Drei Biedermänner und Bier aufs Haus

Regisseurin Heike Goetze haut Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» brachial auf die Zürcher Neumarkt-Bühne – das berührt.

Das Leben ist kein Weihnachtsmarkt, obwohl es so aussieht im Neumarkt-«Biedermann». Foto: Barbara Braun (MuTphoto)

Das Leben ist kein Weihnachtsmarkt, obwohl es so aussieht im Neumarkt-«Biedermann». Foto: Barbara Braun (MuTphoto)

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In Washington und Wiesbaden läuft es gerade, auch in Celle, Ingolstadt, Freiburg im Breisgau. Und demnächst kommt es nach Dortmund und Solothurn, Baden-Baden und Altenburg: Max Frischs «Lehrstück ohne Lehre» über «Biedermann und die Brandstifter». Diese «Fingerübung» (so Frisch), 1958 in Zürich uraufgeführt, ist noch lang nicht ausgebrannt. «Et à quoi ça sert, finalement?», prustete die Schauspielerin Marie Bonnet entnervt nach ihrer unvollständigen Aufzählung aktueller Spielorte während der «Biedermann»-Premiere im Zürcher Theater Neumarkt am Samstag. Was also solls?

Kann dieser Bühnenhit überhaupt noch etwas sollen? Man bejubelte ihn als Kommunismuskritik wie als Nazimitläufer-Bashing. Man feierte oder kritisierte ihn für sein hartes Parabel-Kalkül. Und der schweizerische Vorzeigeautor selbst lieferte nicht bloss ein Nachspiel dazu, sondern später auch die viel zitierte Deutung, die Brandstifter seien Dämonen, «geboren aus Gottlieb Biedermann selbst: aus seiner Angst, die sich ergibt aus seiner Unwahrhaftigkeit». Wie wahr!

Retrotelefone und leere Käfige

Die gefürchteten Hausierer – die im Neumarkt auch als «Hau-Syrer» unterwegs sind – nisten sich bekanntlich beim Haarwasserfabrikanten Biedermann ein. Das feige Kapitalistenschwein, das den Angestellten Knechtling bescheisst und in den Suizid treibt, übersieht ge­flissentlich die überdeutlichen Hinweise, dass die zwei die gesuchten Brandstifter sind, und behandelt sie wie Ehrengäste, um sie milde zu stimmen. Doch am Ende fackeln sie Haus und Stadt ab.

Häuschen und Städtchen: Die Regisseurin und Komplett-Ausstatterin Heike ­Goetze imaginiert das von Dämonen heimgesuchte Heim, passend zur Jahreszeit, als Weihnachtsmarkt. In dreifacher Ausführung stehen da Hüttenanmutungen mit bunter Neonbeleuchtung, farbigen Retrotelefonen und leeren Vogelkäfigen, laut beschallt mit Taubengurren und Kanarienvogelgezwitscher. O du fröhlicher Fake.

Echt sind dagegen die Schnittchen, die im Publikum verteilt werden, ist das Bier, das ausgeschenkt wird von den drei Damen mit den Kimonokleidchen und den Rockabilly-Frisuren: Marie Bonnet, Hanna Eichel und Melanie Lüninghöner geben mal die dienstbare Anna-Anna-Anna des Biedermann-Haushalts, mal die bange Gattin Ba-Ba-Babette und zwischendurch sich selbst. Und man selbst «ist ja kein Unmensch», sagt Biedermann – sprich: würden Simon Brusis, André Benndorff und Miro Maurer sagen, wenn ihnen nicht herausrutschte: «Sie müssen jetzt nicht denken, dass ich kein Unmensch sei.» Die drei tragen hässlich-herzige Vögelchenhemden und unschuldsweisse Birkenstocks, halten den «Tages-Anzeiger» in ihren zitternden Händen und brüllen: «Aufhängen sollte man sie!»

Keine Angst vor der Angst

Wen sollte man aufhängen? Na die «Brhhhhhhm!» Während des gesamten Abends wird das Wort «Brandstifter» beziehungsweise «Brandstiftung» nämlich nicht ausgesprochen, sondern stets durch hysterisches Wiehern ersetzt. Heike Goetze, die bereits Ibsens «Nora» im Neumarkt so krass gezeichnet hatte, als habe man ihr einen fetten Flächenstreicher in die Hand gedrückt, hat auch diesmal vor nichts Angst. Schon gar nicht vor der Angst der Frisch-Figuren: Durch das Sprachtabu ist diese umso besser zu hören.

Überhaupt drückt die Regisseurin uns ein Supergeblödel aufs Auge, das erst ganz schlimm wehtut, bevors ganz arg guttut. Wie da ein fantastischer Brusis mit seiner überschnappenden Pumuckl-Stimme die Dauerbedrohung durch die zwei Brhhhhms ins Kenntliche verzerrt: Da verlangts den Theatergänger nach Ohrenschützern ob der quieksefalschen Töne – und nach Knieschonern fürs bewunderungsvolle Darniedersinken. So eine Kakofonie aus Kalauern und komischen Fiktionsbrüchen, aus Fake-Radau und Realitätsfuck, so konsequent über ganze anderthalb Stunden lang durchzuhalten: Das ist ein Wahnsinn!

Man ist geschockt, als das Scherzspektakel kippt in blutigen Ernst.

Goetze jagt Biedermanns böse Geister brachial durch ihre Budenlandschaft: seine selbst gewählte Blindheit gegenüber rabenschwarzen Absichten; seine verzweifelte Besitzstandswahrungsgymnastik. Seine Raubtiergier, seine Hasenherzigkeit.

«Blinder als blind ist der Ängstliche / Zitternd vor Hoffnung, es sei nicht das Böse . . . Bis es zu spät ist», resümiert Frischs Chor. Und Goetze lässt ihr tolles Ensemble dazu live Christian Steiffens fiese Schlagerpersiflagen schmettern von «Ich hab dir den Mond gekauft (und morgen schiess ich dich da rauf)» bis zu «Ich hab die ganze Nacht von mir geträumt (da dachte ich, das kann nur Liebe sein)».

Und keiner ist rausgelaufen bei dieser hochfrequenten All-Surround-Sound-Moral. Pulst man erst einmal mit im überdrehten Selbstbefragungsrhythmus, legt man auch ohne zu zögern die Hand aufs Herz, als es heisst: «Hand aufs Herz, was hätten Sie denn getan?» Und man ist geschockt wie Biedermann, als das Scherzspektakel kippt in blutigen Ernst. Was also solls? Genau dies. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2017, 08:56 Uhr

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