Dieudonnés geputzte Mauer

Der Skandal blieb aus: Der französische Komiker bot in Nyons prall vollem Theater eine abgeschwächte Version seiner umstrittenen Show.

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Na, und wie war er denn nun, Dieudonnés Auftritt im Théâtre de Marens? Stürmisch? Dämonisch? Aufregend? Unerträglich? Ärgerlich? Nichts von alledem. Sagen wir: Es war routiniert. Und effektiv. Man könnte darüber vergessen, dass der Conseil d’Etat, das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs, sein Programm «Mur» in Frankreich verboten hat, etwas noch nie Dagewesenes. Und dass Dieudonné seine «Mauer» deshalb säubern musste –zu «Asu Zoa», auf Kamerunisch «Elefantengesicht».

Wenn es einen Beweis für die abgekühlten Emotionen bräuchte, dann lieferte ihn die Umgebung des Theaters. Dort hatte zwar die Antirassismusvereinigung Cicad ein Zelt aufgebaut, das das Publikum auf die antisemitischen Ausfälle des Komikers hinwies; aber daraus entstand keine spannungsgeladene Atmosphäre. Gerade mal einige Zuschauer schwenkten eine Ananas, als Anspielung auf «Shoananas», dieses geschmacklose Chanson, das Dieudonné eine Geldstrafe eingetragen hat.

Farce, Schmerz und Attacke

Wer sind die Besucher dieser Premiere? Ganz überwiegend Männer. Keine Glatzen, keine Anhänger von Alain Soral, der sich zum Vordenker der extremen Rechten in Frankreich aufgeschwungen hat. Wollmützen und Kapuzen, Männer zwischen 25 und 40. Wenig ist die Rede von den jüngsten Kontroversen um Dieudonné. Knackige Statements, die die Kameras und Mikros so gerne einfangen würden, müssen sie lange suchen im Saal. Um 20.10 Uhr mahnt eine Kathedralenstimme die Schäfchen, ihre Handys auszuschalten. Dann erscheint das Idol des Abends, grauer Anzug, weisses Hemd, empfangen von einer Woge von Applaus und Beifallsrufen.

«Es ist einiges passiert seit dem letzten Mal», beginnt er mit der Samtstimme eines Fernsehpredigers. Eins ist sicher: Er bleibt im Rahmen und seiner Bühnenfigur treu, dem Volkstribun und Ankläger. Seine «Mauer» hat er sichtlich ausgebessert. Die Bühne zeigt die Reste davon: Eine Holzkiste zur Linken dient ihm als Schreibtisch, in der Mitte zeigt ein bemalter Mauerrest Dieudonné hinter Gittern, zur Rechten wartet eine Kanzel auf den Blitze schleudernden Redner. Und er? Spielt einen afrikanischen Soldaten, dem Zweiten Weltkrieg entronnen, ohne Anerkennung und ohne Pension. In dieser Rolle vermischt er Komik und Anklage, Farce und Schmerz. Und das kann er exzellent.

Abrechnung als Schwäche

Und die «Quenelle», der berüchtigte umgekehrte Hitlergruss? Diese so umstrittene Geste lässt sich Dieudonné nicht nehmen, mit einem breiten Grinsen. Damit gibt er es der englischen Königin, die ihm gerade die Einreise verweigert hat; er gibt es den Antirassisten. Der Künstler rechnet ab: Das ist der Motor der Show, ihre Schwäche auch. Zum x-ten Mal macht er Alain Jakubowicz nach, den Präsidenten der französischen Antirassisten, wie er den Innenminister Manuel Valls vorlädt und wie dieser auf dem Teppich kriecht. Zum x-ten Mal macht er seinen Ex-Partner Elie Semoun herunter, den er als Wrack bezeichnet. Zum x-ten Mal schiesst er sich auf den Radiojournalisten Patrick Cohen ein. Dieudonné spricht von unten, im Namen der Stimmlosen, jedenfalls beansprucht er das. Diese Pose – die des Armen, Elenden, der zurückschlägt – hat lange seine Stärke ausgemacht. Aber seine Obsessionen verengen das Spektrum seiner Kritik. Und verderben die komische Schlagkraft. Dieudonné überrascht nicht mehr: Das Schlimmste, was man über einen Künstler sagen kann.

Aus dem Französischen von Martin Ebel

*Alexandre Demidoff ist Feuilletonchef von «Le Temps»

Erstellt: 04.02.2014, 15:31 Uhr

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