«Den kleineren Teil verprassen»

Die 21-jährige Zürcherin Katja Brunner hat den renommierten, mit 15'000 Euro dotierten Mühlheimer Dramatikerpreis gewonnen. Wie weiter, Frau Brunner?

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Frau Brunner, was halten Sie von Elfriede Jelinek?
(lacht) Sehr viel, klar. Ich habe riesigen Respekt vor ihrer jahrzehntelangen Arbeit, ihrem Erfindungsreichtum, ihrer Sprachqualität, ihrem Angriff auf versteinerte Sprachformen.

Jelinek war ebenfalls für den Preis nominiert. Wird ihre Prämierung dadurch für Sie noch spezieller?
Auch wenn ich mich natürlich sehr geehrt fühle: Dass ich jetzt gewonnen habe, hat auch mit sehr viel Glück zu tun.

Der Preis ist mit 15'000 Euro dotiert – was machen Sie damit?
Den grösseren Teil auf die Seite legen und den kleineren Teil verprassen. Ich werde wohl lange Ferien in der wunderbaren Stadt Odessa machen - 15'000 Euro zu verprassen in Odessa dauert nämlich ziemlich lange! (lacht) Vielleicht werde ich mir auch eine Katze zutun.

Sie sind erst 21, haben das prämierte Stück aber bereits mit 18 getextet. Hat sich ihr Blick auf «Von den Beinen zu kurz» im Verlauf der Zeit verändert?
Es ist sicher nicht so, dass ich mir heute den Text anschaue und mich dafür schäme. Ich kann immer noch dahinter stehen – auch hinter der Inszenierung in Deutschland, jener von Heike Marianne Götze in Hannover also.

Wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen?
Mich interessieren Machtgefälle, Abhängigkeiten und Systeme, die Abhängigkeit erzeugen. Diese versuche ich in starken – in nahen, eventuell zu nahen – Nahaufnahmen kenntlich zu machen. Das Stück hat keinen autobiographischen, sondern einen zeitgeschichtlichen Hintergrund. In der Zeit, als ich den Text verfasst habe, kamen in kurzer Zeit relativ viele Missbrauchsfälle ans Licht – Fritzl war der bekannteste davon. Mich störte die mediale Verwurstung dieser Fälle, diese Verengung auf eine Schwarz-Weiss-Perspektive: Den Opfern wurde eine Stimme abgesprochen, und die Täter waren Verkörperungen des absolut Bösen, sodass in den eigenen Reihen jede und jeder von der Prüfung der eigenen Lust am Missbräuchlichen schnurstracks enthoben war.

Um welche Sichtweise gings Ihnen stattdessen?
14'685 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch gabs letztes Jahr in Deutschland – das sind alleine diejenigen, die ans gerichtliche Licht kamen. Das allein zeigt ja, dass es sich nicht um einen singulären kranken Auswuchs handelt. Mir ging es um einen Blick auf jene Fälle, in denen das Leben nach aussen weitgehend normal weiterläuft, die abgeschirmt sind von einer vermeintlichen Normalität.

Ihr Stück wurde in Zürich und in Hannover aufgeführt. Wie unterschieden sich die Wahrnehmungsweisen?
Das ist schwer zu vergleichen. Eine Pauschalisierung der Reaktionen scheint mir eher schwierig.

Und was kommt für Sie als nächstes?
Puh, einiges. Ich habe gerade mit meinem zweiten Stück «Die Hölle ist auch nur eine Sauna» am Heidelberger Stückmarkt teilgenommen; am Theaterhaus Gessneralle haben eben die Vorproben zu einem weiteren Stück unter der Gesamtleitung von Ivna Zic begonnen. Es wird im Oktober aufgeführt werden, ich werde auch auf der Bühne stehen. Ausserdem führe ich weiterhin meine musikalischen Lesungen namens «Late Night» durch. Daneben werde ich im nächsten Jahr mein Doppel-Studium in Biel und Berlin abschliessen. Und schreiben, schreiben, schreiben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2013, 18:18 Uhr

Zur Person

Katja Brunner (*1991) ist in Zürich aufgewachsen. 2009 und 2010 nahm sie am Workshop «Dramenprozessor» des Zürcher Theaters Winkelwiese teil. In dieser Zeit enstand ihr Stück «Von den Beinen zu kurz», das am 31. März 2013 am Winkelwiese-Theater uraufgeführt wurde und für das sie diesen Donnerstag mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet worden ist (Preisgewinner war 2012 Peter Handke, 2011 wars Elfriede Jelinek). Derzeit studiert Brunner Literarisches Schreiben am Literaturinstitut in Biel und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin. (lsch)

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