Eine Menschheit dauert neunzig Minuten

Nackt auf der Welt: Der französische Choreograf Olivier Dubois zeigte zur Eröffnung des Theater Spektakels die unkostümierte menschliche Tragödie.

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Der Beat ist schon da. Ein synthetischer Trommelschlag, der das Erscheinen des Menschen regungslos über sich ergehen lässt. Eine erste Tänzerin tritt auf und gibt sich die Blösse ihrer Nacktheit so ungerührt, als habe man sie auf einen Laufsteg geschickt. Vier Schritte je Schlag. Und so streng getaktet geht es durch den ganzen ersten Akt dieser «Tragédie», wenn nach und nach alle neun Tänzerinnen und neun Tänzer des Ballet du Nord aus Roubaix in die Leere der Bühne treten, die hier die Welt bedeutet, in diesem wuchtigen Menschheitsdrama, das Olivier Dubois vor zwei Jahren am Festival d’Avignon erstmals gezeigt hat. Seither ist die «Tragédie» auf Tournee, ausgebucht bis 2016 – und gastiert jetzt also dreimal am Theater Spektakel in Zürich, das am Donnerstag eröffnet hat.

Es ist die Tonspur von François Caffenne, die den 18 Menschentänzern die Struktur vorgibt, oder, das Pathos ist in diesem Stück nie weit: den Sinn. Sie hält den simplen, stoischen Beat während gut einer halben Stunde, durchaus im Sinne einer Zumutung, um sich dann langsam zum knallharten Technobrett aufzubauen. Dies ist, nach Nietzsche, mal wieder die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, und die technoide Strenge des Soundtracks bricht erst spät auf, als die Menschen den dionysischen Ausbruch und die Freiheit versuchen. Es geifern dann, Obacht jetzt: die elektrisierten Sounds einer Rockgitarre. Der Beat fährt zurück, das Ensemble schnaubt, überwirft sich, hat Sex. Ungeordneten und angeordneten.

Die grossen Metaphern

Genau, die Ordnung strebt ins Chaos, und umgekehrt. Und in dieser widerstrebenden, über neunzig Minuten erhitzten Dynamik entwickelt die «Tragédie» einige Kraft. Und schön ist es, den Einzeltänzern bei ihren individuellen Versuchen der Erleichterung zuzusehen, bevor sie wieder mitgerissen werden vom grossen Weltganzen. Hochpräzis ist die Choreografie des 1972 geborenen Olivier Dubois, und radikal in ihrer Ästhetik, die all dem Fleisch nur wenige, gezielte Momente der Enthemmung gönnt. Dass die Tänzerinnen und Tänzer über die ganzen neunzig Minuten nackt sind, ist vielleicht nicht zwingend, aber doch konsequent: Ist diese Kostümierung doch vom gleichen metaphorischen Pathos, das das ganze Stück prägt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.08.2014, 14:01 Uhr

Theater Spektakel

Die «Tragédie» von Olivier Dubois und dem Ballet du Nord wird noch am Freitag und Samstag, 15. und 16. August, um 19.30 Uhr in der Werft gezeigt. Für die Vorstellung vom Samstag sind noch Tickets erhältlich.

Trailer

Erfolgreiche Tournee: Die «Tragédie» wurde vor zwei Jahren am Theaterfestival von Avignon uraufgeführt.

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