Einfach wahnsinnig gut

Eine Ausnahmeschauspielerin bringt einen Roman als Konzert auf die Neumarkt-Bühne. Zum Niederknien.

Sandra Hüller im Theater Neumarkt. Foto: Doris Fanconi

Sandra Hüller im Theater Neumarkt. Foto: Doris Fanconi

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Ganz am Ende, als sie eine Kugel abfeuert, die vertikal über ihrem Kopf aufsteigt, da knallt dieser Abend nochmals so richtig rein. Und dies nicht nur deshalb, weil das Projektil schliesslich wieder aus dem Himmel zurücksinkt und «millimetergenau» im Lauf der Waffe verschwindet, wie es im Text heisst. Sondern ganz einfach deshalb, weil in diesem Moment endgültig klar wird, dass dieser Abend ein Triumph ist. Für das Theater Neumarkt, die beiden Musiker auf der Bühne, den Regisseur und, sicher nicht zuletzt, für die Ausnahmeschauspielerin Sandra Hüller, die sich nach den letzten Zeilen mit einem satten Schrei vom Mikrofon abstösst.

Alle Anspannung fällt in diesem Moment ab – auch beim Zuschauer, dem es zuvor etwas bange war, ob das wirklich reicht, was sich die Schauspielerin für diesen Abend vorgenommen hatte: Wolfgang Herrndorfs «Bilder deiner grossen Liebe», ein fragmentarischer Roman über die Weltsicht eines Teenagers, den alle kennen, die «Tschick» gelesen haben. Dort lässt Herrndorf zwei Jungs so lange mit einem geklauten Lada durch die Pampa gurken, bis sie schliesslich auf einer Müllkippe der 14-jährigen Isa begegnen, in die sich alle verknallen müssen, die ein Teenager sind oder mal waren. Und zwar aus dem schlichten Grund, dass dieser Isa einfach alles egal ist, woran man in der Pubertät und im Leben leiden kann.

Aber eben: Reicht das für einen ganzen Theaterabend? Dieser pubertäre Gestus, mit dem sich eine 14-Jährige den Wahnsinn und die Wirklichkeit dieser Welt vom Leib zu halten versucht? Ja, es reicht. Weil Herrndorf sie in «Bilder deiner grossen Liebe», wie das Spin-off zu «Tschick» heisst, zu einer Heldin macht, bei der Wahn und Wirklichkeit in grossen Sprachgesten untrennbar miteinander verschmelzen. Etwa dann, wenn Isa mit ihren Daumen Wolken ­verschiebt – und so aus der Psychiatrie entkommt, in der Herrndorf sein Roadmovie entwickelt.

Das reicht nicht zuletzt deshalb für einen Triumph, weil Sandra Hüller sich auf der Bühne in einer souveränen Halbdistanz zwischen den pubertären Nichtigkeiten und den wahren Seelennöten dieser Isa bewegt, die von den Träumen des Berühmtseins ebenso erzählt wie von ihren Abgründen. Und so tänzelt Hüller im Raum zwischen blosser Erzählung und der Emotion ihrer Figur, in die sie nur am Ende ganz hineingeht, wenn Isa im Vollbesitz ihrer Verstandeskräfte davon berichtet, wie es ist, langsam verrückt zu werden: Wie wahnsinnig gross die Angst ist, «wenn man merkt, dass man gerade auf den Gehweg kackt und weiss, dass so was nur Leute machen, die verrückt sind».

Und so ist dieser Herrndorf-Abend wieder einer dieser kirren Randgänge, mit denen Sandra Hüller seit Jahren in virtuosen Variationen das Publikum zum Niederknien bringt. Zuletzt an den Münchner Kammerspielen von Johan ­Simons, wo die Überschauspielerin das ganze First-Class-Ensemble an die Wand spielte, manchmal gar demütigte. Etwa dann, als sie in «Gasoline Bill» durch die Komplexität von René Polleschs theorieförmigen Sätze rauschte, über die alle stolpern. Nur nicht die Hüller, die Souveränste unter den ganz Grossen.

Es begann mit Shakespeare

Eigentlich war das ja schon immer so, seit die heute 38-Jährige vor mehr als einem Jahrzehnt am Theater Basel Shakespeares Julia am Abgrund entlang entwickelte – und dafür zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt wurde. Zu dieser Zeit lernte sie auch den Regisseur Tom Schneider und den Musiker Sandro Tajouri kennen, mit denen sie nun den Herrndorf-Abend fürs Theater Neumarkt erarbeitet hat – verstärkt um den Musiker Moritz Bossmann.

Wahrscheinlich hat Hüller diesen drei Männern nicht wenig zu verdanken, wenn sie im Wechsel zwischen dichten Bildern und Narration die gemeinsam geschriebenen Songs ins Mikrofon performt. Dabei taucht sie mit wieder­holtem Klicken auf die Tasten zu ihren Füssen die Bühne in blaues Licht, etwa, wenn sie von einem «Dr. Righteous» und «gelben Blumen» singt. Es ist dieser Wechsel zwischen Konzert und Erzählung, mit dem uns Hüller durch die komplexe Gefühls-, Wirklichkeit- und Wahnsinnswelt von Isa führt. Es ist eine Welt, in der dauernd der sexuelle Übergriff und das Abdriften drohen, in der Herrndorfs Isa aber wie durch ein Wunder ­unversehrt bleibt. Und durch die uns Hüller führt, bis sie mit einem Schrei vom Mikrofon zurückweicht, in einige torkelnde Schritte übergeht und so zum Sound ihrer Band und im abnehmenden Licht der Bühne verschwindet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2016, 21:41 Uhr

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