Eine Tragödie in vier Schachteln

Gerade sind vor Lampedusa wieder 300 Flüchtlinge verschollen. Das Théâtre Senza zeigt in «Miraculi» die Opfer wie die Manager der Abschottungspolitik.

Die Performance des Théâtre Senza könnte lebendiger nicht sein. Foto: PD

Die Performance des Théâtre Senza könnte lebendiger nicht sein. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Massengrab Mittelmeer. Kleiderhaufen auf der Bühne. Und eine Ausstellung mit Strandgut, das von Flüchtlingsschicksalen erzählt und im Müll verschwunden wäre, würde es jetzt nicht hier gezeigt: Am viertägigen Lampedusa-Festival in der Roten Fabrik, das am Sonntag mit der Aufführung von «Miraculi» des Théâtre Senza zu Ende ging, bekamen News und Zahlen auf unterschiedliche Weise Gesichter und Geschichten.

Erst letzte Woche sprach das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen von weiteren 300 Vermissten vor Lampedusa. Überlebenschancen? Keine. Und wie reagieren die Staaten, deren Bürger als Leichen an die italienische Insel geschwemmt werden? Regisseurin Valentina Zagaria schreibt darüber ihre Doktorarbeit an der renommierten London School of Economics and Political Science. «Bis zum Drama vom Herbst 2013, als fast 400 Afrikaner vor Lampedusa umkamen, interessierte sich niemand für die Toten – ausser die Einwohner von Lampedusa», konstatiert die 25-Jährige, die einen italienischen und einen Schweizer Pass hat und in Genf als Kind von Ärzten der UNO-Gesundheitsorganisation WHO aufwuchs.

Aber die Sozialanthropologin schaut nicht nur mit wissenschaftlichem Blick auf die Opfer vor der Festung Europa. Sie hat auch Theater an der Pariser École Jacques Lecoq studiert, mit Kommilitonen ein Lampedusa-Projekt entworfen, über Crowdfunding einen Rechercheaufenthalt auf der Insel finanziert. Seit Sommer 2014 ist sie mit dem Stück auf Tournee.

Keine falsche Wahrhaftigkeit

«Unser Ehrgeiz ist es, das Theater aus der Theaterwelt herauszuheben und die Wissenschaft aus der akademischen Sphäre», sagt sie im Gespräch nach der Zürcher Aufführung von «Miraculi». Aber der Idealismus der jungen Frau mit dem Bubikopf und dem spitzbübischen Lächeln hat nichts Missionarisches. Doktheater, das am Dokument klebe und an der Authentizität, interessiere sie nicht. «Wir haben bewusst keine Film- oder Tonaufnahmen gemacht, und wir geben nichts wörtlich wieder. Medien gaukeln oft eine falsche Wahrhaftigkeit vor.»

Ihr Théâtre Senza dagegen setzt auf Komplexität, Vielstimmigkeit und optische Offenheit. Die postkoloniale Diskussion über die Spannung zwischen Darstellung, Zurschaustellung und Unterstellung haben die Theatermacher internalisiert. So tanzt und spielt das fünfköpfige multinationale Ensemble auf der Bühne mithilfe von vier Schachteln und zwei Kleiderhaufen im Wechsel die Gewinner des Lampedusa-Tourismus, die Verlierer der gespaltenen Welt, die in den Lagern und Leichenschauhäusern der Insel landen – und ebenso die Manager der Tragödien auf hoher See, die Soldaten, Grenzwächter und EU-Funktionäre mit den schönen Worten.

Rund um den Umzug mit der Statue der Madonna di Porto Salvo – eine Touristenattraktion – entfaltet sich in der makaber-clownesken Performance der Kosmos der Insel. Ihre Bewohner, die Sonne, Pasta und Halligalli bewirtschaften, wissen nicht, wie sie die Flüchtlingsflut, die Toten und, schlimmer, die Bilder von den Toten ins Marketing der Destination integrieren sollen.

Lampedusa ist zum Symbol für Europas Abschottungspolitik und das Elend Afrikas geworden. Und auf Wunder warten in «Miraculi» alle vergebens: Die gibt es weder für den alten, siechen Salvatore, der zum allerletzten Mal seine Madonna schultert, noch für die junge Schwangere aus Subsahara-Afrika, die auf dem Flüchtlingsboot in Seenot gerät – und auch nicht für die Fischer, die frei sein wollen vom Verkauf von Folklore, im überfischten Meer aber keine Lebensgrundlage finden.

Flüchtlinge auf der Bühne

Die Gemengelage ist tödlich – die Performance jedoch, die in pantomimischen, tänzerischen und chaplinesken Passagen von der lecoqschen Schulung der Akteure zeugt und in Short Cuts auch von ihrer TV-Soap-Generation, könnte lebendiger nicht sein. Wo die EU monatlich Millionen in die Sicherung der Grenzen und die Unsichtbarmachung des Problems investiert, agiert hier eine Minimal-Budget-Produktion, für die kein Eintritt verlangt wird, die Konflikte anschaulich aus.

Auch auf anderen Bühnen hat sich das Theater neu politisch formiert: Regisseur Nicolas Stemann etwa hat für seine Jelinek-Uraufführung des Lampedusa-Stücks «Die Schutzbefohlenen» Flüchtlinge gesucht, die keinen gesicherten Aufenthalt haben – und kam dabei mit dem Gesetz in Konflikt. Eine Reibung, die im Kleinen die grossen Reibungen spiegelt und die juristischen Mühlen, in denen ein Mensch auf der Flucht zermahlen werden kann. Jedenfalls ist man auf den Bühnen vom Alternativschuppen bis zum Hamburger Thalia-Theater so politisch, wie es geht – und das Publikum kommt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2015, 18:34 Uhr

Artikel zum Thema

Machtkampf in der Roten Fabrik

Eine Gruppe von 60 Personen kritisiert den jetzigen Betrieb des alternativen Kulturzentrums. Die Konzerthalle stehe zu oft leer. Das wollen sie ändern. Mehr...

29 Migranten vor Lampedusa erfroren

Ein Flüchtlings-Boot musste während seiner Überfahrt nach Lampedusa von der italienischen Küstenwache gerettet werden. Für 29 Menschen kam jede Hilfe zu spät. Mehr...

«Massaker der Migration»

300 Tote? Ein neuerliches, grosses Flüchtlingsdrama vor Lampedusa drängt Europa zum Umdenken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Sweet Home 15 weihnächtliche Dekorationsideen

Tingler Auf dem Index

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...