Der Masturbator

In seinem neusten Soloprogramm spielt Beat Schlatter einen Pornosüchtigen. Weil das Stück die Realität ausklammert, kann man sogar darüber lachen.

Ausschnitt aus «Pornosüchtig».


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Einen kurzen Moment des Unbehagens gibt es doch in Beat Schlatters Soloprogramm. Dann, als er Helen, eine Zuschauerin, auf die Bühne bittet, um mit ihr Liebesstellungen durchzuexerzieren. Sie wissen schon: die Bambusspalte, den Tigersprung, die Budapester Beinschere, und wie sie alle heissen.

Helen macht beschämt mit, und das Publikum lacht. Aus Erleichterung, dass es nicht ausgewählt wurde, und auch ein wenig aus Verlegenheit. Es ist ja auch ein schmuddeliges Thema, das sich Schlatter da zusammen mit Regisseur Pascal Ulli ausgesucht hat: Im Theater Stok ist er «pornosüchtig», so der Titel von Ullis Übersetzung des Broadwayhits «The Accidental Pervert».

Narrativ einer Erlösung

Schlatter tritt als Beat auf, als «zufällig Perverser», und erzählt seine Lebensgeschichte. Wie er als 11-Jähriger auf die einschlägige Filmsammlung seines Vaters stiess und seither Nachmittage masturbierend vor dem Fernseher verbrachte. Wie er am Ende alles wusste über Sex, aber nichts über Beziehungen. Und wie er selbst Vater wurde und die Dankbarkeit ihn endlich dazu veranlasste, seine Pornos wegzugeben. Es ist das Narrativ einer Erlösung.

Nur wovon handelt die Befreiung dieses Beat? Am Ende steht er als Opfer seiner Triebe da, als Geläuterter und Sympathieträger. Pornofilme sind seine befremdliche Vorliebe. Welche realen Folgen eine solche Sucht mit sich bringt, etwa Gefühle des Selbstekels, Auswirkungen aufs Sozial- und Berufsleben, das klammert Goffmans Stück elegant aus. Was auch nicht weiter stören würde, hätte es nicht den Anspruch, genau das zu tun: Konsequenzen aufzeigen.

Schlüpfrig, aber gesellschaftsfähig

Zumindest jene, über die man lachen kann. In einem Quiz mit einem akustisch eingespielten Beni Thurnheer weiss Beat alles über rasierte Genitalbereiche. Mit seinem Vater hätte er gern über Oralszenen diskutiert. Und die Titel seiner Filmchen weiss er auch alle auswendig: «Analstufe Rot». «Ben Hure». «Dornmöschen». Nun gut, wegen lustiger Pornotitel muss man nicht ins Theater.

«Pornosüchtig» wagt sich auf schlüpfrigen Grund, rettet sich aber doch immer auf den sicheren Boden der Gesellschaftsfähigkeit. Ein Terrain, das Beat am Anfang verlässt: Da kann man ihm beim Onanieren unter dem Bademantel zuschauen. Und bekommt wenigstens ein Bild, worum es hier eigentlich geht.


(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.02.2015, 13:17 Uhr

Infobox

Pornosüchtig läuft noch bis zum 21. Februar im Theater Stok in Zürich. Weitere Informationen: www.theaccidentalpervert.ch

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