Der Abend, an dem ich auf Youtube tanzte

Eine Familie auf Youtube wird zum Bühnenstück von Gob Squad: In «Western Society» begegnete man am Festival Keine Disziplin dem ganz normalen Unglück.

inszeniert in «Western Society» den ganz normalen Wahnsinn. Foto: PD

inszeniert in «Western Society» den ganz normalen Wahnsinn. Foto: PD

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2 Minuten, 55 Sekunden: Der Clip auf Youtube ist bloss eine selbst gebastelte Momentaufnahme von einem Familienfest rund um ein Sofa. Hinten schwoft das Grosi allein vor sich hin, vorn starrt die Enkelin ins Smartphone und links der Onkel in ein Buch. Die Tante rechts schaufelt Torte in sich hinein, und der Typ in der Mitte jault ins Karaoke-Mikro, bis ein anderer mit der Fernbedienung genervt das Lied wechselt. Der ganz normale Wahnsinn halt: Man ist zusammen, und doch siecht jeder auf seinem eigenen Planeten dem Tod entgegen.

Im einsamen Westen

Ein Zufallsfund, aber die Postdramatiker der deutsch-englischen Kultformation Gob Squad klickten, sahen und liebten. Sie lasen diese Netz-Nullnummer aus Kalifornien als Schnappschuss einer Explosion von Einsamkeiten mitten im Innenraum der westlichen Gesellschaft – eben im «Living Room». Darum ist ein Wohn-und Lebezimmer der Schauplatz ihres zweistündigen, modulierten Clip-Reenactments vor der Livecam, das den Titel «Western Society» trägt. Und nun, zum Auftaktwochenende des dreiwöchigen Festivals Keine Disziplin an der ­Gessnerallee, kamen wir dorthin, sahen und liebten.

Nach einem furiosen Sprint durch die Erd- und Kulturgeschichte landen wir also vor dem Ledersofa: Das preisgekrönte Team setzt sich in die Positionen der Fremden und repliziert die Familienaufstellung mit wechselnden Rollen. In Zürich geben Johanna Freiburg, Damian Rebgetz, Berit Stumpf und Sarah Thom die Spieler und Regisseure in einem. Sie schicken sieben Zuschauer zu der Party, die man auf der Leinwand verfolgt; und während über die Videofiguren spekuliert wird, klopft bei den Ensemblemitgliedern die Vergangenheit an. Warum bin ich nicht mit Vater nach Sizilien gefahren? Wieso erzählt meine Tochter mir nichts über ihren Freund? Was wäre wichtig in unserer Gesellschaft, und was ist de facto wichtig? Wie glücklich bin ich auf einer Skala von 1 bis 10, und wie schuldig? Und sind die Gründe dafür nicht identisch?

Ein Treffer nach dem anderen

Der Abend hat uns die Schizophrenien des Westens nicht bloss vorgeführt, wir haben sie mitgefühlt – euphorisiert vom zuckersüssen Seelenmassagen-Soundtrack, der von The Mamas & The Papas bis zu Michael Jackson reicht; amüsiert von der zwar hammerhart theoretisch grundierten, aber weich gespülten Form von Mitmachtheater, welche die zwanzig Jahre alte Gruppe mittlerweile perfektioniert hat; und, schliesslich, berührt von den laut in den Raum geworfenen, ungemütlichen Grundsatzfragen zum richtigen Leben im falschen, von den Aporien der Spass- und Schuldgesellschaft und dem Schmerz darüber. Touché!

Touché, genau das muss man auch den Machern des Gessnerallee-Programms zurufen. Denn sie landen einen performativen Treffer nach dem anderen: Was in der Gessnerallee gezeigt wird, mag nicht immer Begeisterungsstürme auslösen, aber meistens wühlt es auf, treibt es um, tritt es unsanft in den Theaterhintern. Da durften jüngst etwa Markus & Markus ihr durchaus diffiziles Projekt über einen selbst gewählten Tod präsentieren. Und am Freitag eröffnete das Festival mit «Kein Applaus für Scheisse» von Florentina Holzinger und Vincent Riebeek – wobei die grosse Erleichterung vorderhand darin bestand, dass es keine Scheisse auf der Bühne gab (was bei Holzingers nur wenig älterer Mentorin Anne Liv Young durchaus vorkommen kann).

Ansonsten nämlich gabs alles: entblösste Blössen sowieso; Fruchtgummischnüre, die von Riebeek aus Holzingers Scheide herausgeknabbert wurden; blaue Kotze, die sich in grossen Schwällen aus Riebeeks Mund auf Holzingers halbnackten Körper ergoss; ungefärbten Urin, live produziert von ihm als eine Dusche für sie.

Ein Joint von der Bühne

Dieser fünf Jahre alte Festivalhit «Kein Applaus für Scheisse» ist gedacht für Zuschauer ab 18 Jahren, sieht aber aus wie von 15-Jährigen gemacht. Und er versteht sich, natürlich, als eine spielerisch-ironische Hommage an die Pioniere der Performancekunst in den Sechziger- und Siebzigerjahren; ausserdem als unbarmherziger Selbstfindungstrip des niederländisch-österreichischen U-30-Performance-Paars, das die Arbeit noch während Studienzeiten entwickelte, als zirzensisches Kunsthandwerk aus schierem Spass an der Freud.

Aber zuletzt sollte «Kein Applaus für Scheisse» eine Künstlerfeier sein, und die heimste für all die verzweifelt schicken «Wäääh»-Effekte und Tabubrüche auf der «Jöööh»-Ebene viel Applaus ein. Hat Ihnen schon einmal ein Schauspieler von der Bühne her einen Joint gereicht? Ein Seufzer, und her mit dem Ding: Wer will denn schon als Spiesser gelten. In «Western Society» aber, der tollen Arbeit von Gob Squad, hat sich genau diese Angst in Luft aufgelöst: Jeder in unserer zartbitteren Fake- und Facebook-Gesellschaft ist eh ein Spiesser. Und gerade deshalb und gerade trotzdem, wenn er bei diesen Performern mit drinsitzt, auch ein Geniesser.

www.gessnerallee.ch

Erstellt: 25.01.2015, 19:27 Uhr

Bob Squad

«Western Society», Quelle: Youtube

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