieso, mit denen die Dienerinnen das Zimmer geschmückt haben, derweil sie vor ihrem eigenen Dreck fliehen, ­immerzu fliehen.

«Ihre Berührung ist unrein!», giftet Claire in der Rolle der Herrin und hält Solange einen weissen Nachttopf ent­gegen, in dem eine schwarze Brühe schwimmt: ein Vorspiel zum wilden Action-Painting im Finale, wo Solange alles Weisse schwarz beschmieren wird.

Quasi Jean Genet 2.0

Subtil ist diese Symbolsprache nicht – aber stark. Ein Wahnsinn, wie sich da die zwei Schauspielerinnen in den Wahnsinn des Unterworfenseins hineinwerfen! Wie sich ihre Figuren selbst als Dreck betrachten und doch nach scheinbar lichten Höhen streben; wie sie die Rollen und Identitäten wechseln, wie sie sich grosse Momente als Filmheldinnen zurechtzoomen und den Hass zum dramatischen Höhepunkt zurechtschneiden! Das ist quasi Jean Genet 2.0.

Bastian Kraft, der 1980 in Deutschland geborene Regisseur, der sein Glück und seine Wahlheimat in Zürich gefunden hat, reizte dieser ästhetisierte und von vornherein vergebliche Klassenkampf kaputter Seelen. Denn er identifiziere sich einerseits mit der Aussenseiterposition der Zofen und ihrer Lust am Rollenspiel, sagt er, sehe seine wie unsere Lebensrealität andererseits auf der Seite der gnädigen Frau. Kraft hat den Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Abgrenzung vom Bürgertum und der Sehnsucht nach Teilhabe daran in eine Art theatrales Schachspiel übersetzt, in dem Susanne-Marie Wrage schliesslich als weisse Königin ihren grossen Auftritt hat.

Mehr Schaulust geschenkt

Die Zofen haben den gnädigen Herrn mit falschen – anonymen – Anschuldigungen ins Gefängnis gebracht: ein Anlass für Madame, eine melodramatische, aber exakt abgezirkelte Pirouette zu drehen. Als Claire und Solange, die ihrerseits jeden Halt längst verloren haben, von der Freilassung des Herrn erfahren, fürchten sie, dass ihre Intrige ans Licht kommt. Sie planen, die gnädige Frau zu vergiften.

Aber die hat nicht nur ein kaltes Herz, sondern bewahrt auch einen kühlen Kopf, stellt Vermutungen an und rauscht ab, ohne ihren Tee getrunken zu haben. Auftakt für eine letzte rituelle Ermordung der Dame, einen echten Suizid und eine irre Schwarzmalerei. Am Schluss werden sich dann, filmisch, schwarze Bäche über die bereits verschmutzten Wände ergiessen und das Bild im Riesenrahmen vollends zerstören.

Wo Stefan Pucher seine «Zofen»-Inszenierung 2014 vom schwarzweissen Gruftie-Look in ein Gothic-Event überführte, beschränkt sich Kraft auf eine künstliche, kinematophile Theatersprache, und Arthur Fussy hat dazu einen getriebenen Streichersound komponiert, als illustriere er Peter Greenaways «The Belly of an Architect». Das ist ­konsequent. Und erinnert doch – oder gerade daher – fatalerweise an Krafts «Steppenwolf»-Inszenierung im Schiffbau 2012, eine von allem Pathos gesäuberte Texterkundung.

Immerhin hat Kraft den «Zofen» innerhalb des Bilderrahmens mehr Theater gestattet. Und uns mehr Anknüpfungspunkte und auch mehr Schaulust geschenkt, schon durchs tolle Ensemble. Darum ist diese selbstreflexive Bilderweltenmesse im guten wie im schlechten Sinn vor allem eins: dekorativ.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2015, 18:08 Uhr

Bastian Kraft

Regisseur.

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