Der grausame Spass schräger Vögel

Lars-Ole Walburg zeigt am Pfauen «Die Panne» von Friedrich Dürrenmatt. Und entscheidet sich dabei für den schnellen, spitzen, beissenden Klamauk. Einige Ermüdungserscheinungen lassen sich allerdings nicht vermeiden.

Sie kennen kein Pardon: Gross kariert und pensioniert plant Dürrenmatts Herrenrunde das Ende des Alfred Traps.

Sie kennen kein Pardon: Gross kariert und pensioniert plant Dürrenmatts Herrenrunde das Ende des Alfred Traps. Bild: Doris Fanconi

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Er tritt auf. Geht wieder ab. Tritt wieder auf. «Nee! Mir nicht. Den Braten, den hab ich gerochen. Fünf Prozent! Na, der soll was erleben.» Und so weiter ad libitum: Klaus Brömmelmeier macht aus dem knappen Auftakt von Friedrich Dürrenmatts Hörspiel «Die Panne» (1955) eine ausgewachsene Ouvertüre samt schweizerdeutschem «der cha mi am Fudi schmöcke», was dem gebürtigen Bayern Brömmelmeier so quer im Mund liegt, als wärs ein Stein; und samt Geräuschkulisse mit Autotuckern und Motorverrecken, was ihm so leicht über die Lippen geht, als wärs sein Lieblingslied. Dann flackert das Licht. Geht aus. Geht wieder an.

Damit ist der Grundton des Abends angeschlagen: «Die Panne» soll in Lars-Ole Walburgs Inszenierung am Pfauen knattern wie der kaputte Studebaker von Alfred Traps, also wie ein komischer Gag, in dem ein giftiges Gran Grausen steckt. Walburg, von 2003 bis 2006 Schauspieldirektor in Basel und derzeit Intendant in Hannover, hat viel gestrichen und viel hinzugefügt: Er mixt auf seiner Suche nach einem dichten Dürrenmatt, der nach der Moral des Einzelnen fragt, «Mr. Bean» mit «Twin Peaks». Statt komödiantischem Ideentheater gibts in Zürich 90 Minuten choreografisch gestalteten Galgenhumor. Und etwa 45 Minuten lang funktioniert das auch. Denn das Ensemble ist grossartig.

Leichen im Keller gibts überall

Keiner kann beispielsweise so wölfisch zuvorkommend sein wie Jean-Pierre Cornus pensionierter Richter, der den gestrandeten Traps zur Übernachtung in seiner Villa einlädt. Mit einem Zucken verwandelt sich sein Zähneblecken in Lächeln, sein gieriges Lauern in gesittetes Zurücklehnen. Das Angebot, beim grossen Diner samt stilvollem Besäufnis und munterem Spiel mitzutun, kann der von der Panne in die Falle getappte Traps nicht ausschlagen. Der Aufsteiger mit Schnurrbart, Anzug und Beamtenbrille (das Fünfzigerjahre-Outfit hat Moritz Müller zusammengestellt) wollte schon immer ganz gross herauskommen; und wenn ihn nun vier Honoratioren umschwänzeln, als sei er der Kaiser von China, vernebelt seine Eitelkeit ihm das Hirn. Oder führt sie ihn zur Wahrheit?

Das behaupten jedenfalls die vier alten Herren in den karierten Anzügen, der Ex-Richter, der Ex-Verteidiger, der Ex-Staatsanwalt und der Ex-Henker, die zum Diner nebst Schildkrötensuppe und Huhn, nebst Château Margaux 1914 und anderen lukullischen Genüssen einen Prozess reichen. Traps Prozess. «Ein Verbrechen lässt sich immer finden», sagen sie, Leichen im Keller gibts überall – und sie werden fündig.

Alle werden vorgeführt

Da nützt es nichts, dass Gottfried Breitfuss’ Verteidiger seinem Schützling «Vorsicht!» zuraunt, wenn der davon faselt, wie er seinen Vorgesetzten abservierte. Aber ernst meint der Herr Verteidiger es mit seiner Hilfe ohnehin nicht: In Breitfuss’ väterlichem Schulterklopfen verbirgt sich ein eiserner Griff, der geradewegs zur Guillotine führt. Dass Jörg Schröders staatsanwältliches Krokodilsgrinsen nichts Gutes verheisst, ist klar; und Ludwig Boettgers Henker begleitet den Todeswalzer mit einem rhythmischen «Fein!».

Sie sehen aus wie Clowns, tanzen wie Tattergreise (zur beschwingten Musik von Lars Wittershagen), saufen wie Löcher, fressen wie Schweine und sind, wie Dürrenmatt schreibt, «eine Parodie auf die Gerechtigkeit, auf die grausamste der fixen Ideen, in deren Namen der Mensch Menschen schlachtet». Ein Konzept, das hier, zwischen Kassettenwänden und Parkettboden (den starken hölzernen Huis clos schuf Robert Schweer), ausbuchstabiert wird als ein grausamer Spass schräger Vögel, der schliesslich alle vorführt: die verlogene Gesellschaft und das Individuum, das sich selbst in die Tasche lügt.

Langsam erstirbt das Lachen

Das ist anfangs schwerelos und spitz wie ein Federkiel, wie ein Spiel übers böse Spiel des Lebens. Doch das Kasperletheater krampft sich immer weiter, rennt mit jedem Running Gag langsamer und krallt sich am (hochkarätigen) Klamauk fest wie ein Ertrinkender an einem Stück Treibholz. Das Lachen stirbt, die Frage nach dem Wozu kommt auf.

Brömmelmeiers besoffener Traps glaubt am Ende, dass er den Tod seines Chefs orchestriert hat. Er verführte dessen Frau und liess es ihn wissen: Zack, Herzinfarkt, das perfekte Verbrechen, rühmt Traps sich und erwartet mit Stolz und Zagen die Todesstrafe. Nicht mal diese gönnt man ihm, und – hier greift der Regisseur auf Dürrenmatts Dramenfassung zurück statt aufs Hörspiel – am Schluss richtet er sich selbst, baumelt vor Bergsilhouette und Morgensonne. Nichts ist schwerer zu bestehen als der stinknormale Alltag, kommentierte Dürrenmatt später. Die Bühnenkunst darüber, die freilich ist noch schwieriger.

Erstellt: 24.10.2010, 21:59 Uhr

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