Ein Wolf ohne Steppe

«Steppenwolf» ist ein Text für Junge. Trotzdem fühlt sich die Inszenierung im Zürcher Schiffbau alt an.

Einer von den vielen Steppenwölfen: Timo Fakhravar.

Einer von den vielen Steppenwölfen: Timo Fakhravar. Bild: Foto: Toni Suter/T+T Fotografie

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Wo dieser Steppenwolf wohnt, gibts keine Steppe: Da öffnet sich Vorhang um Vorhang, aber hinter tausend Fäden keine Welt. Da betritt er Bühne um Bühne und bleibt, wie alle, blosser Spieler – in der Schiffbau-Box ebenso wie im Roman. «Oh, ich war gewillt, das Spiel nochmals zu beginnen – die Hölle meines Innern nochmals und noch oft zu durchwandern», heisst es am Schluss von Hermann Hesses heiliger Schrift aus dem Jahr 1927, «Der Steppenwolf»; und die Inszenierung von Bastian Kraft hält am Glauben fest, als sei sie ein missionierender Jünger in der Diaspora.

Nun ja, vielleicht ist sie das ja auch ein wenig. Zwar hat «Der Steppenwolf» den vor 50 Jahren gestorbenen Literaturnobelpreisträger zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller von den USA bis Japan gemacht; und selbst ein Thomas Mann schwärmte einst, «Der Steppenwolf» habe ihn von Neuem das Lesen gelehrt, sei das «unbarmherzigste und seelenzerwühlendste aller Bekenntnisbücher». Bands, Songs, Filme entstanden nach der Erzählung, und 2005 kams zur Uraufführung jener Bühnenfassung von Thalia-Theater-Intendant Joachim Lux, die Bastian Kraft nun in die Box hineingeschreinert hat. Aber trotz der generationsübergreifenden Fangemeinschaft rümpft die deutsche Kritik seit langem die Nase über die «literarische Barbarei» aus Hesses Feder. Wer also den Sinn- und sich selbst suchenden Wolf auf die Bühne wuchtet, muss gegen den Kitschverdacht ankämpfen, muss darauf achten, mit dieser Seelenzerwühlungsorgie nicht auf dem Wühltisch von Küchenpsychologie und Männerfantasie zu landen.

Ums vorwegzunehmen: Der 1980 auf der Schwäbischen Alb geborene, preisgekrönte Regisseur tut dafür eine Menge. Er treibt dem Text das Pathos aus, kitzelt alles Selbstbezügliche heraus und stellt alles Philosophische aus. Video, Tanz und Musik, Comicästhetik mit Cartoongewehren sowie behüpfbaren Klaviertasten und eine wilde Lichtchoreografie, ausgestopfte Wildsauen und Rehe, schwimmende Särge, die Verfünffachung des Helden und die Öffnung des Requisitenfundus – das und vieles mehr gehört zu dieser Stadttheaterästhetik, die Kraft ins Postdramatische potenziert hat. Seine Bühne ist das «Magische Theater», in das sich der Held zwecks Selbsterfahrung locken lässt. Es schillert, dieses Ding zwischen Odeon und Moulin Rouge, das auch als Videoleinwand funktioniert; dieses runde, rote Variété mit Laufband, auf dem Szenen als Stationen eines Selbstfabrikationsprozesses vorbeirotieren. Hinterm zweiten Vorhang glitzert ein weiteres Bühnenrund, und hinterm dritten thront Steppenwolf Harry im Kern des Kreises (Bühne: Simeon Meier). Schliesslich ist Harry-Hermann Ausgangs- und Endpunkt, und die Gegenfiguren, Hermine, Maria und Pablo, agieren nur als Abspaltungen, als Spiegelungen von ihm.

Darum tragen Anna Blomeier, Timo Fakhravar, Fritz Fenne, Arnd Klawitter und Yanna Rüger auch die gleichen gelbgrünen Pullis, die gleichen Hornbrillen, die gleichen pelzbesetzten Schuhe (Kostüme: Inga Timm). Überhaupt diese Schuhe! Sie sind das Inbild dieser Inszenierung und des Konflikts, mit dem sich Harry herumschlägt, zerrissen zwischen biederer Bürgerlichkeit mit ihren Bequemlichkeiten und Raubtierrasereien mit Frauenverschleiss und Freidenkertum. Die laue Zufriedenheit ist ihm ein Gräuel, die heisse Verzweiflung ein Schrecken. Hermine verschafft ihm einen Bettschatz, die Boheme kluge Causerien an der Bar – aber nichts genügt. Rettung verheisst allein das göttliche Lachen über sich selbst.

Fünf Harrys unterwegs

Und tapfer spotten, schreien und lachen sich die fünf Schauspieler mit den albern selbstironischen Schuhen durch diesen rund anderhalbstündigen Abend, der fürs Spiel im Spiel jedes Register zieht, vom Echoeffekt bis zum Refraintheater. Es sind hier ja fünf Harrys unterwegs – wenn die Akteure nicht grad den mephistophelischen Variétédirektor geben oder den ordentlichen Mitbewohner, die sinnliche Muse oder die kleinbürgerliche Vermieterin. Szenenwiederholung ist da leider eine Conditio sine qua non, und am Schluss wird, ach, auch der Anfang repetiert.

Kurz: Kraft hat den Roman exakt vermessen und für jede These ein Bild gebaut. Er war so textgetreu, wie man nur sein kann, verfuhr so munter mathematisch, wie es geht, wenn man mit Licht und Leuten, mit Musik und viel Technik die philosophisch aufgebrezelte MidlifeCrisis eines alternden Künstlers übersetzt – und aufbrezelt. Und mit diesem Formelmusical entlarvte er den «Steppenwolf» als furchtbar langweilig. Hesses «Steppenwolf» ist eigentlich ein Text für Junge. Aber der junge Regisseur hat mit seinem jungen Ensemble ein artistisches Artefakt gebaut, das sich irre alt anfühlt. Wenn Hesse, dann Pathos, bitte! Selbstzerwühlung ohne Orgie ist wie ein Wolf ohne Steppe.

Erstellt: 05.11.2012, 14:59 Uhr

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