Die Bühnenkritiker gehen ins Netz

Käuflich und radikal subjektiv: Im Internet gibt es neue Formate der Theaterkritik. Heikel ist die Finanzierung.

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Der Anspruch ist legitim: Auch in Zukunft soll es ungeachtet des Medienwandels eine «öffentliche, qualifizierte Auseinandersetzung» mit Theater geben. Die Aufregung war aber gross, als ein Internetportal mit ebendiesem Anspruch ins Netz ging – initiiert vom Berufsverband der freien Theaterschaffenden (ACT) und dem Schweizerischen Verband für Kinder- und Jugendtheater (Astej).

Das Besondere an www.theaterkritik. ch: Die Plattform bietet den Spielstätten und den freien Gruppen die Möglichkeit, zwei Kritiken für 600 Franken zu bestellen. Je 200 Franken gehen an die Redaktionskosten sowie an die beiden Kritiker. Ihre Besprechungen werden am Tag nach der Premiere auf der Seite aufgeschaltet, die sich selbst «die unabhängige Plattform für Theater-, Tanz- und Performancekritiken» nennt. Die Printmedien, von Boulevardblättern bis hin zur renommierten Wochenzeitung «Die Zeit», reagierten mit Häme.

Die Aufregung ist gross, weil das Portal die Glaubwürdigkeit der Kritik untergräbt, indem es diese finanziell vom Theater abhängig macht. Den Verdacht des «Auftragsjournalismus» versucht theaterkritik.ch mit dem Versprechen auszuräumen, die Unabhängigkeit der Kritiker werde garantiert. Das genügt Michael Röhrenbach vom Berner Tojo Theater nicht, auch wenn er es – wie die meisten Exponenten der freien Szene – grundsätzlich begrüsst, dass es in der Schweiz ein Portal für Theaterkritik gibt. Das Finanzierungsmodell halten aber viele für «heikel», so auch Gunda Zeeb und Catja Loepfe von der Gessnerallee Zürich. Silvie von Kaenel vom Fabriktheater findet das Angebot ausserdem zu teuer – und unfair, weil nur jene den Service nutzen können, die über genügend Mittel verfügen. Damit perpetuiert sich die Ungerechtigkeit, denn Kritiken geben den Theaterschaffenden die Möglichkeit, ihre Leistungen gegenüber den Subventionsgebern zu dokumentieren.

Subventionierung möglich?

Mehrere Spielstätten wären indessen bereit, jährlich einen fixen Beitrag an ein ähnliches Portal zu zahlen. Dabei, so Röhrenbach, müsste es sich um einen «Solidarpakt» von Theaterschaffenden und nicht um einen «Selbstbedienungsladen» handeln, der Kritiken auf Bestellung liefert. Andere Stimmen befürchten, dass die Internetkritiken lediglich von Spezialisten gelesen werden. «Die Theaterkritik gehört in den Diskurs, der im Feuilleton breit geführt wird», fordert von Kaenel. Dieser Meinung ist auch Carena Schlewitt von der Kaserne Basel. Sie wäre bereit, eine Kulturzeitschrift zu unterstützen, «in der nicht nur Theaterkritiken, sondern auch andere Texte zur Kunst, Kultur und Gesellschaft erscheinen».

Zu den wenigen Spielstätten, die das Angebot von theaterkritik.ch bereits mehrfach genutzt haben, gehört das Miller's Studio in Zürich. Es sieht die Kritiken als weiteres Element im «Kommunikationsmix», mit dem es auf die internationalen Kabarettgastspiele in der Mühle Tiefenbrunnen aufmerksam macht. Insgesamt überwiegen aber Stimmen wie jene von Max-Philip Aschenbrenner vom Luzerner Südpol, der die unabhängige Theaterkritik «als Anliegen der Öffentlichkeit» verteidigt.

Könnte man die Probleme von theaterkritik.ch lösen, indem man die Kritiken mit Subventionsgeldern bezahlt? Das Bundesamt für Kultur, das theaterkritik.ch eine Starthilfe von 70 000 Franken gewährt hat, kann den Betrieb nicht dauerhaft finanzieren. Und auch Plinio Bachmann, Leiter der Theaterförderung der Stadt Zürich, winkt ab: Aufgabe der Theaterförderung sei die Unterstützung von Produktionen, nicht aber die Vermittlung von Theater. Freie Gruppen dürften aber einen Teil ihres Werbebudgets, für das es in den Antragsformularen der Theaterförderung eine Rubrik gibt, für Kritiken verwenden. Dies ist möglich, weil theaterkritik.ch laut Bachmann «zwischen Kritik und Marketing» angesiedelt ist. Auch Martha Monstein von der Pro Helvetia hätte nichts dagegen, wenn eine Gruppe eine Kritik aus ihrem Produktionsbudget finanzieren würde. Sie findet es allerdings nicht sinnvoll, die Seite direkt mit Fördermitteln zu unterstützen. Die Theaterkritik müsse unabhängig sein, «insbesondere unabhängig von jenen, die Produktionen mitfinanzieren». Wenn das nicht gewährleistet sei, werde «die Glaubwürdigkeit der Kritik unterlaufen».

Auch das deutsche Modell hinkt

Lösen könnte man die Probleme des neuen Portals mit einer Schweizer Kopie von nachtkritik.de. Wie der Name sagt, findet man hier Rezensionen, die professionelle Kritiker über Nacht schreiben; jeweils am Morgen nach der Premiere sind sie online. Seit 2007 werden so monatlich rund 50 Inszenierungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum besprochen, in der Schweiz kommen bisher vornehmlich die grossen Häuser wie das Zürcher Schauspielhaus zum Zug. Ein Ersatz für eine Tageszeitung, die möglichst umfassend über eine Region berichtet, ist nachtkritik.de also nicht. Und auch hier besteht die Gefahr, dass die Kritiken vornehmlich von Spezialisten gelesen werden. Für sie ist nachtkritik.de die ideale Ergänzung zur Tageszeitung, denn neben den Rezensionen bietet die Seite Debattenbeiträge, eine Kritikenrundschau, aktuelle Meldungen, Theaterbriefe aus dem fremdsprachigen Ausland, Buchbesprechungen sowie Leserkritiken und -kommentare.

Die Website ist gut besucht: Allein im November wurde nachtkritik.de 103 000-mal aufgerufen; rund 40 Prozent des Gesamtaufwands kann das Portal inzwischen mit Anzeigen erwirtschaften, wobei es eine strikte Trennung zwischen Werbung und Redaktion gibt: Wenn ein Theaterhaus ein Inserat schaltet, erhält es kein Anrecht auf eine Kritik. Obwohl einzelne Schwerpunkte von einer Stiftung finanziert werden und obwohl für Schweizer Verhältnisse sehr tiefe Honorare gezahlt werden mit 60 Euro pro Kritik, ist die finanzielle Situation von nachtkritik.de aber prekär: Wiederholt musste die Seite Spendenaufrufe schalten; damit konnte 2011 wenigstens ein Drittel der Kosten aufgefangen werden. Der restliche Aufwand wird von einem privaten Darlehen gedeckt.

Der Blog macht Lust auf mehr

Wer hoffte, im Internet würden auch neue Formen der Theaterkritik entstehen, wurde zunächst enttäuscht. Seit zwei Monaten gibt es nun aber ein Experimentierformat von Künstlern aus dem Umfeld des 400asa-Regisseurs Samuel Schwarz: blitzkritik.posterous.com. Da werden Audiobeiträge aufgeschaltet, die kurz nach Verlassen des Theaters auf ein Smartphone gesprochen wurden. Einer denkt beim Hundespaziergang über eine Inszenierung nach; ein Beitrag fordert «Schluss mit marinierten [sic!] Bühnenbildnern!», und es gibt Interviews mit Zuschauern, die in der Pause nach Hause gehen, weil sie eine «fokusfreie» Inszenierung nicht mehr ertragen.

blitzkritik.posterous.com ist radikal subjektiv, ungerecht und oft polemisch – aber gerade deshalb ein so interessanter Versuch, weil der Blog von einer Leidenschaft geprägt ist, die Lust auf eine Auseinandersetzung mit Theater macht.

Erstellt: 03.01.2012, 14:10 Uhr

Das Internetportal theaterkritik.ch bringt Kritiken auf Bestellung.

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