Dem «Franzos im Aargau» fehlt es an Esprit

Der Regisseur Volker Hesse inszeniert in Wettingen das Theaterstück von Thomas Hürlimann mit Gilles Tschudi in der Titelrolle. Ein problematisches Unterfangen.

Ein Mann in Schieflage: Gilles Tschudi in der Titelrolle von Hürlimanns Stück «Franzos im Aargau».

Ein Mann in Schieflage: Gilles Tschudi in der Titelrolle von Hürlimanns Stück «Franzos im Aargau». Bild: Alex Spichale

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Was für eine wunderschöne Anlage das Kloster Wettingen doch ist, wo Volker Hesse im Rahmen der diesjährigen Klosterspiele Thomas Hürlimanns «De Franzos im Aargau» inszeniert. Und was für eine tolle Idee, dass Hesse seine Zuschauer in Gruppen einteilt und vor Beginn der HürlimannKomödie auf einen szenischen Parcours durch die Klosteranlage führen lässt, denkt man – und wird schon bald vom Gegenteil belehrt. Auf einer Wiese in einem Innenhof des Klosters stehen mehrere Frauen und beugen sich – offensichtlich schwer psychotisch – über blutig gefärbtes Wasser; eine von ihnen knallt kopfüber ins Gras.

Bild für einen Genozid

Auf den Stationen des Rundgangs bekommt man wiederholt solche szenischen Bilder zu sehen. Bilder, die man mit dem Jahr 1798 in Verbindung bringen wird, in dem Hürlimanns Stück spielt – nicht zuletzt weil man im Programmheft zu lesen bekommt, das Kloster Wettingen sei «einst ein markanter Schauplatz der napoleonischen Kriegswirren» gewesen. Da könnte man glauben, die Klosteranlage sei 1798 Schauplatz eines kriegerischen Gemetzels von gewaltigem Ausmass gewesen.

Wirklich problematisch wird es auf der letzten Station des Rundgangs, nachdem in der Klosterkirche Männer in Mönchskutten singend die Hände zum Himmel gereckt hatten, nachdem man Frauen in schwarzen Umhängen klagend über Särgen trauern gesehen hatte und nachdem man an einer Wiese vorbeigeführt worden war, auf der – Bild für einen Genozid – unzählige Kleidungsstücke ausgelegt sind. Ein Zeitzeuge erzählt aus den Jahren 1933 bis 1945 und beschreibt die Angst nach der zweiten Generalmobilmachung im Jahr 1940. Spätestens dann entsteht der Eindruck, mit dem Parcours solle die Schweiz zu einem Opferland stilisiert werden, das wiederholt von Krieg, Angst und Verzweiflung heimgesucht wurde. Das kann nicht Volker Hesses Absicht gewesen sein.

Pralle Figuren und deftiger Witz

Nach diesem problematischen Rundgang sieht man dann also Hürlimanns «De Franzos im Aargau», eine Dialektkomödie, die 1991 als «De Franzos im Ybrig» zur Uraufführung kam: Vor dem Anmarsch der Franzosen im Jahr 1798 ziehen sich die Schweizer Männer in ein Reduit zurück, um von dort aus «für Gott, für das Vaterland – und gegen das Dezimalsystem» zu kämpfen, das die Franzosen einführen wollen (bei diesem Witz lacht bei der Premiere auch Christoph Blocher). Ihre Frauen lassen die wehrhaften Mannen zurück und geben ihnen den Rat, «Hudelfraueli» aus sich zu machen, damit sie für die anrückenden Franzosen unattraktiv sind. Die Frauen folgen dem Rat und drecken sich ein. Doch wie das in solchen Komödien halt ist: Allzu lange halten die Frauen es ohne ihre Männer nicht aus, und so machen sie sich über den einzigen Mann her, der verfügbar ist: den harmlosen, holzbeinigen Landschaftsmaler Foulon (gespielt von Gilles Tschudi), der im Dienste Napoleons steht und als EinMann-Avantgarde das Dorf erreicht.

Spass macht der Theaterabend vor allem wegen der herausragenden Leistungen von Albert Freuler als Sargtöneli und Vreni Urech als Mutter Kälin. Sie geben Hesses Volkstheater-Inszenierung genau das, was ihr grösstenteils fehlt: pralle Figuren und deftigen Witz. Gewiss, es gibt eine beeindruckende Massenszene, in der die von den Frauen umgebenen Männer in den Krieg ziehen und in der man die rund hundert hoch engagierten Laien zu sehen bekommt, die den Abend mittragen. Aber insgesamt mangelt es Hesses Inszenierung an einer einheitlichen Ästhetik und – man muss das leider sagen – auch an Esprit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2011, 08:21 Uhr

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