Die Syrerin wartet auf ihre Papiere, der Schlepper auf sein Geld

Im «Gebrochenen Licht» sieht man manches klarer: Das steht fest nach der Uraufführung von Lubna Abou Kheirs Stück im Theater Neumarkt. Ein Abend wie ein surreales Gedicht.

Die syrische Mutter (Sascha Soydan) läuft in ihrem Zimmer in Istanbul auf und ab wie ein gefangener Panther. Foto: Philip Frowein

Die syrische Mutter (Sascha Soydan) läuft in ihrem Zimmer in Istanbul auf und ab wie ein gefangener Panther. Foto: Philip Frowein

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Der Kleine steht auf einem Podest vor dem Neumarktsaal, trotzdem sieht man ihn kaum im Gedränge des rammelvollen Foyers. Doch dann intoniert der Bub munter sein «Hallo» und sein «Once upon a Time» und springt mit uns quasi durch den Spiegel – hinein ins Wunderland des Theaters (Aurel Kuthy ist mit seinen 13 Jahren bereits ein Bühnen- und Filmroutinier). Die Pforten zu einer fluiden Wirklichkeit öffnen sich.

Die Welt im Saal ist allerdings nicht, wie bei Alice, von weissen Kaninchen und Spielkartenkönigen bevölkert, sondern von Menschen in merkwürdigen Zwischenzuständen. Da zieht beispielsweise Jakob Starks Waddah zwischen dem gestrandeten Flüchtlingskahn an der Rampe und den im Raum verteilten Wartezimmerstühlen verloren hin und her.

Leben? Unmöglich.

«Das Leben ist nur wenige Schritte entfernt, ganz in der Nähe, aber es unmöglich», analysiert der Soldat wider Willen – Waddah ist ein Zwangsrekrut der syrischen Armee –, seine prekäre Position. Er flottiert irgendwo in der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor, die zu dem Zeitpunkt seit zwei Jahren belagert ist, ohne Netz, abgeschnitten von allem. Leben? «Es unmöglich»: Auch die Sprache darüber ist verstümmelt und rau; die syrische Dramatikerin Lubna Abou Kheir hat nichts geglättet.

Mit vielsagenden Stummeln, Versatzstücken, operiert auch die düstere Bühne der Zürcher Kostümbildnerin und Ausstatterin Sophie Reble: Der langgestreckte Raum hat etwas von einer kalten Traumlandschaft voller rätselhafter Zeichen und Trigger, wirkt wie ein surreales Gedicht. Regisseurin Ivna Zic, Autorin Abou Kheir und Ausstatterin Reble, junge Frauen allesamt, imaginieren ein Stück Gegenwart auf die Bühne, als seis aus der Zeit gefallen. Ein finsteres Märchen.

Alles flirrt

Reble hat in die leergeräumte Dunkelheit besagte schwarze Klappstühle gestreut, schwarze Brocken, die von Krieg und zerstörten Häusern erzählen, und das weisse Boot. Im Fond hängt ein giftgrüner Stoffvorhang, und die plötzlich aufleuchtenden Neonröhren strahlen eisblau. Ausserdem schickt uns Google-Maps via Bildschirm mal durch Zürich, mal durch Syrien, aber ebenso zum Beispiel durch Kroatien: Städte, Strassen, Gebiete schieben sich hier übereinander, Grenzen verschwimmen. Alles flirrt. Dass wir im Hufeisen sehr nah um diese Anderswelt herum sitzen, lässt uns fast schwindeln.

«Gebrochenes Licht» titelt denn auch das nun uraufgeführte Stück der 1992 geborenen syrischen Dramatikerin, die vor rund drei Jahren Zürich zu ihrem Zuhause machte, als die Situation in Damaskus für sie schwierig wurde. Auf Arabisch heisst das «Qaus quzah» und meint die schillernden Farben des Regenbogens, die zersplitternden Reflexionen des Lichts in den vielen einzelnen Tröpfchen, wie die Medienmappe erläutert. Und fragmentiert ist nicht bloss die Optik der Inszenierung.

Zwischen Ruinen und Wartezimmerstühlen hofft die junge Maya (Anna Hofmann) auf einen Neuanfang. Foto: Philip Frowein

Fragmentierung und Vereinzelung prägen auch die Figuren: Die 21-jährige Maya aus Syrien sitzt in Zürich in einem «Vakuum» und wartet auf die Papiere – Anna Hofmann signalisiert in knallroten Shorts ihre Sehnsucht nach dem Startschuss ins neue Leben, der nie fällt. Ihre Mutter wiederum sitzt in Istanbul und wartet auf den Schlepper. Und wenn Sascha Özlem Soydon in ihrer dunklen Robe auf- und abläuft wie ein gefangener Panther, dessen Blicke müde geworden sind wie seine Neugier, wenn sie ihrer Tochter schwere Vorwürfe macht und dazu kettenraucht, dann ist sie eine moderne Königin der Nacht.

Der Schlepper seinerseits fantasiert von Fahrten durch ferne Länder und Zeiten und wartet auf sein Geld: Rahel Sternberg ist eine mephistophelische Gestalt, die über alle Grenzen hinwegrollen kann und dich mitnimmt, falls du was zum Bezahlen hast, und sei es deine Seele. Waddah freilich kann nirgends mehr hin: Er ist tot; seine Whatsapp-Nachrichten sind alles, was von ihm geblieben ist.

Die Zusammenhänge sind im «Gebrochenen Licht» eher angedeutet als ausgedeutscht. Das soll so.

Ohne in den Beipackzettel zu «Gebrochenes Licht» hineinzuschauen, kapiert man die Idee des posthumen Postings nicht hundertprozentig. Auch andere inhaltliche Setzungen macht der Abend nicht wirklich deutlich. Da fügen sich die acht Szenen zwar zu einem irisierenden «Bogen von Damaskus nach Zürich», so der Untertitel. Aber etliche Zusammenhänge sind eher angedeutet als ausgedeutscht. Das soll so sein: Im gebrochenen Licht sieht man manches klarer.

Denn die Zürcher Regisseurin will den Text mit seinen offenen, wiederkehrenden Motiven nicht einfangen und zähmen. Sie scheint ihm eher auf leisen Sohlen hinterher zu schleichen; sie bremst den Nachhall von Kheirs Sprache nicht aus, sondern hört genau hin. Auch der Komponist und Kontrabassist Matija Schellander hat sich für eine elektronische Klangwildnis entschieden, in der die Assoziationen wuchern. Schliesslich betreiben Ivna Zic und Lubna Abou Kheir Politik ohne Propaganda, kein Polit-Peptalk, und sie lassen die Sprachbilder frei ihre Blüten treiben.

«Klimaproblem bringt mich zum Lachen.»Maya in «Gebrochenes Licht»

Und allmählich stellt man fest: Die eigene Storysucht wurde auf diese Weise subtil ausgehebelt. Weil kein Melodram ablenkt, bekommt mancher Satz hier einen grossen Bahnhof in unserem Kopf. «Das Klimaproblem bringt mich zum Lachen, die Menschen haben Angst vor Papier oder Karton, das immer dünner wird, und sie haben keine Probleme mit den Menschen, die jeden Tag kommen, immer dünner werden und sterben», konstatiert etwa Maya. «Deswegen gehe ich zu den Demonstrationen: Ich fühle mich luxuriös.»

Ok, ein bisschen mehr Geschichtenpulver hätte uns Storyjunkies schon gepasst und auch sicher nicht geschadet. Aber so fühlten wir uns dafür ganz Wunderland-mässig luxuriös – in den Bann geschlagen von einem 70-minütigen, funkelnden Poem über die Abgründe unserer Zeit.

Erstellt: 02.11.2019, 18:03 Uhr

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