Analyse

Ein ernstes Spiel

Es hätte ein heilloses Köppeln und Gegen-Köppeln werden können – doch Milo Raus «Zürcher Prozesse» gegen die «Weltwoche» erwiesen sich als anregend und unterhaltsam.

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Gestern Abend, 19.28 Uhr, wurde im Theater Neumarkt das Urteil verkündet. Es fiel wie erwartet aus: Freispruch für die «Weltwoche»; im Verhältnis von 6 zu 1 lehnten die Geschworenen eine Verurteilung ab. Zu weit war schliesslich doch der Abstand zwischen persönlicher Empörung und konkreter Verurteilung, zu gross der Respekt der Geschworenen vor der Pressefreiheit, zu deutlich die Schwäche der Anklage, die während der drei Prozesstage an einem Flickwerk von Vorwürfen geknüpft, aber kein stimmiges Gesamtbild zustande gebracht hatte. Dabei hatte Theatermacher Milo Rau gemeinsam mit Alt-Bundesrichter Giusep Nay ein sehr merkwürdiges Rechtskonstrukt ausgetüftelt. Eines, das dramaturgische Spannung gewährleistete und der Anklage, die abseits der Theaterbühne ohne jede Chance gewesen wäre, eine bescheidene Aussicht auf Erfolg ermöglichte.

Der offensive Einbezug der Öffentlichkeit erinnerte an sowjetische Gerichtsfälle, wobei der überzeugte Linke Rau im Vorfeld den Unterschied zwischen den monströs-paranoiden Spektakeln unter Stalin und den Schauprozessen zu Beginn der russischen Revolution betonte. Letztere waren Raus Interpretation zufolge wie die «Zürcher Prozesse» als «diskursives Format» genutzt worden. Zugleich übernahm Rau mit dem Geschworenengericht das prägnanteste Merkmal des US-amerikanischen Rechts. Den Rahmen dieses juristischen Kunstwerks gab das Schweizerische Strafgesetzbuch vor, dem die drei Anklagepunkte – «Schreckung der Bevölkerung», «Diskriminierung» und «Gefährdung der verfassungsmässigen Ordnung» – entnommen worden waren.

Das Theater, der richtige Ort

Corpus Delicti des 17-stündigen Prozesses waren verschiedene «Weltwoche»-Artikel und -Cover; alle strittigen Texte stammen aus der Ära Roger Köppels. Die Geschworenen sollten beurteilen, ob die Zeitung die Grenze der Medienfreiheit überschritten und ihre gesellschaftliche Verantwortung verletzt habe oder nicht. Allerdings ging es Rau weniger um eine Überführung der «Weltwoche» als um die grundsätzliche Frage, ob auch die radikalsten Positionen und Methoden des Blatts in der Schweiz akzeptiert oder mehrheitsfähig sind. Um dies zu klären, stellte Rau eine für die hiesige Bevölkerung repräsentative Geschworenenjury zusammen. Der Spielleiter hoffte, durch die säuberlich ausbalancierte Prozessstruktur die verkrustete «Weltwoche»-Debatte von ihrer Kurzatmigkeit, ihren Animositäten und Reflexen zu befreien und Raum zu geben für eine fundierte Debatte, wie sie nach Meinung Raus den Medien heute nicht mehr gelingt.

Dass der Verlauf einer solchen Auseinandersetzung immer auch über die Rhetorik führt, zeigte die Eröffnungssitzung vom Freitag in aller Deutlichkeit: Die beiden Kläger, der souveräne Zürcher Anwalt Marc Spescha und der etwas weniger souveräne Wiener Journalist Robert Misik, erhielten in ihrem Vorgehen gegen den «Panik- und Prangerjournalismus» (Spescha) der «Weltwoche» wortgewaltige Unterstützung. Ihr erster Zeuge, der Zürcher Medienprofessor Kurt Imhof, trug seine Ablehnung der heutigen «Weltwoche» als antiliberales Blatt mit rousseauschem Pathos («Bedenkt dies, Citoyens!») vor, wofür die Theaterbühne für einmal der richtige Ort war. Nach Imhof trumpfte auch Michel Friedman mit einem furiosen Geleitwort auf. Der umstrittene Frankfurter TV-Talker kam in Rage («Es geht hier nicht um Streitkultur, sondern um tiefste primitivste Demagogie!») und erntete Bravo-Rufe aus dem wie an allen Tagen bestens besetzten Saal.

Und die Verteidigung? Sie bestand aus Milieu-Anwalt Valentin Landmann und dessen Assistenten Claudio Zanetti, den Landmann jeweils mit dem Ausspruch «Your turn, Claudio!» aktivierte. Beide wählten anfänglich eine überraschend dezente Sprache. «Die Medienfreiheit ist ein zartes Pflänzchen», warnte etwa SVP-Kantonsrat Zanetti, der am nächsten Morgen wieder zu seinem selbstbewussten Trompeten-Stil zurückfinden sollte. Auch der ägyptisch-deutsche Politologe Hamed Abdel Samad, den Landmann als ersten Experten zugunsten der «Weltwoche» aufbot, gab sich nachdenklich, fast zweifelnd.

«Wenn die ‹Weltwoche› die einzige Zeitung auf dem Markt wäre, würde ich mir Sorgen machen», gab Abdel-Samad zu. Doch da die heutige Medienlandschaft weit von einem solchen Meinungsmonopol entfernt sei, sei eine Regulierung unnötig und schädlich, und auf einmal wurde der leise Mann vehement, als er vom «Beginn vom Ende der offenen Gesellschaft» zu sprechen begann.

Eine Überfülle an Themen

Während Landmann seine juristische Erfahrung und seine Menschenkenntnis ausspielte, gelang es Spescha und Misik während der am Samstag und am Sonntag folgenden Kreuzverhöre nicht, die allzu grossen Worte und deftigen Anschuldigungen ihrer Zeugen zu belegen. Es wäre ihnen wohl auch dann nicht gelungen, wenn sie die kritisierten Texte exakter behandelt und eingebettet hätten, statt flüchtig zwischen einzelnen Ausgaben der «Weltwoche» zu changieren.

Dass die Anklage zerfaserte, hatte aber auch konzeptuelle Gründe. Muslime, Roma, Sozialhilfe, Völkerrecht: Es stand schlicht zu viel Stoff zur Debatte, in dichter Reihe traten die Experten in den Zeugenstand. Rau zeigte mit seinen «Prozessen» den «Weltwoche»-Diskurs mit all seinen politischen und gesellschaftlichen Facetten in einer noch nicht da gewesenen, umfassenden Gründlichkeit. Andererseits, und das war das Wundersame, sorgte gerade diese Überfülle an Themen, Fragestellungen und Persönlichkeiten – von Nicolas Blancho vom Islamischen Zentralrat bis Skos-Präsident Walter Schmid – für grosse Abwechslung.

Die Zuschauer behielten das Interesse und waren sichtlich und hörbar angeregt; wohl harrten nicht wenige länger aus, als sie anfänglich vermutet hatten. Für eine Unterhaltung der eigenen, ziemlich heiklen Art sorgte allerdings auch ein Live-Ticker, den die spitzzüngige, als «Gerichtsschreiberin» ausgewiesene Güzin Kar emsig belieferte. Ihre Einträge wurden prominent auf einem Bildschirm an der Bühnendecke gezeigt. Am Freitag sorgte die Kolumnistin und Drehbuchautorin mit mal boshaften, mal selbstironischen Einwürfen für Irritationen, die der sehr leidenschaftlich geführten Debatte wenig zuträglich waren. Am Wochenende gab sich Kar dann merklich spröder.

Das wird eher der Vorstellung Milo Raus entsprochen haben, der vor dem Prozess betont hatte, kein episches Theater in Brechts Sinn zu beabsichtigen, auf gezielte Verfremdungen also verzichten zu wollen. Tatsächlich ist Verfremdung und zumal Ironie das reinste Gift für Raus aufklärerisches Debattentheater, nur ein Tröpfchen davon kann sich verheerend auswirken. Denn sobald die Zuschauer am Ernst der Beteiligten zu zweifeln beginnen, wird dieses seriöse Bühnenformat entwertet, und bitterer Zynismus ist die Folge.

«Ich möchte als Künstler unbemerkt bleiben», hatte Rau bei der Vorstellung des Prozesses gesagt. Es war sein Versprechen, die Bühne freizuräumen für eine gründliche Diskussion eines schweren, schwierigen, mühsamen Themas. Er hat es eingelöst – spielend. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.05.2013, 07:27 Uhr

Der Gerichtssaal. (Bild: Theater Neumarkt)

Das Theater als Gerichtssaal: Ein Kameraschwenk. (Video: Linus Schöpfer, 30. April )

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