«Die Menschen sind als Krieger unterwegs»

Der Theatermacher Milo Rau bringt am Zürcher Theater Spektakel «The Civil Wars» zur Uraufführung. Das Stück geht der Frage nach, weshalb sich westlich sozialisierte Menschen als Jihadisten verpflichten lassen.

«Es geht um Migration, Extremismus und heisslaufenden Neoliberalismus»: Theatermacher Milo Rau. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

«Es geht um Migration, Extremismus und heisslaufenden Neoliberalismus»: Theatermacher Milo Rau. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Ein Kammerspiel mit Bach-Untermalung und Schauspieler-Quartett, mit Tschechow-Szenen und Seelen-Erforschung: Ist das noch Milo Rau? Also eine Arbeit des Theaterrealisten, der «Breiviks Erklärung» im Wortlaut auf die Bühne brachte, die «Moskauer Prozesse» rund um die Künstlerfreiheit noch einmal aufrollte, «Die letzten Tage der Ceausescus» in einem Reenactment ihres Schauprozesses nachstellte? Diesmal startete Rau mit einer Salafismus-Recherche in Belgien – und landete auf der Psychocouch. Aber auch bei der grossen Europakritik.

Der in Syrien entführte US-Reporter James Foley wurde von einem IS-Terroristen enthauptet. Dieser spricht im Video mit Londoner Akzent, und das Entsetzen im Königreich ist gross.
Riesig war das Entsetzen auch im Juni 2013 in Belgien. Es gab ein Video, das junge Milizionäre bei der Enthauptung eines Assad-Funktionärs zeigte – und man hörte dabei Flämisch sprechende Stimmen. Damals wurden Hunderte ­Jugendliche aus den belgischen Vorstädten radikalisiert und gingen als Jihadisten nach Syrien. Zudem ist in Belgien – und nicht nur dort – der Rechtsradikalismus stark und wird immer stärker. Ich begann mich zu fragen, wie aus mehr oder weniger westlich geprägten Jugendlichen Extremisten werden. Monatelang recherchierte ich für «The Civil Wars» einerseits bei den belgischen Salafisten, bei Rückkehrern und deren Angehörigen und andererseits bei den Nationalisten und Rechtsradikalen. Bis ich verstand: Was diese Menschen glauben und was sie tun, ist nicht der springende Punkt. Die eigentliche Frage ist doch, was dieses Phänomen über unsere ­Gesellschaft sagt.

Was sagt es darüber?
Es verkörpert das Ende der Hoffnung auf eine echte multikulturelle und liberale Gesellschaft. Der globale Humanismus hat sich verabschiedet. Im grossen wie im kleinen Massstab sind die Menschen als Krieger unterwegs – allein, in der Krise, kämpfend und orientierungslos. Es ist typisch für «umgedrehte» Salafisten, in ihrer Kindheit keine Halt gebende Vaterfigur gehabt zu haben. Diese Labilität und Verzweiflung lässt sich in unserer Gesellschaft in den letzten 30 Jahren allgemein feststellen. Und ich habe sie während der Proben für «The Civil Wars» bei den Schauspielern entdeckt! So kam es zu einer Transposition des Stücks: vom politischen Extremismus ins radikal Persönliche, das seinerseits das Allgemeine vertritt. Der Begriff «Politische Psychoanalyse», den die Zeitung «Libération» für das Stück benutzte, trifft es ziemlich gut.

Wie sieht diese konkret aus?
Oberflächlich gesehen haben die Biografien der Schauspieler meine Extremisten-Recherche fast komplett überdeckt. Aber wenn man genauer hinschaut, findet man die entscheidenden Leerstellen wieder: die abwesenden Väter und die brutale Umwälzungsmaschinerie des Kapitalismus, der Menschen braucht und dann wegwirft: Sébastien Foucaults Vater hatte eine Firma, die in den 90ern von einem Megakonzern geschluckt wurde; sein Vater wurde religiös, paranoid, todkrank. Karim Bel Kacem ist ein Migrationskind: Sein Vater verlor beim Auswandern den Halt, wurde zum Schläger und Trinker. Und der Vater der Performerin Sara de Bosschere hatte das System als Trotzkist von innen umkrempeln wollen; er war Programmierer bei IBM und endete im Wahnsinn. Johan Leysen wiederum verlor seinen Vater als Kind bei einem Autounfall.

So viel Privates von einem, der immer das selbstreferenzielle Hochschultheater kritisiert hat?
Die Schauspieler und mich interessiert nicht das Private und diese akademische «Ist es real, ist es Fiktion?»-Frage. Leben ist immer beides zugleich. Uns interessiert, was an Gesellschaftlichem und Existenziellem zum Ausdruck kommt. «The Civil Wars» ist eine grundsätzliche Selbstbefragung, und plötzlich taucht vieles wieder auf, was mich früher beschäftigte. Es gibt sogar eine Szene aus Tschechow – seit sieben Jahren habe ich keine Klassiker mehr inszeniert! Ich verstehe meine Arbeit als eine Stufenleiter: Am Anfang stand die radikale Dekonstruktion, die dem Alten den Boden unter den Füssen wegzog. Dann kam das Repräsentationstheater, die Darstellung dessen, was ist. Und nun könnte man vom «Allegorischen Theater» sprechen: Es ist formal absolut einfach, jeder versteht es sofort. Präsentation der Tatsachen statt Repräsentation. Den Dingen Bestand geben. Es geht darum, das scheinbar Unwichtige auf die Ebene des Universalen zu heben.

Haben Sie nun ein neues Theater gefunden: statt grosses Polittheater den Blick aufs Private, auf westliche Schauspielerleben?
Formal schon. Da gibt es diese Lebensgeschichten, die Welt durch die Brille des persönlichen Lebens: Das ist für mein Schaffen neu – ebenso der Verweis auf klassische Stücke: Es gibt eine Szene aus dem «Kirschgarten» von Tschechow. Zudem betreibe ich keinen optischen Realismus, sondern die Rückseite des Bühnenbildes ist eine überdimensionale Theaterloge. Dass ich dazu Musik von Bach und Händel spielen lasse, ist für mich gleichfalls neu. Andererseits: Hinter der monströsen Theatermetapher steckt mein Bekenntnis zum Ziel der Kunst, das sich gleich geblieben ist – den Dingen in dieser Welt Zusammenhang und Bedeutung geben. Das ist Schauspieltheorie im existenzialistischen Sinn. Egal, wie oldstyle das klingt: Was heisst es, ein Mensch zu sein? Tschechow forderte, dass nichts vergessen gehen darf, kein einziges Leben. Und um den Bogen zu meiner Europa-Reihe zu schlagen, die mit «The Civil Wars» beginnt: Gerade gehen Millionen Menschen in Zentralafrika vergessen. Das Theater hat etwas vom Ringen um einen globalen Realismus in Zeiten eines zynischen Humanismus.

Was ist zynischer Humanismus?
Zynisch ist es, wenn vier kongolesische Tänzer mit einer Performance von «Sacre du Printemps» auf Festivaltour gehen und alle klatschen. Aber der Reihe nach: «The Civil Wars» ist ein Stück Gesellschaftsgeschichte der letzten 30 Jahre. Es geht um Migration, Extremismus und heisslaufenden Neoliberalismus, um Wurzellosigkeit und unsere merkwürdige Seele, in der diese objektiven Schrecken wie Gespenster wiederkehren. Teil II meiner theatralen Europa-Trilogie, «Fuck you, Europa», und Teil III, «Die Geschichte des Maschinengewehrs», werden diese Geschichte der inneren und äusseren Ausdehnung des Kontinents Europa weiterspinnen, der sich vom Rest der Welt abschottet. Mein neuer Film «Das Kongo Tribunal» schliesslich zeigt die abgewandte Seite Europas, vor der wir die Augen verschliessen: Zentralafrika. Ich denke, entweder geht man über das allegorische Theater hinein ins schwarze Herz der Welt oder quasi ganz direkt.

Was wollen wir nicht sehen?
Ich sage es mal so, wie ich es bei meinem ersten Dreh im Ostkongo erlebt habe: Noch nie habe ich so viele Tote und Vertriebene gesehen. Die Rechnung ist simpel: Jedes Kind, das hier geboren wird, generiert woanders drei Quasi-Sklaven. Das ist die Logik der Globalisierung. Wenn wir hier ökologisch Biodiesel tanken, sterben anderswo die Menschen, denen die Monokulturen für diesen Diesel die Lebensgrundlagen wegnehmen. In unserer gutbürgerlichen Wohlfühloase lebt man grundsätzlich in der Schizophrenie. Ich auch. Man hält das aus oder nicht – wie Sara de Bosscheres Vater. Wir sind wie Tschechow-Figuren Ende des 19. Jahrhunderts, haben uns bequem in unserem geraubten Reichtum eingerichtet. Wir wissen, dass alles zu Ende geht, aber wir machen einfach weiter – bis die nächsten Kriege kommen.

Rechnen Sie mit Krieg?
Krieg in Europa? Das glaube ich nicht. Das war der Grund, warum ich in «The Civil Wars» formal umgeschwenkt bin: Es ist nicht so, dass die Salafisten bei uns die Macht übernehmen wollen und von dieser Seite ein Bürgerkrieg droht. Das ist eine Fantasmagorie der Rechten. Die Salafisten interessiert Europa nicht, sie interessiert das Kalifat, die islamische Erde. Aber der Weltwirtschaftskrieg hat längst begonnen, und die zynische Frage lautet: Wird die extreme Abgrenzung nach aussen gelingen? In Zentralafrika leben Millionen von Menschen, denen – von uns – die Ressourcen geraubt werden. Im 20. Jahrhundert war das Öl die Währung, jetzt sind es die sogenannten Konfliktmineralien wie das berüchtigte Coltan, das zu 80 Prozent in der Erde des Ostkongo lagert – und für das ganze Dörfer massakriert, Menschen wie Tiere abgeschlachtet werden. Der klassische Kolonialismus war ein Kinderspiel gegen das, was jetzt abläuft. Der entstehende Militärstaat Europa, von dem «Fuck you, Europa» erzählt, löscht mit seinen Hochsicherheitsgrenzen den humanistischen Traum vom alten Europa endgültig aus.

Was tun?
Es bleibt fast nur die Camus-Position: Revolte. Revöltchen. Ich habe zwei Töchter, sieben und vier Jahre alt. Die Kriege werden sich ausbreiten, und ich werde ihnen Rede und Antwort stehen müssen. Ich will zeigen, dass man etwas tun kann, egal, auf welcher Position. Manchmal nehme ich die Grosse zur Probe mit. Das ist das, was ich tun kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2014, 08:26 Uhr

Milo Rau

Pionier des Reenactment-Theaters

Milo Rau, 1977 in Bern geboren, arbeitet seit der Jahrtausendwende als Theatermacher und Publizist. 2014 wurde er mit einem Schweizer Theaterpreis geehrt. Seine ­Ar­beiten, die mit seinem International Institute of Political Murder entstanden sind, erregen weltweit Aufsehen, etwa seine Reenactments wie «Die letzten Tage der Ceausescus» und «Hate Radio» oder die «Zürcher Prozesse» von Mai 2013 rund um die «Weltwoche». 2013 sprach Russland ein Einreiseverbot aus für Milo Rau wegen seiner Inszenierung «Moskauer Prozesse». Raus neuer Fokus ist Europa: der Abbau der alten humanistischen Werte und der Ausbau zu einer Festung. Theatral gibt es dazu eine Trilogie: «The Civil Wars», Uraufführung am 27. 8. am Zürcher Theater Spektakel; «Fuck you, Europa», Uraufführung 2015 in München, und «Die Geschichte des Maschinengewehrs» mit der Uraufführung ebenfalls 2015 in Berlin. Filmisch begleitet Rau das Thema mit «Das Kongo Tribunal», Premiere 2016. (ked)

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