«Ein erotisches Verhältnis zu Betonbauten»

Tobi Müller und Bühnenstar Mike Müller haben ein Dokstück über die legendäre Autobahn A 1 geschaffen. Co-Autor und Dramaturg Tobi über die Hintergründe und Ziele dieser «ernsten Komödie».

Tobi Müller (links) und sein Bruder Mike Müller beim Schiffbau vor Mikes Volvo.

Tobi Müller (links) und sein Bruder Mike Müller beim Schiffbau vor Mikes Volvo. Bild: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was kann Theater, was Journalismus nicht kann?
Oh, ich hoffe, eine Menge! Journalistisches Theater ist überflüssig: Was soll eine gespielte Reportage sein? Aber die Frage trifft dennoch ins Herz unserer Arbeit: Klar läuft man Gefahr, sich in Erklärstrecken und Archivstücken zu verlieren. Mit Printjournalismus hat das wenig zu tun, vielleicht kommt man damit dem Radio näher, etwa einem Feature. Oder dem Schulfunk. Unser Regisseur Rafael Sanchez reagiert darauf zum Glück allergisch und verführt uns dazu, das Papierene wieder aus dem Text zu streichen. Es gibt auch harte Unterschiede zum Journalismus: Aktualität spielt bei uns keine Rolle. Wir setzen gar nicht mal so viele Pointen. Und wir müssen nicht immer sofort auf den Punkt kommen, schon gar nicht auf einen psychologischen. Nach einer Stunde Gespräch kann man sich nicht anmassen, an den Leuten rumzudeuteln, wozu Reportagen und Porträts einladen: Da gibts auch in meinem Keller journalistische Leichen, befürchte ich. Der wichtigste Unterschied: Wir haben mehr Zeit.

Inwiefern ist «A 1» eine Weiterentwicklung der Arbeit des Gespanns Mike und Tobi Müller?
Spannend fand ich in «Elternabend» und «Truppenbesuch», wie wir die Recherche auf der Bühne manchmal per Video eingespielt haben und dennoch den Kunstanspruch des Schauspiels nie aufgegeben haben. Man konnte so überprüfen, wie nahe oder wie weit weg von den Originalen das Schauspiel gerade war. Das hält zum einen wach, zum andern reduziert es das Video nicht darauf, ein kostengünstiges Bühnenbild zu sein. Ich hoffe, «A 1» spielt weiter auf dieser Grenze zwischen Künstlichkeit, Performance, Parodie und Dokumentarismus. Zentral: Mike ist nicht mehr allein. Michael Neuenschwander und Markus Scheumann sind zwei sehr erfahrene, sehr unterschiedliche Schauspieler, und daraus ergeben sich andere Dynamiken.

Was war der Anstoss für das erste Dokstück, «Elternabend»?
Mein Bruder Mike wollte im Theater Neumarkt etwas über Migranten in der Schweiz machen. Wir entschieden uns, nicht nur eine einmalige Performance, sondern einen wiederholbaren Theaterabend zu entwickeln. Dann erzählte Stephan Müller, der das Neumarkt mit Volker Hesse geleitet hatte, von der US-Schauspielerin und Dramatikerin Anna Deavere Smith, die eine radikal-dokumentarische Theatermethode praktizierte, etwa über die Unruhen in L.A. Anfang der Neunziger. Smith imitierte jeden Versprecher der Interviewten, jeden Atemzug. Das interessierte Mike; so planten wir ein Stück auf der Basis gefilmter Interviews. Um zu fokussieren, suchten wir das Aemtler-Schulhaus im Kreis 3 aus, einen Kleinkosmos für Fragen der Interkultur, wie wir das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft nannten. Von der allzu genauen Imitation haben wir uns dann rasch verabschiedet; und um den Unterschied von Material und Mikes Spiel in Erinnerung zu rufen, haben wir einzelne Interviews auf der Bühne gezeigt.

Wieso funktionierte das so gut?
Zu unserem eigenen Erstaunen gab es in der Schweiz bis da keinen breitenwirksamen Theaterabend, der diese Themen so direkt behandelt hat wie «Elternabend». Wir waren Pioniere, ohne es zu wissen. Wenn man das vergiftete Thema Migration dann noch an die Schule koppelt, die immer viele Leute interessiert, hat man vermutlich einen Vorteil mehr. Mike spielte das Stück an die 130 Mal. Aber solche Dinge kann man nicht bewusst steuern. Als wir 2013, zwei Jahre später, den Abend über die Schweizer Armee, «Truppenbesuch», machten, hatte ich die Befürchtung, das könnte nur Männer interessieren. Mike konnte dann auf Schweizer Tournee keinen Männerüberhang im Publikum erkennen. Vielleicht haben wir ein paar Dinge auch einfach richtig gemacht: Es waren weder weinerliche noch polemische Stücke, es gab keine Denkverbote, selbst wenn klar war, dass wir nicht den Untergang der Schweiz befürchteten. Es waren ernste Komödien.

Mittlerweile ist Doktheater ein Genre mit eigenen Festivals und grosser Vielfalt, von Milo Raus Reenactments über Rimini Protokolls Statistiktheater bis zur getanzten Umweltverschmutzung. Wieso dieser Hype?
Jede Zeit sucht eine Annäherung an ihren Realismus, und in den letzten zehn Jahren gab es in der Tat eine Tendenz, wieder dokumentarisch zu arbeiten. Aber was heisst das? Die Grenzen zwischen existierendem Material, Selbsterfragtem und Fiktion sind offen. Man macht heute etwas mehr Projekte. Der Regelfall ist aber noch immer, dass man, wie gewohnt, klassische oder neue Texte interpretiert, zumindest an den grossen Häusern. Vielleicht hat die zunehmende Dichte an Formen, die mit Recherchen arbeiten, auch mit dem Internet zu tun. Denn die Digitalisierung hat die Gewissheit zersetzt, welche Texte eine Gesellschaft als zentral erachtet. Internet bedeutet für den Kulturbetrieb, dass die Stimmen der vielen lauter geworden sind.

Ist diese Theaterform bei euch mit 
bestimmten Theorien verknüpft?
Das muss man heute nicht mehr tun. Stücke, die keinem Dramenmodell entsprechen, gibt es zuhauf. Und das Theater weiss schon seit bald 100 Jahren Bescheid über Montagen oder Textflächen, man muss da weder Sergei Eisenstein noch Antonin Artaud ins Programmheft schreiben. Es ist aber so, dass einzelne Autoren uns geholfen haben, für die Themen überhaupt eine gemeinsame Sprache zu finden. Bei «Elternabend» waren das die Streitschrift «Interkultur» von Mark Terkessidis und Robert Pfallers Reflexionen über Komödie und Tragödie. Bei «Truppenbesuch» lasen wir «Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben» von Harald Welzer und Sönke Neitzel, obwohl es um die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg geht und nicht um die Schweizer Milizarmee. Das Buch half uns aber zu verstehen, inwiefern das Militär eine Parallelgesellschaft darstellt.

Und für «A 1»?
Für das Autobahnstück ist die Recherche etwas explodiert. Viel Fachliteratur war dabei, oft von Autoren, mit denen wir später gesprochen haben und die im Stück auch vorkommen. Ein Buch aber hat unser Vorgehen verändert: «Autonauten auf der Kosmobahn» von Julio Cortázar und Carol Dunlop. Das Autorenpaar reiste in den frühen Achtzigerjahren, beide schon todkrank, von Paris nach Marseille mit der Vorgabe, pro Tag zwei Rastplätze zu besuchen und die Autobahn nie zu verlassen. Ein irres, irre anrührendes Buch. Wir hatten keine Zeit, mehr als einen Monat unterwegs zu sein. Aber wir wussten: Wir müssen diese ganze Strecke von St. Margrethen nach Genf und zurück jetzt einfach mal ganz langsam abfahren, im Motel schlafen und das Rauschen der A 1 knapp drei Tage nicht unterbrechen.

Gab es Überraschungen?
Lustigerweise hat bei jedem Projekt etwas Ähnliches überrascht. Man hat zuerst Horror davor, ein Stück mit lauter Meinungen zu machen. Also SVP-Polizist gegen Integrationsfee, Pressebeauftragte der Armee gegen Abschaffer, ehemalige Autopartei-Politiker gegen Umweltforscher. Die Rechts-links-Schablone langweilt, so unsere Befürchtung, jedes Mal. Und dann fangen die Gespräche an, und die Fronten werden weicher. So spricht der SVP-Polizist in «Elternabend» pragmatisch über gewaltbereite Jugendliche und weiss auch, wie man was lösen kann, nämlich mit Sozialprogrammen, mit Geld. Jetzt bei der Autobahn könnte man sagen, dass das gesamte politische Spektrum unter einer kognitiven Dissonanz leidet: Alle wissen, dass wir so nicht weitermachen können, reden aber pausenlos von «Wachstum»; auch die Grünen. Doch bei den Leuten, die an der Autobahn arbeiten und mit ihr Geld verdienen, sieht es anders aus: Am Ende trifft man bei vielen auf Ratlosigkeit. Das ist fürs Theater ein Geschenk.

Was war schwierig?
Alles. Wenn es vorbei ist: nichts.

Was ist der Reiz und der Schrecken von Betonporno?
Betonporno ist einer dieser Begriffe, die sich während der Arbeit verfestigen, ohne dass man es merkt. Es geht dabei um den Beton als Material der Moderne, die in der Schweiz mit der Autobahn einen späten Schub erhalten hat. Die Kameramänner des Schweizer Fernsehens – damals gab es kaum Frauen – hatten ein erotisches Verhältnis zu diesen Betonbauten, besonders zu den Brücken natürlich. Unglaublich, wie viele schöne Aufnahmen es gibt im Archiv. Einige zeigen wir, anderes wird erklärt.

Was macht so eine Verkehrsader in der Landschaft?
Es ist klar, dass Verkehrswege die Landschaft zerschneiden. Das hat die Bahn auch schon gemacht, aber sie brauchte weniger Land. Und vor allem: Ihre Auswirkung zu beiden Seiten der Linie war nicht annähernd so raumgreifend. Güterzusammenlegung, Verstrassung landwirtschaftlicher Flächen oder Veränderungen in den Obstkulturen sind das eine, Siedlungsdruck bei Ausfahrten und auch völlig neue Industrieanlagen wie die Lagerhäuser im Kanton Solothurn das andere. Und doch darf man nicht vergessen, wie ärmlich gerade diese Regionen im Solothurnischen davor waren. Und erst recht nicht, wie verstopft, verstunken und gefährlich die Dörfer waren, bevor sie von der Autobahn umfahren wurden. Die Autobahn ist also viel mehr als eine schön geschwungene Linie durch eine schöne Landschaft. Ihre Schneise geht nicht einfach nur durch das bisschen Kulturland, sie fräst eine Spur durch die ganze Schweizer Geschichte.

Wie kommt so ein Ding ins Theater?
Wir bereiten uns langsam vor, und die Arbeit auf der Bühne geht im Vergleich dazu rasend schnell; beides sind extreme Zustände. Es beginnt mit der Auswahl der Interviewpartner und der Gesprächsvorbereitung. Wenn die Interviews gefilmt und von einer Schar von Helfern verschriftlicht sind – jeder Fehler, jeder Schnaufer, jeder Satzabbruch steht so da –, beginnt das grosse Lesen. Mike und ich haben in mehreren Retraiten in Berlin und in Zürich versucht, aus diesem Material und den Archivstücken Szenen zu bauen. Manche Gesprächspartner werden auf mehrere Schauspieler aufgeteilt, manche nicht. Es sind oft Leute, die viel zu erzählen haben. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, ihnen zwar zuzuhören, dabei aber nicht aus dem Blick zu verlieren, warum man ihnen genau jetzt zuhören soll. Und wir setzen sie laufend in Nachbarschaft zu Leuten, mit denen sie noch nie geredet haben. Wir lügen viel und nennen es eine dokumentarische Methode.

Erstellt: 21.05.2015, 17:39 Uhr

Tobi Müller

Tobi Müller, Jahrgang 1970, ist ein gefragter Kulturjournalist (der zeitweise auch als TA-Redaktor arbeitete), Moderator und Dramaturg. Er zeichnet als Dramaturg, Co-Autor und Musikverantwortlicher von «A 1». Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Artikel zum Thema

Mit Mike Müller auf der Autobahn

Die A 1 von St. Margrethen nach Genf gehört zur Schweiz wie Fondue und Cervelat. Die Gebrüder Müller liessen sich von ihr inspirieren und zeigen am Donnerstag ihre ernste Komödie «A 1 – Ein Stück Schweizer Strasse» am Pfauen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Ein Goldschatz für den Fall der Fälle

Mamablog Mein erstes Handy

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...