Einige heitere Drehungen auf dem Barhocker

Christoph Marthaler meditiert in seinem neuen Stück «Isoldes Abendbrot» am Theater Basel über das Dasein. Der Abend wurde aber nicht schwermütig – sondern zu einer witzigen Sinnlosigkeit.

Die Barbesucher mit Anne Sofie von Otter, die das Publikum zum Stöhnen brachte. Foto: Simon Hallström (Theater Basel)

Die Barbesucher mit Anne Sofie von Otter, die das Publikum zum Stöhnen brachte. Foto: Simon Hallström (Theater Basel)

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Am Ende sind da nur noch Hüte, Schuhe, eine Jacke und ein Schal – auf und unter den Barhockern, auf denen gerade noch drei Männer sassen. Man könnte in diesem Moment des Verschwindens ganz tief in seine melancholischen Seelenfalten hineinsinken – angesichts der Vergänglichkeit, die da mit den hinterlassenen Kleidungsstücken rund um einen schweren Bartresen herum zelebriert wird. Nicht zuletzt, weil der Mezzosopran Anne Sofie von Otter mit Gustav Mahler davon singt, wie man der Welt abhandenkommen kann.

Aber Christoph Marthaler hat mit seiner jüngsten Inszenierung etwas viel Besseres und Schöneres gemacht, als uns in die Düsternis eines depressiven Abgrundgefühls zu schubsen. Und dies, obwohl die Grundstimmung stark auf melancholisch macht. Schon mit dem Raum, den der Bühnenbildner Duri Bischoff mutmasslich aus der Wirklichkeit eines englischen Privatclubs in die Kleine Bühne des Basler Theaters hineinkopiert hat: Im matten Schwarzbraun laufen Wände aus schwerem Holz auf einen Bartresen in der Mitte zu, über dem sich eine ebenso dunkle und schwere Kassettendecke erhebt.

Bischoffs Bühnenbar-Raum ist der perfekte Huis clos, dessen existenzielle Schwere aber von seinen Details durchbrochen wird. Etwa von einem in der Wand eingelassenen Harmonium, das per Knopfdruck auf die Hinterbühne verschwindet – und einer elektrischen Feuerstelle Platz macht, die im Wechsel dazu nach vorne dreht. Sein humoristisches Veto gegen alles Depressive legt aber auch ein brabbelndes Humidor ein, das mal mit der Bemerkung geschlossen wird, sprechende Zigarrenräume hätten Tradition – und seien für ihre feuchte Aussprache bekannt –, was einem einen trockenen Lacher abringt, mit man alle Melancholie zum Einknicken bringt.

Viel Talent für Slapstick

Dass die schwermütige Grundstimmung an diesem Abend keine Chance hat und einem heiteren Schweben weicht, hat auch etwas mit dem fünfköpfigen Ensemble zu tun, mit dem Marthaler seinen neuen Abend erfunden hat – und das sich wiederholt seinem Talent für den Slapstick hingibt, etwa dann, wenn es unter dem Hintern des Pianisten Bendix Dethleffsen bedrohlich zu qualmen beginnt oder dann, wenn er einmal über die ganze Bühnenbreite eine endlos lange Riesenschleppe hinter sich herzieht, als würde er mit seinem Frack nicht zum Klavier, sondern zum Altar schreiten, – kurz bevor ihm Raphael Clamer die extravagante Monstrosität vom Fracksaum reisst und zwecks Entsorgung in eine Kartonschachtel stopft. Und wahrscheinlich hätte man es vor Christoph Marthalers jüngster Theater­erfindung nicht für möglich gehalten, dass man durch wippende Bewegungen auf schweren Ledersesseln knarrend den Basslauf eines Liedes vorgeben kann. Marthalers Bühnenspezialisten können das.

Ja, von einem schönen Witz ist das alles, was uns an diesem episodenreichen Abend geboten wird, der seinen Höhepunkt erreicht, wenn Anne Sofie von Otter in einer roten Robe an die Rampe tritt, angesichts deren das männliche Premierenpublikum im vorgerückten Alter – ungelogen – in ein gestöhntes «Aaah!» verfiel, als würden es am liebsten seine Fingerfertigkeiten in jener Kunst beweisen, welche Von Otter besingt: «Déshabillez-moi». Ziehen Sie mich aus. Aber Marthalers Witz kennt nur zu gut die alte Theaterbinsenweisheit, dass sich auf der Bühne immer die Falschen ausziehen – und das sind in diesem Fall Ueli Jäggi und Graham F. Valentine, die sich gegenseitig die Gürtel aus den Schlaufen ihrer Hosen ziehen und voller Anerkennung Länge und Material ihrer Lederriemen vergleichen, während Von Otter in ihrem roten Abendkleid immer noch von der Kunst des Ausziehens singt, die man an ihr verrichten soll.

Krause Geschichte

Aber alles Besingen nützte nichts: Jäggi und Valentine haben sich schon längst in der Anerkennung für die Schönheit ihrer hässlichen Hemden und Hosen verloren, deren Etiketten sie am Kragen und in den Beinen suchen.

Man wird an diesem Marthaler-Abend reichlich beschenkt mit schönen Theatererfindungen. Verloren sind nur jene, die dem Ganzen einen Sinn abringen wollen. Gewiss, man kann zum Programmheft greifen, wo der Dramaturg Malte Ubenauf eine krause Geschichte um das ganze Bühnensetting herumerfunden hat, die das Rätsel von Marthalers Theatersoirée auch nicht lösen kann und will. Verloren werden selbst alle jene sein, die sich im psychoanalytischen Seminar den Hintern wund gesessen haben, auch wenn ihnen schon irgendetwas einfallen wird, etwa aus Freuds Schriften zum Todestrieb oder aus Lacans Einsichten in die menschlichen Begehrensstruktur – angesichts der Hinweise zum Erscheinen und Verschwinden, die Graham F. Valentine in einem seinen Monologe ausstreut.

Ein gemeinsamer Moment

Aber wer in solche Gefilde abdriftet oder sich gar den Titel des Abends erklären will, «Isoldes Abendbrot», verfehlt den eigentlichen Punkt von Marthalers jüngstem Wurf. Es ist ein Abend, in dem man sich mal wieder dem radikalen Situationismus des Theaters hingeben und erleben kann, was ein gemeinsam geteilter Moment von zwei Stunden leistet, wenn fünf Menschenexemplare im vorübereilenden Dasein rund um einen Bartresen ihre Ankerpunkte abseits des Sinnzwangs setzen: mit Liedern, kurzen Monologen und einigen Drehungen auf den Barhockern – bevor sie im Off verschwinden und zum allgemeinen Publikumsjubel wieder an der Rampe zum Applaus erscheinen.

Erstellt: 18.05.2015, 17:51 Uhr

Marthaler im Buch

Wider die Klischees

Zur Genüge bekannt sind die Klischees über Christoph Marthaler. Ein neues Buch von Marthalers Dramaturgen Malte Ubenauf und Stephanie Carp versucht den Bruch mit diesen Beschreibungsroutinen. Um dies zu erreichen, fokussieren die beiden in einem langen Interview auf Marthalers Herkunft aus der freien Szene und jene Inszenierungen, die abseits der Theaterräume entstanden sind. Etwa auf den Jubiläumsabend im Hotel Waldhaus in Sils-Maria von 2008. Oder auf «Ankunft Badischer Bahnhof», eine der frühesten Arbeiten von Marthaler, die 1988 als Erinnerung an die Pogromnacht von 1938 entstanden ist. Um uns neugierig zu machen, gewährt uns das reich bebilderte Buch zudem Einblicke in das Leben des Ausnahmekünstlers. Etwa mit den Fotos, auf denen man ihn bei einer Alpenübertanzung sieht oder mit Auszügen aus den Arbeitsbüchern, in denen er seine Beobachtungen notiert. (atob)

Christoph Marthaler. Haushalts Ritual der Selbstvergessenheit. Theater der Zeit, Berlin 2014. 222 S., ca. 38 Fr.

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