Ein unausstehliches Genie

Fritz Kortner gehörte zu den Grossschauspielern auf der Bühne und im Kino. Der Wiener war aber auch ein unzimperlicher Theaterregisseur, wie eine Reihe im Filmpodium zeigt. Eine Erinnerung.

Fritz Kortner machte es einem nicht leicht, mit ihm zu arbeiten: Porträt von 1962.<br />Foto: Harry Croner (Ullstein, Getty)

Fritz Kortner machte es einem nicht leicht, mit ihm zu arbeiten: Porträt von 1962.
Foto: Harry Croner (Ullstein, Getty)

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Er war der schlimmste Regisseur, mit dem ich je zu tun hatte. Er war unfair, unerbittlich, unausstehlich. Und: Er war der grösste Regisseur, mit dem ich je zu tun hatte. Er war grossartig, gnadenlos, genial.

Wer je das Glück hatte, mit dem Schauspieler und Theaterregisseur Fritz Kortner arbeiten zu dürfen, wird unausweichlich zum Anekdotenerzähler. Sein langjähriger Assistent Claus Landsittel hat einen ganzen Band davon gesammelt und herausgegeben. Dabei sind die kortnerschen Aussprüche, die heute noch an Künstlerstammtischen und in Konversationszimmern erzählt werden, selten einfach nur komisch. Sie sind, im wörtlichsten Sinn dieses Begriffs, pointiert: so zugespitzt, dass sie einen Vorgang oder eine Überlegung haarscharf auf den Punkt bringen. Man vergisst sie nicht, weil sie so präzis sind.

Nur ein Beispiel: Da gab es einen Schauspieler, der die Angewohnheit hatte, sich während seiner Monologe immer mal wieder in Opernsängerpose, Standbein und Spielbein, an die Rampe zu stellen. Fritz Kortner, dem jede äusserliche Künstlichkeit zuwider war, gewöhnte es ihm ein für alle Mal ab. Als der Darsteller wieder einmal in dieser seiner Lieblingshaltung dastand, sagte er zu ihm: «Schauen Sie Ihren Körper entlang nach unten. Und jetzt folgen Sie mit Ihrem Blick der Linie Ihres Fusses. Sie werden feststellen: Es ist kein Orchester da.» Nicht sehr freundlich, wie alles bei Fritz Kortner, aber sehr wirksam.

Gäste waren unerwünscht

Diese Präzision, die er oft auch ein bisschen eitel pflegte, versuchte Kortner auch in seinen Inszenierungen zu erreichen. Er wollte für jeden Satz, für jede Geste die absolut richtige Form erarbeiten und kam zu diesem Zweck so gründlich vorbereitet zu den Proben, wie ich es noch bei keinem anderen Regisseur erlebt habe. Bei jeder Stelle wusste er nicht nur auswendig, ob der Autor da einen Punkt oder nur einen Strichpunkt hingeschrieben hatte, er hatte sich beim Lesen und Immer-wieder-Lesen des Textes auch genau überlegt, warum Schiller oder Kleist gerade diese und keine andere Zeichensetzung gewählt haben mussten, und liess dieses Wissen und diesen Gedankenreichtum in seine Regieanweisungen einfliessen.

In der Regel sieht der Theater­zuschauer von einer Szene ja immer nur die letzte Fassung, so wie sie an der Premiere gespielt wird, und hat keine Möglichkeit nachzuverfolgen, wie sich die Interpretation der Schauspieler Schritt für Schritt entwickelt. In Hans-Jürgen Syberbergs Dokumentarfilm «Fünfter Akt, siebente Szene» (1965) können wir ausnahmsweise einmal mitverfolgen, wie sich Christiane Hörbiger und Helmut Lohner über Wochen an die entscheidende Szene in «Kabale und Liebe» herantasten. Ein seltenes Privileg, denn wenn Fritz Kortner inszenierte, waren Gäste in der Regel unerwünscht.

In der Tiefe des Textes

Ich erinnere mich, wie August Everding, der Intendant der Münchner Kammerspiele, einmal eine Klasse seiner Theaterstudenten in eine Probe schleuste und wie Kortner diese Studenten nach wenigen Minuten wieder aus dem Zuschauerraum schmiss. Es passte ihm nicht, dass ihm so viele zukünftige Regisseure bei der Arbeit auf die Finger schauen sollten. Vielleicht hatte er sie auch nur zugelassen, um sie wieder rausschmeissen zu können. Zuzutrauen wäre es ihm gewesen.

In Syberbergs Film können wir den damals schon dreiundsiebzigjährigen Kortner bei der Arbeit beobachten, können sehen, mit welcher Akribie er versucht, aus jedem Satz, ja aus jedem Wort den von Schiller beabsichtigten Sinn herauszukitzeln. Es ist eine faszinierende Lektion in der Kunst, von der Oberfläche eines Textes in dessen Tiefe einzudringen, eine Aussage nicht nur selbst zu begreifen, sondern sie auch dem Zuschauer begreifbar zu machen.

Wir können uns aber auch einfach von Kortners ausdrucksvollem Mienenspiel faszinieren lassen, können darüber staunen – oder manchmal auch lächeln –, wie er jede Gefühlsregung von Luise und Ferdinand mitempfindet, wie er mit ihnen leidet und sich mit ihnen freut. Oft, und das war typisch für ihn, sitzt er dann mit weit aufgerissenem Mund da – wenn er nicht gerade auf der nie angezündeten Zigarre herumkaut, die zu einer Art Markenzeichen geworden war. (Der Arzt hatte ihm die heissgeliebte Qualmerei verboten, aber so ganz konnte er sich davon nie trennen.)

Die feine Stimme seiner Frau

Ich habe in dem Film den alten Fritz Kortner, den ich als Regieassistent während seiner Inszenierung von Kleists «Der zerbrochene Krug» begleiten und beobachten durfte, sehr genau porträtiert gefunden. Nur ein Aspekt, der auch untrennbar zu ihm gehörte, fehlt darin: der treffsichere Zynismus, mit dem er Mitarbeitern, die seinen Ansprüchen nicht genügten, das Leben zur Hölle ­machen konnte. Ich nehme an, dass Hans-Jürgen Syberberg sich verpflichten musste, solche Passagen nicht in seinen Film aufzunehmen.

In den letzten Jahren seines Lebens wurde Fritz Kortner von immer mehr körperlichen Beschwerden geplagt. Aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, deswegen das Inszenieren aufzugeben. Ein Leben ohne Theater war für ihn nicht vorstellbar, genauso wenig, wie sich die Geschichte des deutschen Nachkriegstheaters ohne Fritz Kortner vorstellen lässt. Die Auswahl an Pillen, die er zu jeder Probe mitbrachte, war beeindruckend, und es waren bestimmt auch die dauernden Schmerzen, die ihn so verletzend und bösartig werden liessen.

Wenn es mal wieder allzu schlimm wurde, und er nur noch verbal um sich schlug, holten wir manchmal seine Ehefrau, die wunderbare Johanna Hofer, ins Theater. Sie sass dann während der Probe in der hintersten Reihe, und wenn ihr Gatte einen besonders vergifteten Pfeil abgeschossen hatte, hörte man ganz leise ihre feine Stimme. «Fritz, jetzt musst du dich aber entschuldigen», sagte sie – und, oh Wunder, er tat es tatsächlich und wurde für eine halbe Stunde oder sogar für eine ganze geradezu liebenswürdig.

Nein, Fritz Kortner machte es einem nicht leicht, mit ihm zu arbeiten. Die Inszenierung, bei der ich sein Assistent war, scheiterte, und es kam nie zur Premiere. Hinterher schrieb ich ihm einen Brief, um ihm zwei Dinge zu sagen: Erstens, wie unfair, unhöflich und überhaupt unmöglich er doch gewesen sei. Und zweitens, dass ich noch von keinem Menschen in meinem Leben so viel gelernt habe. In seinem Antwortbrief lud er mich ein, auch bei seiner nächsten Bühnenarbeit dabei zu sein.

Es kam nicht mehr dazu. Fritz Kortner ist am 22. Juli 1970 gestorben.

*Charles Lewinsky ist Schriftsteller. Er hat als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Bühnen gearbeitet und war Fritz Kortners Regieassistent für die Inszenierung von «Der zerbrochene Krug» an den Münchner Kammerspielen. Nach zehn Probewochen wurde sie abgebrochen – ein Jahr vor Kortners Tod. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2015, 17:47 Uhr

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