Der Roman als Regieanweisung

Thom Luz inszeniert am Theater Basel seinen «Zauberberg» nach dem Roman von Thomas Mann. Doch der Abend findet zwischen abgelatschter Handlung, weher Musik und ein paar hübschen Einfällen zu keiner grossen Form.

Zur Kur in der Lagerhalle: Sebastian Ledesma im Basler «Zauberberg». Foto: Simon Hallström

Zur Kur in der Lagerhalle: Sebastian Ledesma im Basler «Zauberberg». Foto: Simon Hallström

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Der Raum gleicht einer Lagerhalle: Zwanzig Harmonien stehen an den Brandmauern und umschliessen den weit nach oben geöffneten Bühnenraum wie eine Fussleiste. Abgestellt hat man die Tasteninstrumente hier auf der Kleinen Bühne des Theaters Basel, damit sie mit ihrem wehen Wohlklang den Raum für sich einnehmen – und uns damit auf ein scheinbar unmögliches Vorhaben einstimmen: In zwei Stunden soll hier vor unseren Augen «Der Zauberberg» auf die Bühne gebracht werden, Thomas Manns weltliterarischer Monolith aus dem Jahr 1924 mit seinen tausend Seiten, den darin beschriebenen Ritualen einer dekadenten Kurgesellschaft hoch oben in Davos – und mit ihren Abgründen angesichts des Ersten Weltkriegs, in dem der europäische Kontinent aus den Fugen geriet.

Abtauchen wie ein Wal

Tausend Seiten in zwei Stunden: Das ­Unterfangen der theatralischen Verdichtung wird von Thomas Mann selbst legitimiert, in dessen Romanwelt sich das genau getaktete Zeitgefüge in reine Sinnlichkeit auflöst, wie es an einer Stelle des «Zauberbergs» heisst. Manns Roman liefert damit nicht nur eine Erklärung, warum sein Protagonist – der Ingenieur Hans Castorp – schliesslich sieben Jahre hoch oben in der Kurwelt verbringt, obwohl er ursprünglich nur drei Wochen zu Besuch sein wollte.

Vielmehr liefert der «Zauberberg» damit auch die Begründung, warum das Theater sich ihm widmen sollte: Als Zeitkunst ist die Bühne geradezu privilegiert, jenes «Blauwal»-Gefühl auszulösen, von dem in Uwe Tellkamps «Turm» angesichts der dicken Dinger der Welt­literatur die Rede ist: Es sind Romane wie der «Zauberberg», in die man abtauchen und mit denen man das Zeitgefühl verlieren kann, weil die Aussensinne sich ganz auf die randlose Gegenwart der Lektüre konzentrieren. Man erlebt beim Lesen also genau das, was Hans Castorp im berühmten «Schnee»-Kapitel widerfährt, in dem er sich in einem Fieberrausch verliert.

Die Handlung regiert

Eigentlich stünden die Chancen gut, dass wir Theaterzuschauer zu einer Herde von Blauwalen mutieren. Denn der Regisseur des Basler «Zauberbergs» ist der 33-jährige Thom Luz, der mit seinen musikalischen Inszenierungen unmittelbar zu unseren Sinnen spricht. Dafür wurde Luz in der Kritikerumfrage von «Theater heute» voriges Jahr zum Nachwuchs­regisseur des Jahres gewählt. Man muss also kein Prophet sein, wenn man dem jungen Zürcher eine grosse Zukunft in der internationalen Theaterwelt prognostiziert. In der Gegenwart seiner Basler Inszenierung fokussiert Luz aber auf die Handlung von Thomas Manns Roman, der damit einsetzt, dass Hans Castorp oben in der Bergwelt ankommt, was von Luz wie eine Regie­anweisung gelesen wird: Silvester von Hösslin reckt als Hans Castorp seine Nase aus einer Bodenluke in der Mitte der Kleinen Bühne – ein Moment grossen Erstaunens. Denn in Luz’ bisherigen Arbeiten gab es keine Rollen und Figuren, die von Schauspielern erfüllt werden mussten. Selbst bei seinem fulminanten «Werther» nicht, den Luz 2012 als Wortkonzert auf der Kleinen Bühne des Basler Theaters herausgebracht hatte.

Diesmal ist also alles anders: Im «Zauberberg» gibt es Psychologie und Rollenspiel im Dienste des Handlungsskeletts, dessen Episoden abgelatscht werden – ohne dass sich diese in Luz’ Ästhetik des Sinnlichen integrieren. Vielmehr zersplittert alles in ebenso lose wie ungleiche Momente. Und das hat wesentlich damit zu tun, dass die Spielszenen die Mitte der Bühne einnehmen dürfen, während das Musikalische, das für Luz’ Theaterarbeit doch so wichtig ist, weitgehend an den Rand gedrängt wird, also eben dorthin, wo die zwanzig Harmonien stehen.

Von dort ist ein sanftes Knistern zu hören, von dort wehen die wohligen Wehklänge der Tasteninstrumente zu uns herüber, und dort ist der dunkle Klang eines Akkordwechsels zu vernehmen, den man aus Philip Glass’ Komposition zu Robert Wilsons «Einstein on the Beach» kennen kann. Aber all das bleibt marginal, oder es beschränkt sich auf einen einzelnen Moment, wenn der Musiker Mathias Weibel ans Mikrofon an der Rampe tritt und mit seinem schönen Organ einen Schlager singt – und ­damit den Raum für sich einnimmt.

Der Klang von Maizena

Gewiss, es gibt in Luz’ «Zauberberg» ­einige hübsche Ideen. Etwa, wenn ­Sebastian Ledesma über einen eingeschobenen Laufsteg schreitet, der mit Dutzenden von Maizena-Päckchen belegt ist, was wie der Gang über gefrorenen Schnee klingt. Aber anders als seine bisherigen Arbeiten ist dieser Abend von Thom Luz eben gerade keine atmosphärische Klangkomposition. Vielmehr gleicht er einer geschwätzigen Addition von unterschiedlichen Stilen, Haltungen und Ideen, die um das dominante Skelett der Handlung herumgruppiert ­werden – und das für Luz’ Lesart des ­Romans so etwas wie der Rahmen oder die Exposition bilden sollte.

Denn diese mündet ins erwähnte «Schnee»-Kapitel. Aber es gibt in diesem «Zauberberg» keinen Rausch, selbst dann nicht, wenn das in diesem Kapitel behauptet wird. Stattdessen kriecht einem die bleischwere Enttäuschung in die Knochen, dass Luz diesmal sein gewaltiges Potenzial als genuiner Theaterkünstler nicht nutzen konnte.

Erstellt: 25.01.2015, 19:16 Uhr

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