Der grosse Preis für die Kleinen

Der Schweizer Grand Prix Theater geht ans Kindertheater Sgaramusch.

Nora Vonder Mühll und Stefan Colombo leiten das Theater Sgaramusch und stehen auch selbst auf der Bühne, hier im Stück «Dingdonggrüezi». Bild: Bruno Bührer

Nora Vonder Mühll und Stefan Colombo leiten das Theater Sgaramusch und stehen auch selbst auf der Bühne, hier im Stück «Dingdonggrüezi». Bild: Bruno Bührer

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Die Pappschachtel wird zum Mietshaus, bevölkert von Playmobil-Männchen und Plastiktierchen. Also auch von Patrizia, Ennio und ihren Familien. Um sie alle geht es im Stück «Dingdonggrüezi» – und um den Zwist wie den Spass, der nun mal dazugehört zum Leben; und zum Leben Wand an Wand.

Da steckt einerseits eine Menge erwachsene Erfahrung im kindhaften Objekttheater. Andererseits spürt man auch den unbestechlichen Kinderblick im Spiel von Nora Vonder Mühll und Stefan Colombo, den langjährigen Leitern und Akteuren des Schaffhauser Theaters Sgaramusch. Sie nehmen ihr junges Publikum ernst; und dessen Begleitpersonen auch.

Für ihre von dieser Haltung geprägten Arbeiten, mit denen sie schon in 16 Ländern und auf vier Kontinenten zu Gast waren, hat man ihnen nun die wichtigste helvetische Theaterauszeichnung zugesprochen: den mit 100’000 Franken dotierten Schweizer Grand Prix Theater/Hans-Reinhart-Ring. «Kennzeichen dieses herausragenden Kindertheaters der Deutschschweiz sind intelligente Stücke, die mit wechselnden Theatermitteln wie Figuren oder Musik ohne didaktischen Zeigefinger auskommen», heisst es in der Begründung des Bundesamts für Kultur. Das Theater Sgaramusch sei eine feste Grösse im hiesigen Theater für heranwachsendes Publikum.

Wichtiges Zeichen

«Wir haben überhaupt nicht mit dem Preis gerechnet», erzählt Colombo. 1999 war das Gründerpaar des Basler Vorstadttheaters, Ruth Oswalt und Gert Imbsweiler, mit dem Reinhart-Ring geehrt worden. Seither aber ging der Preis nicht mehr in die Kindertheaterszene. Für Colombo und Vonder Mühll, die 1997 das Sgaramusch übernommen hatten, seien die beiden Basler «grosse Vorbilder» gewesen, sagt Colombo. Das Schaffhauser Duo war damals an der Preisverleihung gewesen. Es sei ein wichtiges Zeichen, dass das Theater für junge Menschen nun wieder ins Rampenlicht gerückt werde: Die Bedingungen fürs Kinder- und Jugendtheater seien in den letzten Jahren deutlich härter geworden.

«Die Zürcher Schulkinder können noch verhältnismässig oft ins Theater gehen. Vielerorts aber wurde die Unterstützung massiv gekürzt», stellt Colombo fest. «Auf den Dörfern müssen sie sparen, das spüren wir sehr.» Auch Familienvorstellungen seien weniger gefragt, seit die Familien so sparen müssten. Diese Situation schlage sich auch auf die Inhalte durch: «Das Kindertheater wird wieder herzig. Man fürchtet sich davor, anzuecken, Leute abzuschrecken. Angst macht brav.» Selbst in den Hotspots des Kindertheaters gebe es da unmerkliche Veränderungen. Der Theaterleiter war jüngst zu Besuch an einem Theaterfestival im führenden Dänemark. Dort war einst ein allgemein anerkannter Kriterienkatalog für gutes Kindertheater entstanden, jetzt aber frage man nicht mehr nach bewussten Zumutungen für die Zuschauer, sondern kämpfe darum, überhaupt spielen zu können. Nur Belgien halte seine Stellung als regelrechter Kindertheater-Avantgardist.

Das aktuelle Stück «Knapp e Familie» gibt Einblicke in das geheime Leben der Erwachsenen. Bild: Niklaus Spoerri

Mit belgischen Künstlern kooperiert auch das Theater Sgaramusch immer wieder, zum Beispiel mit dem Choreografen und Tänzer Ives Thuwis. Auch an der nächsten Premiere, «Liebe üben», im Sommer in Düsseldorf, stehen Nora Vonder Mühll und Thuwis auf der Bühne. Gerade weil die Luft dünn geworden sei und der Kampf um Aufmerksamkeit immer schwieriger, müsse man frisch und innovativ bleiben, ist Colombo überzeugt. Es sei grossartig, was etwa Petra Fischers Junges Schauspielhaus diesbezüglich leiste.

Immer wieder Stunde null

Trotzdem hätte er nicht gedacht, dass die aktuelle, recht kratzbürstige Sgaramusch-Arbeit «Knapp e Familie» so gut läuft. Sie entstand aus der Auseinandersetzung mit den intensiven Reaktionen der jungen Zuschauer auf «Dingdonggrüezi». «Die Lust am Theater, am Schauen und Fragenstellen hat sich bei den Kindern in den letzten zwei Jahrzehnten nicht verändert», konstatiert Colombo. «Das Problem ist eher, dass sie gar nicht erst den Weg ins Theater finden.»

Darum müsse stets von neuem gerungen werden, zumal das Publikum ja rasend schnell aus manchen Formaten herauswachse. Anders als beim Theater für Erwachsene beginne man regelmässig beim Punkt null. Rund 40 Produktionen hat das Theater seit der Gründung 1982 vorgelegt. Gegründet wurde es vom umtriebigen, hochkreativen Theaterpädagogen Urs Beeler, der damit gleich zweifach «Vater» von Ringpreisträgern wurde. 2016 erhielt schon das Theater Hora die Auszeichnung, bei dem zum grossen Teil Absolventen von Beelers «Schauspiel-Berufsausbildung für Menschen mit Beeinträchtigungen» mittun.

Der Ausbildungsgang wurde freilich dieser Tage abgeschafft, und der 60-jährige Beeler erhielt die Kündigung. Da mag der Preis ans Theater Sgaramusch auch als eine Würdigung seines Wirkens gelten. Das BAK hat mit Hora und Sgaramusch jedenfalls mit einem engeren Theaterbegriff gebrochen; das ist nicht nur angesichts der doch begrenzten Schweizer Szene ein richtiger Schritt! Die Preisverleihung findet am 24. Mai im Pfauen statt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 10:39 Uhr

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