Der Phantomschmerz bleibt

In Bern bringt Michael Simon das rätselhafte Prosastück «Blaubart» von Max Frisch auf die Bühne – als vielschichtige Collage zwischen den Sparten.

Felix Schaad (Stéphane Maeder), hier als Projektion, ist unglücklich: Er hat eine blaue Krawatte, aber kein Alibi. Doch macht ihn das zum «Blaubart»?

Felix Schaad (Stéphane Maeder), hier als Projektion, ist unglücklich: Er hat eine blaue Krawatte, aber kein Alibi. Doch macht ihn das zum «Blaubart»? Bild: zvg/Philipp Zinniker

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Regisseur Michael Simon hat sich die Aufgabe nicht leicht gemacht. Er hat mit Max Frischs letztem Prosawerk ein irritierendes Buch ausgewählt für sein interdisziplinäres Projekt. Dieser «Blaubart» besteht einzig aus Dialogen und Monologen. Man wird Zeuge eines Verhörs. Ein gewisser Dr. Felix Schaad, Mediziner, 54, ist des Mordes an seiner sechsten Frau angeklagt. Für die Staatsanwältin (bei Frisch ist es ein Staatsanwalt) steht das Motiv fest: Eifersucht. Doch Schaad wird vom Gericht freigesprochen. Es fehlen die Beweise. Für ihn ist der Albtraum mit dem Freispruch nicht zu Ende. Im Gegenteil: Jetzt beginnt er erst.

«Blaubart»-Mythos

Schaad wird zum Gepeinigten der Stimmen und Bilder in seinem Kopf. Die Vergangenheit führt ein wildes Eigenleben. Schuldgefühle, Gewissensbisse, Erinnerungslücken quälen ihn bis zum Wahnsinn. Er versucht sich abzulenken. Wandern, Billardspielen. Alkohol. Doch die Wahnvorstellungen lassen sich weder ersäufen noch verdrängen. Die Vergangenheit hängt an Schaad wie eine bleierne Last. Die vergebliche Suche nach Erlösung lässt ihn mit dem Auto in einen Baum rasen. «Herr Schaad, Sie könnten tot sein», heisst es zum Schluss.

Er liegt im Spital. «Wir können nicht verstehen, was Sie sagen wollen.» Schaad sagt nichts mehr.Kein einfacher Stoff, zumal er zeitliche Sprünge beinhaltet und sich in einem virtuellen Raum abspielt: im Kopf des Protagonisten. Michael Simon tut das Richtige: Er wählt einen eigenen Zugang zur (gekürzten) Vorlage, stellt eigene Musik zusammen und verzichtet auf die Verweise auf bekannte Umsetzungen des «Blaubart»-Mythos, wie etwa jene von Bartók (Oper) oder Pina Bausch (Tanz).

Unter dem Brennglas

Ein betörend suggestiver Klang steht am Anfang dieses Spiels. Das Berner Symphonieorchester rührt die Farben an. Mit Bläsern und Streichern aquarelliert das Orchester einen überschwänglich schwebenden Strom aus Musik. Zart und eigenwillig dehnt der Komponist Franz Schreker (1878–1934) in seiner Kammersinfonie die Harmonien bis an ihre Grenzen, ohne diese zu überschreiten. Gut gewählt ist diese Filmmusik, die Zeit und Raum mit Sehnsucht koloriert. Man möchte sich in den Strom fallen lassen. Und ahnt, es könnte ein freier Fall in den Abgrund werden.

Der Vorhang geht auf. Und man erschrickt. Von der Leinwand glotzt ein riesiges Augenpaar. Es gehört diesem Doktor Schaad, der Felix heisst, und doch alles andere als glückselig ist. Hat er sie nun erdrosselt mit seiner blauen Krawatte? Oder doch nicht? Das Gesicht auf der Leinwand wirkt wie unter einem Brennglas. Als ob man darin die Wahrheit ablesen könnte! Der Körper, der zu diesen Augen gehört, hängt kopfüber aus einem Unfallauto. Ein Filmstill in dramatischem Schwarzweiss (Video Chris Ziegler). Gekonnt ist das Spiel mit dem Vagen, verführerisch das Spiel mit der Unsicherheit.

Die Schlange aus dem toten Fisch

Der Einsatz multimedialer Elemente überzeugt. Entlang der betörenden Klänge, die das Berner Symphonieorchester (Leitung: Sébastien Rouland) beisteuert, kommt die Zeitmaschine in Gang. Sie führt zurück bis vor den Unfall. Hinter der Projektion erkennt man eine reale Welt. Ein Haus, zweistöckig, mit Treppen, Zimmern, Türen.

Entlang ausgewählter Motive aus Max Frischs Roman «Blaubart» spinnt Michael Simon einen Kokon aus Schuld, der sich um die Hauptperson legt. Schaads Psyche wird zermürbt, gelöchert. Bis er nicht mehr kann und will. Man denkt an das Traumbild, von dem er bei Frisch seiner Analytikerin erzählt. Dem Fisch, der eine Schlange verschluckt und daran stirbt, während sich die Schlange langsam aus dem toten Fisch herauswindet. Das ist es doch.

Frei, aber kein Alibi

Kein Wort wird gesprochen in diesem Eingangstrailer. Doch es besteht kein Zweifel: In diesem Haus wurde Rosalinde Z. mit einer blauen Krawatte erdrosselt. Und Felix S. hat eine blaue Krawatte, aber kein Alibi. Im Bühnenbild tauchen wie aus dem Unterbewusstsein Frauen auf. Eine mit roten Handschuhen, eine mit einem Telefon. Eine mit schwarzen Flügeln. Eine Putzfrau, eine Tänzerin (Irene Andreetto), die im Stehen baumelt, als wäre sie aufgeknüpft worden. Traumähnlich und assoziativ entstehen und vergehen die Bilder.

Der Phantomschmerz bleibt: dieses Wissen, dass da mehr ist. Und dann fällt der erste Satz wie eine Guillotine. «Ich bin nicht der Täter», schreit Schaad. Schrekers Musik verstummt. Jetzt müsste es losgehen. Das Argumentieren, Verteidigen. Irgendwas. Es folgt eine leise Enttäuschung. Pause.

«Warum lügen Sie?»

Das organische Verknüpfen der drei Sparten will (noch) nicht durchwegs gelingen an diesem insgesamt eindringlichen Theaterabend. Oft bleibt es beim interdisziplinären Nebeneinander. Nach der Pause beginnt das Kreuzverhör. Stéphane Maeder als physisch wuchtiger Medicus, der sich zusehends verunsichern lässt und schliesslich verblasst, trägt das Spiel. Das Publikum wird einbezogen in dieses traumatische Gericht, die Fragen an den Angeklagten kommen auch von den Galerien. «Warum lügen Sie?», knallt die Stimme der Staatsanwältin (Henriette Cejpek) in den Raum.

Das Verhör findet vor dem Vorhang statt. Kalt und mit maskulinem Schneid macht die Staatsanwältin ihren Job. Forsch, laut und voreingenommen. Klar: Sie denkt, dass er schuldig ist. Genervt stochert sie im Liebesleben des Angeklagten, will den Fall hinter sich bringen. Und muss den Typen mit dem speckigen Haar schliesslich freisprechen.Man mag ihn, Schaad, diesen Elenden. Und wenn er seinen Leib in Bewegung versetzt und losrennt, Türen aufstösst, um die Wahrheit zu finden, dann wünschte man ihm, er fände Erlösung.

Komödiantische Glanzleistung

Doch stets lauern da seine Vergangenheit und die Geliebten. Alle diese Klone (auch der Chor und die Gesangssolisten gehören dazu) haben geschwärzte Augenpartien und stecken in fleischkäsefarbenen Hängern mit Krawatten, blickdichten Strümpfen, silbrigen Stöckelschuhen (Kostüme: Anna Eiermann). Sie locken ihn ins Schlafzimmer. Schlagen ihm weisse Lilien um die Ohren. Oder legen sich als Leichen in seinen Keller. Max Frischs spröde Dialoge kommen in zügigen Tempi daher. Die Zeugenbefragung bildet einen eigenen absurden Showblock im Ganzen.

Wie eine Musterkollektion an skurrilen Frauenzimmern werden die Zeuginnen und Ex-Geliebten vorgeführt. Eine komödiantische Glanzleistung; Milva Stark hat sie alle drauf. Jedem Charakter verleiht sie eine eigene Farbe. Nur Schaads Tochter, dieses depressive Elend, das sich von der Bühne schluchzt, ohne einen einzigen Blick unter dem Haarschopf hervorgewagt zu haben, wirkt etwas forciert.

Die unerfüllte Sehnsucht

Ein guter Einfall war es, das Berner Symphonieorchester vom Orchestergraben in den Bühnenhintergrund zu hieven. Da werden die Musikerinnen und Musiker mit ihren Pultlämpchen zu geheimnisvollen Mitakteuren. Es ist die Musik, die trägt, an diesem interdisziplinären Abend. Innig und warm gestaltet Claude Eichenberger «Im Treibhaus» aus Richard Wagners «Wesendonck-Liedern». Viel zu kurz auch das Sanctus und Benedictus a capella für Frauenchor von Krzysztof Penderecki.

Und zum Schluss das Cantique de Pâques für drei Solostimmen, Frauenchor und Orchester von Arthur Honegger (mit Claude Eichenberger, Fabienne Jost und Yun-Jeong Lee als Solisten). Die unerfüllte Sehnsucht, hier bekommt sie Gestalt. In einer Intimität und Eindringlichkeit, die dem Wort so abgeht. (Der Bund)

Erstellt: 08.10.2012, 12:56 Uhr

Vorstellungen

Weitere 12 Vorstellungen im Stadttheater Bern ab 13. Oktober. www.konzerttheaterbern.ch

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