Ein Orchester, das in einem Kleinbus Platz hat

Das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp probt und spielt in ganz Europa. Heute tritt es am Theater Spektakel in Zürich auf.

Post-Punk, afrikanische Rhythmen, Jazz und Folk: Das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp. Foto: PD

Post-Punk, afrikanische Rhythmen, Jazz und Folk: Das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rhythmisch lässt Maël Saletes den kleinen, mit Mull umwickelten Schlägel auf die Saiten seiner elektrischen Gitarre gleiten. Zu den gedämpften Tönen gesellt sich das Ächzen alter Holzdielen, dann ist das Gezerre maroder Leinen an einem Poller an einer imaginären Hafenmole zu hören, bevor Vincent Bertholet mit ein paar Griffen am Kontrabass das Signal für die anderen Musiker gibt. ­«Ulrike» heisst der Song, der zum Standardrepertoire der Band mit dem langen Namen gehört: Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp.

Gegründet hat die Band, die heute am Theater Spektakel auftritt, der Bandleader Vincent Bertholet. «Es war ein alter Traum von mir, mit einem richtigen Orchester zu improvisieren», erzählt der Bassist mit der Vorliebe für westafrikanische Musik. 2006 erfüllte er sich den Traum, und weil die Musik beim Bühnendebüt nicht nur ihm selber gut gefiel, wurde aus dem Versuch eine Band. Im langen Namen zeigt sich bereits die Vorliebe für westafrikanische Rhythmen, denn zwischen Guinea und Nigeria ist «Orchestre Tout Puissant» ein feststehender Begriff für ein richtiges Orchester. Hier nun trägt es zudem den Namen des Konzeptkünstlers Marcel Duchamp.

Und wie Duchamp nimmt sich das Orchester das Recht, sich nicht festzulegen, keiner Bewegung anzugehören, kurz: die Freiheit, zu fusionieren, was gefällt. Post-Punk, afrikanische Rhythmen, Jazz, Folk und vieles mehr ist zu hören. «Bloss beim Metal hört die geistige Freiheit dann doch auf», so Bertholet. Neben Kontrabass, Schlagzeug und Gitarre kommen auch Marimba, Violine und Posaune zum Einsatz. «Ich habe davon geträumt, experimentelle Musik nur mit akustischen Instrumenten zu machen. Dafür ist die Marimba ein super Rhythmusinstrument.» Für ein Orchester ist die Band mit sechs Musikern doch eher klein, doch das hat seinen pragmatischen Grund: Mehr Musiker mitsamt Instrumenten passen nun mal nicht in den Tourbus.

Proben in Genf, Bristol und Paris

Vincent Bertholet lebt in Genf und verdient sein Geld mit Unterrichten und verschiedenen Musikprojekten – ähnlich wie der Rest der sechsköpfigen Gruppe. Die trifft sich zu Proben in Genf, Bristol, Paris oder sonst wo, denn das Orchestre ist eine europäische Band, und alle Musiker sind in unterschiedlichen Projekten aktiv. Karriere oder gar die Charts interessieren nicht. «Für mich ist es ein Erfolg zu reisen, aufzutreten, Menschen zu treffen und mich auszutauschen», sagt Bertholet, der die meisten Stücke auch komponiert. Im kollektiven Prozess der Proben werden aus den Melodien komplexe Stücke, die auch bei wiederholtem Hören noch Überraschungen bieten. Wie «Elephants», einer der «Hits» der Band, oder bei «It Looked Shorter on the Map» vom neuen Album «Rotorotor». Disharmonien werden gestreut und lösen sich wieder auf.

Im Konzert geht das Orchester dabei deutlich weiter als auf seinen Platten. So greift Gitarrist Maël Saletes auf der Bühne auch schon mal zur afrikanischen Spiesslaute, auch Xalam genannt. Die französische Marimbaspielerin Aïda Diop befeuert den Schlagzeuger Wilf Plum mit Perkussion, und die Sängerin und Violinistin Liz Moscarola musiziert manchmal auch von einem Tischchen aus mit Klingeln, Schellen und einem quiekenden Ferkel. Und in diesen polyglotten Klang stürzt sich Mathias Forge mit seiner Posaune.

Dafür konnte die Band im Studio auf John Parish zählen, der Platten für PJ Harvey oder Giant Sand und nun also auch «Rotorotor» für das Orchester aus Genf produziert hat. Für Bertholet genau der richtige Mann, denn alles wurde live eingespielt, und die Musiker wiederum hatten Spass, sich mit den musikalischen Ideen des Produzenten auseinanderzusetzen. «Tanze, während du denkst» ist das Motto, das Bertholet dafür ausgegeben hat. Und das funktioniert in aller Regel, wenn das kleine Orchesterchen auf der Bühne steht. Dass Bertholet immer noch vom grossen Orchester «tout puissant» träumt, dürfte mittlerweile ohnehin fraglich sein.

Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp: Rotorotor (Moi, J’Connais Records/Irascible); Konzert: 29. 8., Theater Spektakel Zürich.

Erstellt: 29.08.2014, 08:37 Uhr

Video

Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp - Slide

Orchestergründer Vincent Bertholet.

Artikel zum Thema

Gipfeli und Gurken

Das Duo Lutz & Guggisberg trat am Theater Spektakel auf. Ein munteres Schwurbeln, das sehr geistreich daherkam. Mehr...

«Die Menschen sind als Krieger unterwegs»

Interview Der Theatermacher Milo Rau bringt am Zürcher Theater Spektakel «The Civil Wars» zur Uraufführung. Das Stück geht der Frage nach, weshalb sich westlich sozialisierte Menschen als Jihadisten verpflichten lassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Was Lavater Köbi Kuhn voraushatte

Mamablog «And the Bobby-Car goes to …»

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...