Der Dällebach verzückt die Herzen

Mit einem Tag Verspätung wurde in Thun das Freilicht-Musical «Dällebach Kari» uraufgeführt.

«Kari isch Kult, yes he can»: Der Dällebach Kari (Hanspeter Müller-Drossaart) und seine Fans im Bern der wilden Zwanziger.

«Kari isch Kult, yes he can»: Der Dällebach Kari (Hanspeter Müller-Drossaart) und seine Fans im Bern der wilden Zwanziger. Bild: Markus Grunder

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Es war ein Thuner Kuriosum, dass die erste Aufführung des «Dällebach Kari» am lauen Donnerstagabend gar nicht die offizielle Premiere war, denn diese, also das Fest mit den festen Grössen der Schweizer Unterhaltungsindustrie, wurde ja am Mittwoch abgesagt wegen der Sturmwarnung und ist jetzt auf den Montag verschoben. Und so waren denn vorgestern Donnerstag ausser Walo Lüönd, dem ja der Kari als Film-Kari ein gutes Stück seiner gesamteidgenössischen Unsterblichkeit verdankt, keine weiteren erkennbaren Promis in Thun, sondern lauter angenehm normale Leute, die jedoch von den Thunern – das muss man diesen lassen, das können sie einfach – so zuvorkommend umsorgt wurden, als wären sie die Prominenz. Dazu plätscherte der See, und der Niesen thronte beschützend zur Rechten. Das war der Rahmen, und er war schön.

Und dann kam das Musical, und das war wunderschön. Es begann mit der barfüssigen Leiche des Kari, die in einem Karren über die Bühne gezogen wurde, Dutzende von schwarz gewandeten Menschen stiegen trauernd aus den Fensterlöchern einer nach hinten gekippten Berner Altstadtfassade, aus der sich einzig der Zytglogge-Turm erhob, und sie alle sangen das Lied, mit dem auch Kurt Frühs Film «Dällebach Kari» (1970) beginnt, Mani Matters Ballade vom Kari nämlich, und am Ende kam der Kari (Hanspeter Müller-Drossaart, der bis vor wenigen Tagen wegen einer Blinddarmoperation im Spital lag) selbst auf die Bühne und redete in Walo Lüönds nasalem Kari-Slang, und da war es um die kritische Distanz bereits geschehen.

Scheitern ist keine Option

Es half auch nicht zu einer emotionalen Nüchternheit zurück, dass bei allen möglichen Gelegenheiten das historisch verbürgte Lieblingslied des lustigsten und tragischsten und überhaupt beliebtesten Coiffeurs, den die Schweiz jemals hatte, erklang. Es heisst «Wie die Blümlein draussen zittern» und mündet in «drum bleib bei mir und geh nicht fort, mein Herz ist doch dein Heimatort». Schweizerischer kann eine Liebeserklärung nicht sein. Und immer wenn die Musik zu sehr in ihrer Verschränkung von Volksliedseligkeit und fernsehorchesterhaftem Schwulst daherzusülzen drohte, kam ein Bombardement von Karis knochentrockenen Witzen.

Es wurde also heftigst mit den Kari-Emotionen gezeuselt, aber das ist ja auch der Kern von Musicals an sich: Emotionen (gefühlige Story) plus Emotionen (süffige Unterhaltungsmusik) plus Emotionen (Berndeutsch, wie im schweizerischen Sonderfall beim Kari und bei «Ewigi Liebi») ergeben noch mehr Emotionen (beim Publikum). Denn das Musical, und besonders das Mundartmusical heute, es ist ein abgekartetes Spiel, ein überaus dreistes Stück Kulturindustrie, mit Betonung auf Industrie, und wenn es gut gemacht ist, dann lachen und weinen seine Konsumenten auch wie vorprogrammiert.

Es ist vollbracht

Katja Früh, Kurt Frühs Tochter und «Lüthi & Blanc»-Erfinderin, hatte das Drehbuch zum Musical geschrieben, der Berner Komponist Moritz Schneider, der für seine Musik zum Film «Breakout» den Schweizer Filmpreis erhalten hatte, komponierte mit seinem Partner Robin Hoffmann, und die Zürcher Filmemacherin Anna Luif stand als dramaturgische Beraterin zur Seite. Der Deutsche Christian Struppeck, der für Udo Jürgens das Musical «Ich war noch niemals in New York» designt hatte, widmete sich dem «Creative Development», Udo-Jürgens-Texter Wolfgang Hofer textete, und am Ende übersetzten Pascal Dussex und das Berner Liedermacher-Urgestein Tinu Heiniger alles auf Berndeutsch. 400 Leute fanden dank des Musicals eine Beschäftigung in diesem Sommer, über 60 000 Karten sind bereits verkauft, Scheitern ist in so einem monumentalen, wohl kalkulierten Fall von Unterhaltung gar keine Option.

Und eben: Es ist vollbracht, und es ist geglückt. Die aus dem Film bekannte Geschichte wurde ein wenig umgebaut und auf die Liebe zur Fabrikantentochter Annemarie (Carin Lavey, eine Sängerin, so blond und süss wie Honig) zugespitzt, sie hat mit der Historie nicht mehr allzu viel zu tun, ergibt aber deutlich mehr Dramatik. Und ein dämonischer Bösewicht und Kari-Verführer wurde eingeführt, nämlich der «Alkohol» (der tolle Sergio-Maurice Vaglio). Allgemein wimmelt es nur so von prächtigen Massenszenen, etwa einem Volksfest in Trachten, schamlos patriotisch mit Berner Fahnenschwingern hinterlegt, einem schicken Coiffeur-Ballett oder einer aus dem Moulin Rouge entlehnten Begegnung von Kari mit den locker korsettierten Schönen der Nacht.

Und ewig blühen die Geranien

Die Liebe mit Annemarie ist mit Geranienkästen geschmückt – es ist dies quasi die Heiligsprechung der Kultur des «bluemete Trögli» –, und als Annemarie in einer himmeltraurigen Hochzeit an Karis ehemals besten Freund, den Nationalrat Aeberli (David Morell) verschachert wird, erklingt dazu das traurigste Lied der Schweiz, das Lied vom «Simelibärg». Ein genialer Druck auf alle Tränendrüsen. Zur Erfrischung gibt es die Herzliszene, als Karis Bern sich schon in den leichtherzigen 20er-Jahren befindet und sich ihm die Berner Jugendszene mit roten Herzballonen, mit Charleston-Schritten und mit dem textlich etwas albernen «Kari isch Kult, yes he can» zu Füssen wirft. Der Kari geniesst es. So, wie es auch Hanspeter Müller-Drossaart geniessen dürfte. Kari ist sein Triumph. Denn perfekter hätte man Walo Lüönd nicht nachahmen können. Und das ist schliesslich der Kari, den die Schweiz bis jetzt so sehr geliebt hat. Den echten, den Alkoholiker mit der Hasenscharte, der immer seinen Kunden davonlief, den hätte sie heute in Wirklichkeit vielleicht gar nicht mehr so gern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2010, 20:09 Uhr

Freilicht-Theater 2010

Wilhelm Tell Text: Friedrich Schiller; Regie: Franca Biasoli; Ort: Interlaken. Der Klassiker unter den Schweizer Sommertheatern.Bis 4. September. www.tellspiele.ch

Farinet der Falschmünzer Text: Markus Keller; Regie: Reto Lang; Ort: Freilichtmuseum Ballenberg. Passend zur Bankenkrise: Der legendäre Walliser Falschmünzer Farinet als Bühnenheld. Bis 21. August.www.landschaftstheater-ballenberg.ch

Die Königin von Saba Freilicht-Tanztheater. Regie: Giovanni Netzer; Ort: Julierpass, Anreise nur mit Postauto. Die Legende der Herrscherin, die König Salomon bezirzte, auf 2300 Metern. Bis 7. August. www.origen.ch

Die schwarzen Brüder Musical. Text: Mirco Vogelsang, nach dem Roman von Lisa Tetzner und Kurt Held; Musik: Georgij Modestov; Inszenierung: Holger Hauer; Ort: Walenstadt. Nach «Heidi» sorgen jetzt die Verdingkinder für feuchte Augen am Walensee. 22. Juli bis 21. August. www.dieschwarzenbrueder.ch

Die schwarze Spinne Musiktheater. Text: Jeremias Gotthelf; Musik: Goran Kovacevic; Ort: Seeburgpark Kreuzlingen. Gotthelfs unheimliche Novelle um das grosse Monster der Schweizer Literatur. 22. Juli bis 22. August. www.see-burgtheater.ch

Einstein Text und Regie: Livia Anne Richard; Ort: Gurten. Albert Einstein entdeckte seine Relativitätstheorie 1905 in Bern. Wer war der Mensch hinter dem Genie? 24. Juli bis 11. September. www.theatergurten.ch

Wie es euch gefällt. Text: William Shakespeare; Regie: Peter Niklaus Steiner; Ort: Sihlwald. Shakespeares Komödie über Aussteiger, im Wildnispark Zürich. 29. Juli bis 22. August. www.turbinetheater.ch

Anna Göldi Text: Perikles Monioudis; Regie: Barbara Schlumpf; Ort: Mollis. Die tragische Geschichte der 1782 als Hexe enthaupteten Magd Anna Göldi, aufgeführt an Originalschauplätzen. 4. August bis 28. August.www.annagoeldi.chLink

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