Die Endlosschleife würgt die Helden – und fesselt uns

Karin Henkel hat die Zürcher Schiffbauhalle für «Elektra» in zwei Räume gespalten: zwei Kerker für Elektra und ihre Sippe. Die bisher tollste, klügste, schmerzvollste Soiree der Saison.

Keiner ist mehr bei sich selbst daheim: Paula Blaser als heranwachsende Elektra und Carolin Conrad als rachedurstige, erwachsene Elektra

Keiner ist mehr bei sich selbst daheim: Paula Blaser als heranwachsende Elektra und Carolin Conrad als rachedurstige, erwachsene Elektra Bild: Doris Fanconi

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Alle Liebe schläft. Und sanft weint die Gitarre, während leergeweinte Augen bös von der Leinwand herunterbrüllen, leergeweinte Herzen hart ins Mikro hineinklopfen. Alle Liebe schläft. Hellwach ist nur der Hass, während sachte musikalische Tränen aus der Klampfe rinnen: angeblueste Western-Melancholien, angefolkte Elektro-Erregungen (Livemusik des Electric Dark Orchestra: Alain Croubalian). Auf Wolke 7 sind bloss wir: Denn endlich, endlich ist es geschehen! Die Saison 2012/2013 am Schauspielhaus Zürich hat ein blendendes, ein betörendes Highlight. Egal, was jetzt noch kommt: «Elektra» nach den Tragödien von Hugo von Hofmannsthal, Aischylos, Sophokles und Euripides, in der Schiffbauhalle inszeniert von Karin Henkel, wird zu den Höhepunkten dieser Spielzeit zählen.

Starke Texte, starker Sound

Dabei hatte sich das Ganze so gar nicht nach Erfolgsrezept angehört: ein Mammutprojekt, zusammengemantscht aus griechischer Antike (aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.) und Wiener Moderne, gespielt in der schönen Halle, die dafür in zwei kleinere Bühnen gespalten wurde, aufgefädelt an einem Plot, der ja eigentlich je nach Autor eine komplett andere Stossrichtung hat. Aischylos geht in seiner «Orestie» den Weg von Rache zu Rechtsprechung, von rasenden Erinnyen zu wohlmeinenden Eumeniden; Sophokles hingegen schenkt in seiner «Elektra» keine Versöhnung, sondern formuliert eine Klage über die vielen unlösbaren Konflikte und das Meer an Leid; bei Euripides wiederum finden die unglücklichen Agamemnon-Kinder am Schluss eine Chance auf Frieden, bei Hofmannsthal jedoch ein elendes Ende in Wahn und Blut und Feuer.

Nun stelle man sich das alles in den Händen einer Regisseurin vor, die vor drei Jahren hier in Zürich Euripides’ «Alkestis» im Kasperlitheater versacken liess. Ein Fehlgriff ? Ein Glücksgriff! Im Schiffbau gibt es kein süffiges Einerlei, wenn die 1970 in Köln geborene Theaterfrau die starken Texte und den starken Sound aneinanderschmiegt. Und stehen sonst die Signale auf Sentimentalität, wenn etwa ein grosser Theaterregen eine grosse Tragik begleitet oder wenn kleine Mädchen in entzückenden Kleidchen auftreten – bei der Premiere ist es die rund zehnjährige Paula Blaser als heranwachsende Elektra im Klara-Sesemann-Look –, so ist diese Soiree für einen solchen Vorwurf zu gebrochen und zu unmittelbar zugleich, zu rau und zu berührend.

«Stimmt es, dass du meine Schwester gemordet hast, Papa?», fragt die kleine Elektra ihren Vater Agamemnon (Michael Neuenschwander), der, selbst schon ermordet, im blutigen Hemd seinen ersten Auftritt im Haus hat; er weicht aus, schiebt die Verantwortung für den Opfertod auf Umstände, Staatsraison, Pflicht. So zog ein Mord den anderen nach sich.

«Elektra, innen» titelt dieser Teil der Aufführung; und in einer düsteren Lounge, in der zahllose Sessel, Sofas und Tische so lieblos hineingemüllt herumstehen, als wärs ein Brocki im Zustand der Auflösung, sehen wir die Vorgeschichte. Sie beginnt Generationen vorher, fokussiert in «Elektra» aber auf die Opferung Iphigenies um der guten Fahrt in den Trojanischen Krieg willen (Lena Lauzemis); auf den Schmerz ihrer Mutter Klytaimnestra, ihre Rache, als Agamemnon heimkehrt – seine Ermordung im Bad; und, nicht zuletzt, auf die Traumatisierung der kleinen Elektra, angeheizt von der Amme (Kate Strong als Stimme der Wut). Von der Tat selbst erzählt eine Blutlache an der transparenten Badezimmerwand, ein klassisches Thrillerzitat. Aber das wirklich Schaurige ist die Zombie-Existenz aller Mitglieder der Atriden-Sippe.

Da stampft Lena Schwarz’ Klytaimnestra mit wallendem, schwarzem Haar und wütendem, weissem Gesicht durch diese Welt der Secondhandmöbel und der Firsthandgefühle, die nie verblassen, auch nach zwanzig Jahren nicht. Bühnenbildnerin Muriel Gerstner hat «innen» als trübseligen Echoraum gestaltet, in dem die Herrscherin genauso gefangen ist wie ihre beiden unterdrückten Töchter Elektra und Chrysothemis und ihr Geliebter und Komplize Aigisth (Alexander Maria Schmidt). «Mord um Mord, Recht um Recht, Schuld um Schuld. Wer tut, muss leiden», lautet das eherne Gesetz. Doch dabei geht es nicht um einen patriarchalen Ehrenkodex, sondern um die Erinnerung, der keiner entrinnt. Klytaimnestra verdrängt («erst wars vorher, dann wars vorbei – dazwischen habe ich nichts getan»), Elektra hängt in ihrer blutrünstigen Fantasie fest.

Die Endlosschleife würgt sie alle, und im zweiten Teil «Elektra, aussen» quält sich das alt gewordene Kind der einfach grossartigen Carolin Conrad, das nie von Familienfreuden träumt, sondern nur von der Rückkehr ihres Bruders Orest, der die Mutter erschlagen soll. Drinnen im Haus irrlichterten die immer gleichen Szenen musikalisch, chorisch, multiperspektivisch. Die Wiederholung schuf Raum für Reflexion – und, gerade dadurch, Faszination, Identifikation. Lena Schwarz musste ihre Herrscherin so übersteuert geben, Neuenschwanders Agamemnon so heftig zwischen Profilneurose und Vaterliebe schwanken, immer wieder, immer wieder: So funktioniert hier der Fluch der bösen Tat, die nach Schiller stets Böses muss gebären. Die Augen der Überlebenden sind Steine geworden, die keine Gegenwart mehr wahrnehmen, und ihr Herz eine Mördergrube.

Günstiger als jede Therapie

Karin Henkel hat aus dem antiken Mythos das moderne kleistsche MichaelKohlhaas-Phänomen herausgefiltert, und jeder, der schon einmal hilflos ein Unrecht erleiden musste, kann sich in dieser Inszenierung hineinfallen lassen in den Irrsinn der Verbitterung – und auch wieder herausführen lassen; das Theaterticket kommt billiger als jede Traumatherapie.

In Karin Henkels ineinanderfliessender «Elektra»-Collage ist keiner mehr bei sich selbst daheim. Alle frieren, und nichts ist stimmiger, als dass «Elektra, aussen» in einer Riesenpfütze vor dem Haus stattfindet, rund um die Baugrube, in der Elektras Vater einst verscharrt wurde; rund um das schwarze Loch, das alles verschlingt. «Innen» war die Vergangenheit möbliert mit stereotypen Bildern von den Untaten, mit Echos und durchgesessenen Sofas. «Aussen» ist sie ungeschützt, eine offene Wunde, dauerblutend wie der Himmel. Klaustrophobisch ist es da wie dort, im Haus und davor. Die fleischgewordene Vergangenheit heisst Elektra.

Bei Henkel vereint sich kluge Analyse mit dem Menschlichen – und ihr Theater auch. Conrads Verletzte spuckt Gift und Galle, verflucht Mutter, Schwester und Stiefvater und treibt ihren zögernden Bruder Orest (Michael Neuenschwander) tatsächlich zum Mord an der Mutter. Elektra gleisst in verblendetem Triumph, bevor die Erinnyen sie holen – und wir strahlen entflammt. Mutterliebe, Geschwisterliebe, Gattenliebe, alle Liebe schläft. Unsere aber, die des Zuschauers, ist entzündet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2013, 07:59 Uhr

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