Ein bisschen wie beim Zahnarzt

René Pollesch stemmt im Schiffbau eine neue Folge seines gesellschaftskritischen Gummizellentheaters.

Von Dreh zu Dreh, von Idee zu Idee: Inga Busch (Mitte) und ihre Mitstreiter.

Von Dreh zu Dreh, von Idee zu Idee: Inga Busch (Mitte) und ihre Mitstreiter. Bild: Doris Fanconi

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Pollesch. Lieblingspreisträger in unsern postdramatischen Zeiten, Lieblingsvergil in unsern postideologischen Purgatorien. Einer, der selbst die Kapitalismuskritik auf den Kopf stellt und sie zum Clown eines Theaters macht, das sich nicht als archimedischen Punkt versteht, weil es den nicht gibt. Darum muss es beim allgemeinen Gestrampel auch gnadenlos mithampeln – allein 2012 in fünf Pollesch-Uraufführungen: Anfang Jahr in «Kill your Darlings!» an der Berliner Volksbühne, später in «Wir sind schon gut genug!» am Schauspiel Frankfurt, in «Eure ganz grossen Themen sind weg» an den Münchner Kammerspielen, in «Neues vom Dauerzustand» am Hamburger Schauspielhaus und nun, zum Jahresende, im Schiffbau in «Macht es für euch!». Die gesamte Pollesch-Produktion ist ein Work-in-Progress – und die Pollesch-Rezeption ist es auch. Und, wie selbst eingefleischte Fans am Mittwoch einräumten, handelte es sich an diesem Abend in der Box eher um «work» als «progress».

Alles ist ein blödes Spiel

Dabei sieht anfangs alles ganz vielversprechend aus: Eine ausladende Treppe, auf der Jean-François Millets fleissige «Ährenleserinnen» (1857) abgebildet sind, führt links und rechts zu prunkvollen Opernlogen voller Gold, Marmor und Purpur. In der Mitte thront eine immense Leinwand (für die obligaten LiveKamerabilder), und unter dieser Kulisse des schönen Scheins webt und strebt die wunderbare Warenwelt – als Fototapete von vollen Coop-Regalen. Nutella steht neben Biohörnli, Weinflaschen neben Babygläschen. Lebensmittelfiktion unten, Kunstmittelfiktion oben: Chasper Bertschingers Bühnenbild erzählt also bereits die Geschichte von der ubiquitären Täuschung – genau richtig für Polleschs gesellschaftskritisches Gummizellentheater. Dazu läuft «Add Some Music to Your Day» von den Beach Boys, und das ganze Dasein kommt als Menü à discrétion daher, als Fiktionsfragmente-Puzzle.

«Niemand wird wirklich von dieser Täuschung getäuscht, die aber die Darsteller selbst in ihren Bann zieht», ist einer der Kernsätze von «Macht es für euch!». René Pollesch meint mit «euch» denn auch die Schauspieler, deren Körper anwesend und «bei der Sache» sind, während es in den Köpfen träumt. «Das Wissen, dass man einem Spiel beiwohnt, schwebt nicht nur dauernd über dem Ganzen, sondern da es weiss, dass das Ganze ja nur ein Spiel ist, also ein blödes Spiel, ist das Wissen selbst ein Affekt: Das Wissen ist nämlich Verachtung. Sich zu erfreuen am Spiel geht nicht ohne Selbstverachtung.»

Der Guru hinter solchen Sätzen ist der Wiener Kultphilosoph Robert Pfaller mit seiner materialistischen Philosophie («Wofür es sich zu leben lohnt»), der endlich mit allem tragischen Gewese, allem idealistischen Gemüse aufräumen will. Erst dann, wenn man erträgt, dass das Leben eine Abfolge von Sprach- und anderen Spielen ist – eine Täuschung, ein Theater –, erst dann kann man damit Ernst machen, behauptet «Macht es für euch!». Proklamiert es wieder und wieder, Treppe rauf, Treppe runter, mit den Beach Boys und Wagner, mit Kunstnebel und Beleuchtungswechseln.

«Aber es kommt viel zu wenig zu einem Ernst, weil man das Spiel so verachtet, die Täuschung, den Spass», sagt Inga Busch. Das hätte auch Jan Bluthardt sagen können oder Patrick Güldenberg oder Jirka Zett: Die Rollen der vier sind austauschbar in diesem Debattierclub. Sie fallen hier aus dem Bild, klinken sich da wieder ein, referieren mal in Schlafanzügen, mal in Künstleroutfits (von Rembrandt bis Picasso); und sie testen so die Thesen auf ihre Theater-, Lebensund, nicht zuletzt, Liebestauglichkeit, während ein achtköpfiges Team mit Kamera und Mikroangel um sie herumwuselt. Livefilm oder echte Bühnenfiktion: Das ist im Grunde so egal wie Opernloge oder Coop-Unterwelt.

Zu selten «Grosses Kino»

Der Komparsenschwarm zieht mit den Darstellern von den Katakomben bis in die Erstklassabteile, man gruppiert sich zu Clustern, man stürzt sich auf das Stichwort «Langeweile» auf den jeweiligen Sprecher (zu diesem Running Gag gehört die Antwort: «Ich find dich nicht attraktiv, geh runter von mir»). Und sogar die Assistentin darf mal was sagen («Ich bin unterbezahlt!»); selbst die Souffleuse hat ihren öffentlichen Part auf der Bühne. Mit dieser demokratischen Choreografie begegnet der 50-jährige Autor und Regisseur auch dem amerikanischen Philosophen Michael Sandel. Nicht die Käuflichkeit sei das Problem, sondern die Ausbeutung – zum Beispiel das Nichtbezahltwerden der fleissigen Ährenleserinnen, die sich einst als Bildmotiv hergaben.

So schweift die Soiree von Dreh zu Dreh, von Idee zu Idee, so flaniert sie von Sujet zu Sujet wie durch ein Labyrinth. Das ist teils scharf gedacht und zum Scheckiglachen: Wie sich etwa einer zu Louis Armstrongs «We Have All the Time in the World» langsam, langsam die ganze Treppe bis in die Loge hinein hochrollt, wie er hochtaumelt, sich «hochschläft», ist schlicht grandios. «Grosses Kino», wie es im Stück oft heisst.

Davon gibts allerdings nicht allzu viel in diesen 100 langen, labyrinthischen Minuten. Der Hymne an die Komödie fehlt der Spass, dem Denkanstoss-Theater («Liebe wird erst real, wenn man so tut als ob») fehlen die Kicks und dem tollen Spielfeld das Spiel. Das Spiel, aus dem dann eben der Ernst werden kann. Die Entschuldigung, dass das so sein muss, weil der Homo ludens in unsrer Gesellschaft ausgestorben ist, und auch die Schlusspointe «Keine schlechten Plätze. Ein bisschen wie beim Zahnarzt» reissen es nicht raus. Im Ernst.

Erstellt: 21.12.2012, 08:50 Uhr

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