Privat kein Kompaniechalb

In der Nacht auf Dienstag ist Walter Roderer 91-jährig in seinem Haus in Illnau verstorben. Ein Nachruf.

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Illnau-Effretikon – Neben seinem Haus in Illnau ist ein Weg nach ihm benannt. Dort sahen die Nachbarn Walter Roderer in den letzten Wochen immer seltener ein paar wenige Schritte machen. Er stützte sich auf seinen Stock, der aus dem Theaterfundus stammte. War er unterwegs, dann im Auto, meist in seinem legendären grünen Bentley. Auch am Montag. Wenige Stunden bevor er für immer gegangen ist, fuhr Rodi im Oldtimer ins «Dorf», zum Posten in die Migros im Effi-Märt. Begleitet von der Haushälterin, die in der Einlegerwohnung seines Hauses lebt und ihn umsorgt hat. Auch in der Nacht auf gestern Dienstag, als sein Herz für immer aufhörte zu schlagen. Drei Herzinfarkte hatte er zuvor überlebt.

Am 3. Juli wäre Walter Roderer 92 Jahre alt geworden. Er kam 1920 in St. Gallen auf die Welt und wuchs in einem Quartier auf, das seiner dunklen Häuschen wegen im Volksmund «Negerdörfli» geheissen wurde. «Inzwischen ist jeder Tag ein Geschenk Gottes», sagte Walter Roderer schon im Jahr 2005 zu seinem 85. Geburtstag – seither sind noch 2500 Tage hinzugekommen. Damals feierte er ein kleines BühnenComeback. Unter dem Titel «Heiteres Wiedersehen» ging er auf Tournee, liess seine Laufbahn Revue passieren, erzählte Anekdoten aus dem Leben.

Bünzliger Sex-Appeal

Der Weg hinauf zur grossen Popularität war beschwerlich. Im Alter von 21 Jahren kam der Maturand, der ursprünglich Pfarrer, dann aber ein «ernsthafter» Schauspieler werden wollte, von St. Gallen nach Zürich. Zehn Jahre musste er hungern, konnte sich kaum über Wasser halten, trug sich gar mit dem Gedanken, bewusst aus dem Leben zu scheiden. Was war geschehen? Statt auf der Bühne zu stehen, lieferte er bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad Bodenwichse aus, sass später als Student der Germanistik im pflotschnassen Pullover im Hörsaal der Uni. Abends wirkte er als Regieassistent am Schauspielhaus, spielte ab und an kleinste Rollen, durfte zwei, drei Sätze sagen für eine Gage von 30 Franken pro Vorstellung.

Als sein Vater während des Zweiten Weltkrieges die Stelle in einer St. Galler Textilfirma verlor, musste Rodi das Studium aufgeben und im Akkord in der Roten Fabrik arbeiten, die dazumal eine Telefonfirma war. Nach elf Jahren erst war die Durststrecke überwunden – dank einer Rolle, die ihm auf den Leib geschrieben war. Rodi gab den schüchternen Ladengehilfen, der unglücklich in die Meisterin verliebt war, in Sacha Guitrys Komödie «Nicht zuhören, meine Damen». Das war 1952 im Theater am Central, dem heutigen Kino Alba.

Mit solchen Figuren errang der Kabarettist und Komödiant später seine ungebrochene Beliebtheit: verschupfte Typen, ein wenig pingelig, ein wenig tollpatschig, gemischt mit bünzligem Sex-Appeal plus leicht stotterndem Sankt Galler Dialekt. Und immer liebenswürdig, immer sympathisch. Das war das raffinierte Modell, das landesweit ganze Generationen zum Lachen brachte. Im Theater, im Kino, am Fernsehen, in Autowerbespots. Keiner wusste die Pointen so perfekt zu setzen wie er, keiner beherrschte die Kunst des Innehaltens so virtuos. Wäre Rodi plötzlich als tragischer Held aufgetreten, wäre ihm das Publikum davongelaufen.

Grosser Kinohit als Nötzli

Der Erfolg gab ihm recht. Der Schwank «Der Mustergatte» gelangte 1288-mal zur Aufführung, ein Theaterrekord. Auf 749 Vorstellungen brachte er es mit «Der verkaufte Grossvater». Mit dem auch in Deutschland viel beachteten Film «Ein Schweizer namens Nötzli» landete er 1988 einen grandiosen Kinohit. Nach «Die Schweizermacher» war dieser Film lange Zeit kommerziell am erfolgreichsten, bis ihm 2003 die RS-Komödie «Achtung, fertig, Charlie!» den Rang ablief. Im Alltag war Rodi beileibe nicht so lustig, wie auf der Bühne: «Privat bin ich für viele Leute eine glatte Enttäuschung, ich bin kein Kompaniechalb».

1993 verabschiedete sich der Volksschauspieler, der 1957 ein eigenes Tourneetheater gegründet hatte, vom Publikum. Und trat politisch in Erscheinung, als entschiedener Gegner des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR). Er wünschte sich, dass die Schweiz möglichst lange unabhängig bleibe. Später sagte er im persönlichen Gespräch: «Wenn ich nun beobachte, mit wie viel Skepsis die Bevölkerung auf Europa als politisches Projekt reagiert, hatte ich vielleicht doch recht.» Walter Roderer war ein Patriot durch und durch. Zum einen faszinierte ihn das urdemokratische Gebäude, zum andern die Landschaft, die Natur. Er hat fast die ganze Welt bereist, fast alles gesehen. Kam er nach Hause, sagte er immer wieder: «In der Schweiz ist es am schönsten.»

Ein letzter Wunsch erfüllte sich nicht. Roderer träumte von einer erneuten Hauptrolle im Kino. Das Drehbuch mit dem Titel «Der grosse Narr» schrieb er selbst. Es ist die Geschichte einer Liebe zwischen einem alten erfolgreichen Schauspieler und einem blutjungen Rockermädchen, das den weisen Mann mit den väterlichen Gefühlen bewundert.

Mit 84 Grossnichte geheiratet

Der Plot erinnert an ein aussergewöhnliches autobiografisches Ereignis, das 2010 die Medien bewegte. Da wurde bekannt, dass der kinderlose Roderer 2005 heimlich zum dritten Mal vor den Traualtar getreten war und seine 60 Jahre jüngere Grossnichte Anina Stancu geheiratet hatte – aus fiskalischen Gründen, wie er unverblümt gestand. Seine ersten beiden Frauen waren an Krebs gestorben. Lenke Roderer 1996, Ruth Jecklin, seine langjährige Bühnenpartnerin, im Februar 2004. Das zweite Eheglück währte lediglich zehn Monate. Seine dritte Gattin, Grossnichte Anina, wurde in letzter Zeit in Illnau kaum gesehen. Laut Onlineportal der «Schweizer Illustrierten» telefonierte sie zuletzt am Montagabend mit dem Gatten. Beim Kondolenzanruf habe sie fassungslos reagiert: «Ich weiss noch von nichts.» Später war sie für die Medien nicht erreichbar.

«Ich bin nicht sehr traurig, ich bin ja auch bald so weit,» sagte Walter Roderer Ende Januar 2011 an der Trauerfeier für Stephanie Glaser im Fraumünster, seiner Weggefährtin aus den Zeiten des Cabaret Fédéral in den frühen Fünfzigern. Er verstarb friedlich in seinem Haus in Illnau, wo er nahezu 40 Jahre gewohnt hatte. Neben der Eingangstür standen stets zwei Koffer bereit. Immer fixfertig gepackt für die nächste Reise. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2012, 08:33 Uhr

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Roderer als Bär-Dresseur: Aus «Der 42. Himmel».

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Roderer als «Buchhalter Nötzli».

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