Die Spezielle

Am Freitag wird die Saison in der Schiffbau-Box eröffnet. Mit jungem Text, jungen Autoren – und einer jungen Schauspielerin: Lisa-Katrina Mayer.

«Jede Figur ist ein Stück weit aus mir gebaut»: Lisa-Katrina Mayer in ihrer Zürcher Lieblingskneipe, dem Café Nordbrücke. Foto: Thomas Egli

«Jede Figur ist ein Stück weit aus mir gebaut»: Lisa-Katrina Mayer in ihrer Zürcher Lieblingskneipe, dem Café Nordbrücke. Foto: Thomas Egli

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Erst mal musste sie unten durch. Zwanzig Mal war sie beim Vorsprechen, an manchen Schauspielschulen sogar gleich mehrmals. Öfter reichte es dann bis in die Endrunde, aber geklappt hat es erst nach zwei Jahren Ochsentour – im österreichischen Linz, wo sie eine von vieren in ihrer Schauspielklasse war. Eins ist klar: Lisa-Katrina Mayer bleibt dran, wenn es auch nur den Hauch einer Chance gibt; sie ist eine typische Vertreterin der Generation Praktikum, die nicht jammert, sondern ackert.

Für manche zu speziell

Immerhin bescherte ihr jedes Vorsprechen aufs Neue diesen Kick, dieses Flirren im Bauch – und mit ihm wuchs in ihr die Gewissheit: Das ist meine Welt; genau da will ich hin. Und wenn Lisa-Katrina Mayer irgendwo hinwill, dann kommt sie da auch hin.

Die junge Frau mit dem langen, blonden Haar, das man tatsächlich als «wallend» bezeichnen muss, mit der Goldkette, dem Silberreif und den glänzenden Ringen, also all dem Glitzerkram, der das schwarze Outfit kontrastiert, ruft jedem stante pede den Heine-Klassiker ins Gedächtnis. Dass in der 1988 geborenen höheren Tochter eines Stuttgarter Architektenpaars ein pickelharter Kern steckt wie in Heines Loreley, jener zarten Jungfrau mit dem blitzenden Geschmeide, dem goldenen Haar und dem mörderisch-gewalt’gen Gesang, ahnte einst auch einer von denen, die sie wegschickten. «Sie sind zu speziell», war sein Urteil. Speziell ist die Mayer immer noch – zum Glück für die Bühne, auf der sie nun, zum Auftakt der Saison am Freitag in der Schiffbau-Box, stehen wird.

«Irgendwie war es auch gut, dass es so lange gedauert hat bis zur Aufnahme an der Schauspielschule», urteilt Mayer bei einer Tasse Cappuccino in ihrer Zürcher Lieblingskneipe, dem Café Nordbrücke – wo es, wie für sie arrangiert, von der soften Plüschecke bis zum funktionalen, harten Resopaltisch jeden Stil gibt. «Schliesslich gehts ja so weiter im Schauspielerberuf: vorsprechen, Erfolg haben, dann wieder abgelehnt werden, mal ganz unten sein.»

Wobei: Bei ihr war es anders. Nach dem Bachelorstudium in Linz kam der Masterstudiengang in Zürich, dessen Breite sie reizte. Zum Programm gehörte auch, dass die ganze Klasse fürs Schauspielstudio des Schauspielhauses Zürich vorsprach – und Lisa-Katrina Mayer wurde vom Fleck weg engagiert: 2013 wurde sie Teil des Schauspielstudios. Die Beförderung kam dann wie das Amen in der Kirche: Seit Herbst 2014 ist die Spezielle im Ensemble. Und spielte etwa bei Herbert Fritsch in «Der schwarze Hecht», bei Karin Henkel in «Roberto Zucco» oder bei Kornél Mundruczó in «Hotel Lucky Hole».

Sie sagt wirklich «Seele»!

Gerade die Arbeit beim ungarischen Regisseur verlangte der jungen Schauspielerin eine Menge ab: Fremd war ihr die Welt der Prostitution, fremd, sich nackt auf der Bühne auszustellen – und zwar in einer Nacktheit, die Verletzung und Hilflosigkeit herausschrie; fremd war ihr auch der hyperrealistische Ansatz. Zudem «wars extrem, so im Fokus zu stehen: eine grosse, sehr schöne Verantwortung», beschreibt sie die Erfahrung mit der grossen Rolle als Prostituierte.

Mayer hat viel recherchiert dafür, gewinnt Rollen allerdings generell aus einer Mischung aus Kopfarbeit und Bauchgefühl. «Jede Figur ist ein Stück weit aus mir gebaut, aus meinem Körper, meiner Stimme, meiner Gedankenwelt, meiner Seele». Sie sagt wirklich «Seele»! Als sie noch hinzufügt: «Ich will gar nicht wissen, wie es geht, das Spielen, sondern bei jeder Vorstellung stets wieder ganz neu suchen», bekommt man schier ein wenig Sorge um sie. Sie zeigt sich offen bis zur Zerbrechlichkeit. Aber auch das zeugt von der Kraft einer Generation, die nicht nur gewohnt ist, sich ständig als Ich-AG verkaufen zu müssen, sondern sich auch lustvoll in den sozialen Medien zu inszenieren, beim Höhenflug ebenso wie beim Absturz.

«Die Versinnlichung von Geschichten erfüllt mich.»Lisa-Katrina Mayer

Es ist eben nicht die Loreley, die ersäuft, sondern der bezirzte Schiffer. Und wer wollte sich entziehen, wenn sich eine da mit ihrer ganzen Leidenschaft auf die Bühne wirft? «Schauspieler ist für mich der schönste Beruf auf der Welt! Die Versinnlichung von Geschichten erfüllt mich», schwärmt Lisa-Katrina Mayer und ist sicher, dass man nur am Theater auf diese magische Weise Lebensvarianten durchspielen könne. Ein Highlight der letzten Saison war für sie die Mitarbeit im «Schwarzen Hecht» mit seiner irren, antirealistischen Überzeichnung. «Der Regisseur Herbert Fritsch zündet ein Feuerwerk an Ideen; da blühen die Geschichten, und man blüht einfach mit. Alles wirkt auf einmal so klar und macht riesengrosse Freude.»

Und das Stück, mit dem jetzt die Box eröffnet wird? Die Uraufführung des Dramas «Der neue Himmel» vom bereits ausgezeichneten deutschen Autorenduo Michel Decar, Jahrgang 1987, und Jakob Nolte, geboren 1988, war als krönender Abschluss der Berliner Autorentheatertage programmiert worden. Aber was da Ende Juni in der Regie des um ein Jahrzehnt älteren Sebastian Kreyer gezeigt wurde, begeisterte weder Publikum noch Kritik.

Schon als Text scheint «Der neue Himmel» fast einzustürzen. Er zerfällt in eine Art Präludium aus Fragmenten – die sich rund ums Thema «Auslöschung menschlichen Lebens» anlagern und durchaus Intensität und Qualität haben – und eine äusserst merkwürdige Coda über eine mörderische Dame auf einem britischen Gutshof. Da fragt man sich mit Monty Python: Wie war das mit dem Mittelteil?

Shakira, Flirt – Busbombe

In Kreyers Inszenierung wurde die schrille Schraube noch nachgezogen. «Wir sind mit Spass und Grandezza in die Farbkiste gesprungen», erläutert Nachwuchspreisträgerin Mayer. Gerade in der Übertreibung liege der Ernst. Das habe nicht flockig daherkommen sollen, die Drohnenthematik sei ja kein Kinderspiel. «Die Komik geht so weit, bis es nicht mehr komisch ist.» Keine halben Sachen, habe die Devise gelautet.

Doch neben den Knalleffekten sei Platz gewesen für richtige Geschichten. «Es ist ja kein dokumentarisches Stück und keine politische Agitation. Zwischenrein pulsen kleine vermeintliche Bilderbuchgeschichten.» In ihrer Lieblingsszene gibt Mayer eine junge Frau im Bus in Kolumbien: Shakira läuft, und sie flirtet sich justament einer Liebe entgegen; da fliegt der Bus in die Luft. «Aber der Angriff selbst ist nur eine Regieanweisung.» Das Ende kriege ja nie einer mit. Es sei der Augenblick des Lebens, der zähle.

Wie stark die Inszenierung für die Zürcher Premiere überarbeitet wird, weiss Mayer beim Treffen noch nicht. Egal: «Ich geh immer mit Lust in die Probe.» Und auch durch die Limmatstadt. In Zürich, wo sie sich von Anfang an willkommen gefühlt hat, ist sie nach drei Jahren und vier Umzügen richtig ­daheim: Es ist der Ort, wo sie bleiben und spielen will, was die Bretter halten. Sogar, wenns mal untendurch geht.

Premiere von «Der neue Himmel» am 11.9.

Erstellt: 09.09.2015, 04:35 Uhr

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