Ein Dinosaurier, der sich freitanzt

Markus Scheumann hat sich in neun Jahren am Schauspielhaus Zürich eine Fangemeinde erspielt. Im Gespräch sagt er, wie er sich immer neu erfindet.

Selbstironie und gelassene Neugierde: Markus Scheumann. Foto: Dominique Meienberg

Selbstironie und gelassene Neugierde: Markus Scheumann. Foto: Dominique Meienberg

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Beim Fototermin habe alles bestens geklappt. «Nur den Typen auf dem Bild, den kann man halt nicht ändern», flachst Markus Scheumann. Er hat sich zwischen Probe und Vorstellung, zwischen «Zur schönen Aussicht» von Ödön von Horváth und «Der zerbrochne Krug» von Heinrich von Kleist, Zeit für ein Gespräch freigeschaufelt. Etwas zerknittert fühlt sich der 1968 Geborene, ein wenig wie die Haut über seiner Nasenwurzel, wie seine verwaschene Bluejeans und das krumplige Pflaster an seinem rechten kleinen Finger. Denn Proben sei wie ein permanentes «Strecken nach der Decke. Ich bin jetzt im 26. Jahr in diesem Beruf und fürchte mich am Anfang immer noch vor jeder Rolle. Bis zur Premiere sollte man aber hinkriegen, dass es Spass macht.»

Rhythmisierter Sprachporno

Irgendwann flutsche es dann derart, dass man fast aufpassen müsse. Etwa, wenn man zum 19. Mal Kleists Dorfrichter Adam gibt wie Scheumann am Abend unseres Treffens. Er hatte sich die Rolle nicht gewünscht, erinnerte sich vor den Proben an Inszenierungen, die das Lustspiel als Klamotte herunternudelten. Aber die Musikerin und Schauspielhaus-Chefin Barbara Frey hat das Stück nicht klamaukig arrangiert, sondern als exakt rhythmisierten Sprachporno für Scheumanns splitternackten Francis-Bacon­schen Adam – also als eine schneidend scharfe Sache, supergenau aus den Blankversen herausgefiltert.

Grundsätzlich gelte es, die Sätze zu trainieren wie ein Sportler Bewegungsabläufe – bis sie am Ende ganz natürlich über die Lippen kommen, gefüllt mit Emotion und Sinn. Man feile an den Mitteln, beseele sie, setze sich aus. «Die peinlichsten Momente auf der Bühne sind, wenn deine Rolle wirkt wie gemacht.» Das Urteil «gut gemacht» sei am Theater vernichtend, verheisse Langeweile. Es stimme erst, wenn man sagen könne: «Ich lebe hier, im Bühnenaugenblick, an Ort und Stelle. Das ist jetzt meine wasserdichte Welt und nicht ein Text.» Und weil diese Ansage pathetisch-romantisch rüberkommen könnte, muss der Mann mit dem Strubbelkopf ein unangenehm berührtes «Ohgottohgott» aus sich herausschütteln, bevor er sein Credo zur Theaterwahrheit formuliert. «Im Optimum gestaltet man ein Stück Leben glaubhaft und zwingend.»

Würde es der Wahrheitsfindung dienen, ginge der Jogging-Junkie jedes Zehenwackeln hundertmal durch. Bis er sich sicher sei. «Vielleicht bin ich da ja Dinosaurier. Aber ich denke, man muss sich freispielen, sodass man seinen Part quasi tanzen kann.» Dass man ihm seine Tänze abkaufen würde, hatten schon seine Dortmunder Oberstufenlehrer gewusst, die ihm auf den Kopf zusagten, er werde als Schauspieler reüssieren. Der junge Mann mit dem Faible für die Bühne nannte dagegen in der Maturazeitung als Berufswunsch Journalist.

Der Vater war Ingenieur und Vertreter für Rohrverschraubungen, die Mutter Schulsekretärin; und als der Sohn sich aus der Bundeswehr heraus – «ich hab nicht verweigert und hatte immer das dumme Gefühl, das rechtfertigen zu müssen» – an der Theaterhochschule bewarb und prompt genommen wurde, wars für sie überraschend.

Perfektionierte Nonchalance

Doch wer Scheumann in Herbert Fritschs «Grimmigen Märchen» oder eben im «Krug» agieren sah, versteht, wieso man ihn sofort mit Handkuss aufnahm. Der Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck wertete Scheumanns «Märchen»-Auftritt gar als sein persönliches Theater-Highlight von 2017. Umwerfend war da die Nonchalance, mit welcher der Schauspieler seine Jokes hin zu improvisieren schien – und umwerfend im «Krug» die Präzision, mit der er die Mauscheleien des allzu menschlichen Richters gab. Im Gespräch wiederum spielt er locker vom Hocker seine Selbstironie aus. «Ich bin keine Marke», bemerkt er dazu. Bei jeder Inszenierung laute seine erste Frage an die Regie: «Wie spricht man denn bei Ihnen?»

Scheumann beginnt stets bei null. Seine grandiose Lehrerin an der Theaterhochschule in Hamburg habe es als ihren wichtigsten Job betrachtet, beizubringen, alles auf den Prüfstand zu stellen – jedes Fingerschnippen, jede Stimmmodulation. Für den Horváth-Abend bedeutet das insbesondere, die «sperrige Sprache, die so eigenartig im Mund liegt», regelrecht durchzukauen. Zum Punkt zu gelangen, wo man die Gewalt, die Kälte, die Verrohung spürbar macht in dieser scheinbaren Komödie, die «zur Hälfte Intro ist. Die Sympathie- und Handlungsträgerin kommt extrem spät ins Spiel.» Eine junge Frau kehrt da in ein Hotel zurück, dessen Direktor sie im Jahr davor schwängerte. Er will nun keinen Unterhalt zahlen und zieht ihren Ruf durch den Dreck.

Es sei gefährlich leicht, «Aussicht» als #MeToo-Stück zu lesen und billige Gegenwartsbezüge herzustellen – aufgrund seines Fokus auf die unausgesprochene männliche Solidarität, auf den Mangel an weiblichem Zusammenhalt, die Abwesenheit von Mitgefühl, die Überlebensstrategie Opportunismus. «Aber wer ist immer konsequent? Und gehört eine gewisse Biegsamkeit nicht auch notwendig zum Gemeinschaftstier Mensch?», fragt Scheumann kritisch, für den seinerseits unterschiedliche Regiestile und Handschriften okay sind.

Auf den Knien und im Kopf

Manche Regisseure diktierten eher, andere suchten. «Ich bin ein Selbstzweifler, lasse mich auf fremde Sichtweisen ein», beschreibt Scheumann seinen Umgang damit. Manche Regisseure arbeiteten ohne Textbuch, andere mit ihm auf den Knien. Dann sei da noch Barbara Frey, die «Zur schönen Aussicht» inszeniert: «Sie hat das Buch gleich doppelt dabei: auf den Knien und im Kopf.»

Scheumann ist seit Freys Start in Zürich 2009 Ensemblemitglied. Was nach dem Intendantenwechsel 2019 sein wird, ist offen. Seine Frau ist Anglistikprofessorin an der Universität Konstanz, wo das Paar mit seinen Kindern, 4 und 6 Jahre alt, lebt. Nach Jahrzehnten in festen Strukturen sei es wohl Zeit für Neues. Auch in Zürich. «Es gab hier eine Menge Verschiedenes: Das war zwar eine Chance, aber manchmal hätte eine klare Linie gutgetan. Debattentechnisch wars am Schauspielhaus ein wenig unklar.» Arg viel Verantwortung liege jeweils auf dem Inszenierungsteam.

Andererseits: «Ich war drei Jahre beim Mülheimer Theatermann Roberto Ciulli, wo inhaltlich alle an einem Strang ziehen. Da fühlte ich mich künstlerisch auf die Dauer recht einseitig unterwegs.» In Zürich hingegen hat alles Platz, von Düggelin bis Rimini Protokoll und Milo Rau. «Das Stadttheater, zu dem im Grunde auch ein Fritsch, ein Castorf zählen, gegen die Freien auszuspielen oder umgekehrt, ist Quatsch. Und mit jungen Leuten werden junge Ästhetiken kommen: Gut so.» Ob das dann noch seins sei? «Keine Ahnung», lächelt Markus Scheumann und öffnet in einer Geste gelassener Neugierde die Hand mit dem verpflasterten Finger.

Premiere im Schiffbau, 17. Februar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 18:52 Uhr

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