Eine Story zum Steinerweichen

Da weiss man wieder einmal, was Theater kann: Die im Pfauen gezeigte «Medea» hat maximalen Beifall verdient.

Die «Wahnsinnsschauspielerin» Nina Hoss als Medea in ihrem Guckkasten im Guckkasten.

Die «Wahnsinnsschauspielerin» Nina Hoss als Medea in ihrem Guckkasten im Guckkasten. Bild: Matthias Horn/Schauspielhaus Zürich

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«Ach.» So viel schreiendes Weh in einem hingespuckten Seufzer! Da steht die alte Amme starr im Dunkel, die Stimme hart, die Story zum Steinerweichen: Aus Liebe zu Jason hat Medea ihre Heimat verlassen, hat ihren Vater, den König von Kolchis, betrogen, hat ihren Bruder und auch den König von Iolkos in den Tod geschickt; jetzt lebt sie mit ihren beiden Söhnen im kümmerlichen Exil in Korinth – Jason aber hat seine Familie verlassen, um eine bessere Partie zu machen, die schöne Glauke, Tochter des Königs von Korinth. Ach!

Alles steckt in diesem ersten Wort des Abends: das Dunkle und das Desolate, das Raue und das Ratlose. Es klingt trostlos wie ein Totenglöcklein und schmeckt bitter wie die Galle. Iris Erdmanns Amme schlägt so den Grundton von Barbara Freys «Medea»-Inszenierung an, die am Freitag im Pfauen angelaufen ist. Sie packt das Monströse und das Melancholische ins Minimale – wie die Regisseurin, die dafür unseren maximalen Beifall verdient. Auf einmal weiss man wieder, was Theater kann – wenn der Text kann, die Regie kann, die Schauspieler können. Und die konnten am Freitag allesamt.

Alles nimmt sie ihm

Dass Euripides Tragödie über die Rache der rasenden Medea ihre knapp zweieinhalbtausend Jahre ohne Falten überstanden hat, ist keine Neuigkeit. Es wird ohne Ende übersetzt und gespielt, das sprachgewaltige Stück über die unglückliche Königstochter, die ihrer Nebenbuhlerin ein tödliches Geschenk schickt, deren Vater damit gleich auch noch umbringt und am Schluss ihre eigenen Söhnchen mordet, um Jason alles, wirklich alles zu nehmen – ihm, der ihr alles genommen hat.

Euripides zeichnet den Menschen im Unmenschlichen und das Unmenschliche im Menschen. Das Magische und das Mythische rutschen ihm beinah unter der Feder weg, seine Frauengestalten sind Zweifelnde und Verzweifelnde – geradezu Figuren der Moderne. Wie Nina Hoss Medea, die hier in einer winzigen, zugemüllten Einzimmerbude hockt; das Couchbett steht in der Küche, zwischen Herd und Tisch kann man sich kaum drehen, und der Blumenkalender an der Wand ist ein Graus.

Diesen Guckkasten im Guckkasten, diesen ganz und gar nicht goldenen Käfig Medeas hat die kluge Bühnenbildnerin Bettina Meyer auf einen Stängel gestellt, als wärs ein alter Fernseher. Und in diesem Fernseher gibts wieder einen eigenen kleinen Bildschirm: das Fenster, in dem man die Wolken vorbeiziehen sieht und die Dunkelheit aufziehen. Das Drinnen ist ein Albtraum, das Draussen ein Videotraum und das Drumherum gar kein Traum, sondern ein Krematorium: kühle, weisse Wände, düster gewandete Leute. Und bald wird dort masslose Leidenschaft zwei Familien verbrennen. Übers Erbarmen siegt der Zorn, der «stets die grössten Leiden bringt den Sterblichen» – was die quasi männliche Medea um der Ehre willen in Kauf nimmt. Lieber sollen die Söhne von ihrer Hand sterben als durch den Mob.

Hoss nimmt sich zurück

Es heisst zwar Eulen nach Korinth tragen, wenn man an dieser Stelle von Nina Hoss zu schwärmen beginnt. Trotzdem bleibt gar nichts anderes übrig. 2006, bei der Premiere dieser Frey-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin, überschlug sich die Kritik mit Lob, träufelte höchstens den Wermutstropfen in die Eloge, dass die Wahnsinnsschauspielerin den Wahn Medeas so wild und so schön, so bewegend und so besessen zugleich gebe, dass sie alle anderen an die Wand spiele. Mal richtet sich die schlanke Frau hoch auf und speit ihrem ungetreuen Jason Verachtung entgegen, während ihre Arme und Hände «Sehnsucht! Sehnsucht!» rufen. Mal krümmt sie sich auf dem Boden, flüchtet sich in die Embryonalhaltung, während ihr ein entsetzter Bote (Matthias Bundschuh) die Nachricht von ihrem Triumph bringt: vom grässlichen Sterben Glaukes und ihres Vaters. Der Körper weiss mehr als der verwirrte Kopf.

So nimmt die Hoss sich, an der Zürcher Premiere zumindest, durchaus zurück. Sie fügt sich ein in diese Komposition aus stummen Zeichen, die die laute Klage konterkarieren. Sie passt in dieses Guckkastentheater, das die Gestalten als reine Spielfiguren definiert und die grossen Gefühle als Rohstoff, rohen Stoff, im toten Raum; im Totenraum. Nina Hoss lässt Platz für Michael Neuenschwander, der als Jason die Hände nicht aus den Hosentaschen nimmt und sich so breit macht auf seinem Stuhl, als habe er höchstpersönlich den Machismo erfunden. Neuenschwanders Jason zückt die billigen Ausreden so rasch wie das teure Portemonnaie («eigentlich hab ich es nur für dich getan und für die Kinder»); und dennoch lässt seine Schwäche etwas spüren, was in jedem strampelt. Zum Menschen gehört das Menscheln.

Als wären sie schon lange dabei

Hoss, Neuenschwander und Bundschuh zählen zur alten Besetzung dieser Inszenierung, die andern freilich gliedern sich ein, als ob sie immer schon dabei gewesen wären – etwa Markus Scheumann als ängstlicher König von Korinth, der Medea verbannen will und dadurch den Untergang antreibt; oder Siggi Schwientek als unbedarfter König von Athen, welcher der Tobenden einen sicheren Hafen verspricht. Immer wieder strecken – optisch ein Clou – andere ihren Kopf durch die Wand der Klause und bitten und mahnen, als seien sie die Schutzengel im Gehirn der Gekränkten: die Kinder, die Amme. Medea schiebt sie weg. Grell blendendes Licht, Dämmer und Dunkel wechseln sich ab in ihr – wie auf der Bühne. Sie hat keinen Durchblick, und auch wir müssen oft die Augen zusammenkneifen. Fühlen. Und feiern: einen tollen Theaterabend!

Erstellt: 07.02.2011, 14:51 Uhr

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