Der feuerfeste Glaube wird belohnt

Dusan David Parízek inszenierte Kleists «Käthchen von Heilbronn» am Pfauen. Nach viel Kasperletheater schält sich die Sehnsuchtsdimension des Stückes heraus.

Zu Füssen des Grafen vom Strahl (Frank Seppeler): Lilith Stangenberg als Käthchen vor ihrer eigenen Traumprojektion.

Zu Füssen des Grafen vom Strahl (Frank Seppeler): Lilith Stangenberg als Käthchen vor ihrer eigenen Traumprojektion. Bild: PD

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Totenstill ist es am Schluss. Seine Lippen suchen ihre Augen, streifen ihre Wange, finden ihren Mund. Die Liebenden sind aus der Zeit gefallen, und uns stockt der Atem.

Vorher gabs viel Komödienkrachen und Comedylachen, Boulevardbrüllen und viele Tragödientränen. Jetzt, für einen Augenblick, Lippenglück. Grazie und Anmut. Kleists Figuren sind bei sich selbst angekommen – und Dusan David Parízeks Inszenierung von «Das Käthchen von Heilbronn» ist es auch. Sie springt heraus aus dem Drama von 1810, hinein in die letzten Stunden des Dichters im Jahr 1811: ins Schäkern und Haschen zwischen Heinrich von Kleist und Henriette Vogel, in ihr Tändeln, Tollen – und Verstummen. Zwei Schüsse aus dem Off, und auf der Bühne steht düpiert und erstarrt die Hochzeitsgesellschaft aus «Käthchen». Licht aus, und der Bann ist gebrochen: Applaus und Applaus und Applaus!

Sprachspiel, sprachloses Spiel

Vom Ende und vom Anfang her gesehen ist die Pfauen-Inszenierung zum Kleist-Jubiläum eine konsequente und kraftvolle Lektüre vom Sprachspiel bis zum sprachlosen Spiel. Allerdings: Drei Stunden sind lang. In diesem Fall zu lang, um das hohe Niveau die ganze Zeit zu halten. Teilweise scheint der dirigierende Arm des Regisseurs ermattet in die Niederungen des kruden Klamauks herunterzusinken.

Am lustigsten bleibt die Soiree da, wo sie nicht «ums Verrode» lustig sein will und uns etwa mit Dialekt traktiert. Mal ganz grundsätzlich: Dialekt auf der Bühne ist nicht per se witzig, egal, ob er helvetischer, süd- oder norddeutscher Provenienz ist. Trotz dieser und jener Schwäche aber gelingt es dem 1971 geborenen Regisseur tschechischer Provenienz, Kleists kompliziertes Räderwerk aus romantischem Ritterschauspiel und hinterrücks reflexivem Denkstück am Laufen zu halten.

Dass es meist rotiert, ohne zu rattern, liegt nicht zuletzt am starken Ensemble. Es agiert zwischen den ausgestellten Brettern – einer aseptischen Bühne aus weissem Parkett und weissen Paneelen (Bühne: Parízek) –, als könne man nirgends besser Monty Pythons «Ritter der Kokosnuss» persiflieren, sich nirgends besser im Weltschmerz suhlen.

Wie Dick und Doof

In der ersten Szene etwa prallen Käthchens Vater und ihr vermeintlicher Verführer, Graf vom Strahl, aufeinander wie Dick und Doof. Manfred Zapatkas rundlicher Waffenschmied im grauen Anzug, der Klage gegen den jungen Grafen führt, trägt seine Vorwürfe so beifallheischend vor, als stünde er vor der TV-Richterin Barbara Salesch; er packt seine Empörung in komödiantisches Beiseitesprechen und desavouiert die Gegendarstellung des Grafen mit gestischen Gänsefüsschen.

Den «hohen Herrn» wiederum gibt Frank Seppeler erst einmal als arroganten Gecken in Frack und Zylinder, mit süffisantem Grinsen. Die Kontrahenten äffen sich gegenseitig nach und verleiben sich auch gleich noch den Text der gestrichenen Nebenfiguren ein – ein geschickter Schachzug der Regie, der später in unterschiedlichen Szenen äusserst raffiniert zum Einsatz kommt. Es geht nicht um den Plot, um diese Geschichte, in der Himmelsmächte einen Grafen und eine uneheliche Kaisertochter einander vorbestimmt haben und die beiden, nach etlichen Umwegen, die das Mädchen schier das Leben kosten, zusammenführen. Sondern es geht an dieser Stelle ums Geplänkel: Da braucht es keinen Hofstaat, keine Häscher, sondern eine flotte Zunge und ein Faible für die Stand-up-Comedy. Ironie bricht jeden Aufruhr: Sogar die selbstbesoffene Wehmut des Grafen kränkelt zwischen epileptischem Anfall und burleskem Ballettsolo – und der sympathisch bodenständige Knecht (Aurel Manthei) gibt ihr den Rest.

Schweigen, Nuscheln, Schniefen

Doch ins Kabarett kriecht, mit Käthchens Auftritt, etwas Kratziges, etwas Inkommensurables – just wie die leise lauernde Musik von Roman Zach, melancholische Songs, die sich in einem gefährlichen Nebel zu verlieren scheinen. Diese Katharina gleicht einem Kaspar Hauser oder einem lichtscheuen Tier, wenn sie da vor Gericht geschleppt wird: Lilith Stangenberg im Bubenlook, mit kurzem Strubbelhaar und weissem Hemd (Kostüme: Kamila Polivkova), sie schweigt, nuschelt, schnieft. Auch das ist geradezu eine Karikatur, eine Karikatur der Verstörung mit dem Running Gag, dass Käthchen alle naslang in Ohnmacht fällt. Freilich bleibt uns das Lachen im Hals stecken.

Aber das wirklich Wunderbare daran ist, dass aus all diesen Kasperlefiguren – die vor der Pause bisweilen schlicht schauderlich zwischen Monty Python und Komödiantenstadl festkleben – im Verlauf des Abends immer wieder Suchende und Sehnsüchtige herausschauen, Zweifelnde und Glaubende, Rasende und Liebende, bis hin zum filigranen Finale. Damit hat Parízek das Bild von Kleists Aufsatz «Über das Marionettentheater» nachgezeichnet: Die wahre Grazie wohne in der ungezierten Bewegung der Holzpuppe – und in jenem menschlichen Körper, der «entweder gar keins oder ein unendliches Bewusstsein hat».

«American Beauty»

Am Ende versteht der Graf, dass er eigentlich das nibelungentreue Käthchen liebt; versteht ihr Vater, dass er sie aufgeben muss und seinen Glauben an die Treue seiner Frau noch dazu; am Ende ist die böse Hexe des Dramas, Fräulein Kunigunde, entlarvt. Die intrigante Dame, die dem Grafen zeitweise den Kopf verdreht und ihn aus Habgier heiraten will, ist bei Kleist ein geliftetes Machtwerk (wieso man hier nicht auf Kleists Adjektiv «mosaisch» verzichtete, bleibt ein Geheimnis); bei Parízek ist sie eine Transe, hervorragend verschlagen gegeben von Patrick Güldenberg.

Der Regisseur wirbelt die Geschlechteridentitäten im shakespeareschen Taumel durchs Stück, bis Stangenbergs Käthchen endlich den Bubikopf gegen eine Genoveva-Frisur eintauscht und ihr Jungen-Outfit gegen ein schneeweisses Hemdchen. Rosen, Tulpen und Margeriten fallen vom Bühnenhimmel wie ein spöttisches Zitat aus «American Beauty» – und doch wurde Käthchens buchstäblich feuerfester Glaube belohnt. Und wir glauben ihr.

Erstellt: 11.03.2011, 20:11 Uhr

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