Die Live App singt, was das Publikum will

MD Pallavi ist als interaktive «Shilpa, The Indian Singer App» ein Erlebnis am Theaterspektakel, das man so rasch nicht vergisst. Dabei beginnt das Stück scheinbar harmlos mit Statistiken über die Schweiz.

Weiss sich zu verwandeln: Schauspielerin und Sängerin MD Pallavi.

Weiss sich zu verwandeln: Schauspielerin und Sängerin MD Pallavi. Bild: Christian Altorfer

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Was für eine Schauspielerin, was für eine Sängerin! Und was für eine humorvolle, politisch engagierte und glorios interpretierte One-Woman-Show! MD Pallavi ist als interaktive «Shilpa, The Indian Singer App» ein Erlebnis am Theaterspektakel, das man so rasch nicht vergisst. Das Stück von Sophia Stepf, produziert für das Kasseler Flinntheater, beginnt scheinbar harmlos mit Statistiken über die Schweiz.

Dann aber folgt eine Einführung in die Fähigkeiten der «Live App» Shilpa, die in Gestalt der indischen Sängerin und Schauspielerin von der Bühne herunterlächelt und das Publikum zum Test auffordert: «Wählen Sie einen Satz, den Shilpa für Sie singen soll!» Das Premierenpublikum wählt «I love India» und dazu Melodie, Stimmlage, Sexiness, Augenzwinkern und Hüftgewackel. Und das Wesen auf der Bühne singt und wackelt, dass einem Augen und Ohren übergehen. Man sah da einen feministischen Cyborg, der vor Charme nur so sprüht.

Erschrecken Sie!

Doch MD Pallavi weiss sich zu verwandeln: In eine verzweifelte junge Frau, die vergeblich versucht, den traditionellen Vorstellungen von Familie und Umwelt gerecht zu werden. Dann in eine gestandene Matrone, die als Filmregisseurin genussvoll eine Vergewaltigungsszene inszeniert. «Erschrecken Sie», befiehlt sie der imaginären Protagonistin, «aber fliehen Sie mit Grazie, Sie müssen schön aussehen». Die Frau im Zwiespalt von Selbstverwirklichung und Anpassung, gleichermassen bedrängt von uralten Wertvorstellungen und den Ansprüchen der modernen Gesellschaft, steht im Mittelpunkt dieser eindrücklichen One-Woman-Show.

Und sie richtet sich durchaus nicht nur an indische Traditionshüter. «Sie entsetzen sich über die Vergewaltigungen zahlreicher Frauen in Indien», nimmt Shilpa den statistischen Faden wieder auf, «aber wussten Sie, dass in der Schweiz im vergangenen Jahr 596 Frauen vergewaltigt wurden? Das sind fast zwei pro Tag». Shilpa, die Live App, nutzt schliesslich ihre Bytes und programmiert für sich ein Update, das sich gegen die absurden Wünsche der User zur Wehr setzt. Was für eine Kämpferin!

Letzte Vorstellung heute, Sonntag, 19.30 Uhr (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2014, 16:19 Uhr

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