Eliza singt mit polnischem Akzent

Tom Ryser inszeniert «My Fair Lady» am Theater Basel mit einer polnischen Immigrantin statt eines Blumenmädchens. Christoph Marthaler zerrt «Meine faire Dame» ins Sprachlabor.

Version Marthaler: Nikola Weisse als Putzfrau Elisa, Graham Valentine als tyrannischer Higgins (oben).

Version Marthaler: Nikola Weisse als Putzfrau Elisa, Graham Valentine als tyrannischer Higgins (oben). Bild: Judith Schlosser

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Hoch gingen die Wogen der Empörung, nachdem Peter von Matt im TA geschrieben hatte, in der Schweiz habe sich «der Wahn ausgebreitet, der Schweizer Dialekt sei die Muttersprache der Schweizer und das Hochdeutsche die erste Fremdsprache». Leserbriefschreiber reagierten, als wolle der emeritierte Germanistikprofessor Säuglinge von der Mutterbrust reissen. Dabei hatte von Matt nur auf eine Tatsache hingewiesen: Wir sprechen schweizerdeutsch, und wir schreiben hochdeutsch. «Unsere Muttersprache ist Deutsch in zwei Gestalten», fuhr von Matt fort, «Dialekt und Hochdeutsch», und zwar von früher Kindheit an. Die Fähigkeit, blitzschnell zwischen den zwei Gestalten der Muttersprache zu wechseln, habe uns Schweizer lange Zeit ausgezeichnet.

Doch dieses Wechselnkönnen ist einigen Menschen suspekt. Sie empfinden es als Verrat an der eigenen Herkunft. Man solle reden, wie einem der Schnabel gewachsen sei, sagen sie, und seinen Wurzeln treu bleiben, sonst komme man sich selbst abhanden. Genau davon handelt George Bernard Shaws 1912 entstandene Komödie «Pygmalion». Deren einer Protagonist, Henry Higgins, ist Phonetikprofessor, und seine Leidenschaft gilt der Reinheit und dem Adel der englischen Sprache. «Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht?», donnert er: «Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht.» Als der Cockney-Dialekt des Blumenmädchens Eliza Dolittle sein Ohr beleidigt, geht Higgins mit einem Kollegen eine Wette ein: Er könne dieser Sprachverhunzerin ihren Dialekt und ihr vulgäres Gehabe so gründlich abtrainieren, dass sie in der besten Gesellschaft als feine Dame anerkannt werde.

Sprachliche Unterschiede

Aus Shaws Komödie machten der Texter Alain Jay Lerner und der Komponist Frederick Loewe das Musical «My Fair Lady», das 1956 uraufgeführt wurde. Auch es handelt von den sprachlichen Unterschieden zwischen britischer «upper class» und «lower class», doch wie soll man dieses Gefälle im anderssprachlichen Ausland darstellen?

Tom Ryser, dem Regisseur der Inszenierung, die am Donnerstag am Theater Basel Premiere hatte, kann man zu seiner Lösung nur gratulieren: Er machte aus Eliza eine Polin, die sich im Basel von 2010 durchzuschlagen versucht und von der Polin Agata Wilewska gesungen und gespielt wird. Eliza ist auch kein Blumenmädchen, sondern bewegt sich im Dunstkreis des Theaters, wo viele verschiedene Nationen arbeiten. Während im Foyer des Theaters Putzfrauen in rosa Kittelschürzen die Treppenstufen reinigen, über welche Bühnenarbeiter ein Riesenrequisit schleppen, singt Eliza mit deutlich polnischem Akzent Michael Jacksons «Bad».

Das Staubsaugerballett

Danach erst lockt die «My Fair Lady»-Ouvertüre das Publikum zur Grossen Bühne, von der Dirigent David Cowan die Putzfrauen aber keineswegs vertreiben kann. Diese tanzen ein hinreissendes Staubsaugerballett oder klettern marthaleristisch an den grünen Riesenregalen hoch, in denen Higgins (Dirk Glodde) die roten Schachteln mit seinen Tonbandaufzeichnungen lagert. Christoph Marthaler selbst hat den Liederabend «Meine faire Dame» inszeniert, der am Freitag auf der Kleinen Bühne zur Uraufführung kam. «Ein Sprachlabor» lautet der Untertitel, und so ein Siebzigerjahre-Unding hat Anna Viebrock auch hingebaut. Hierin traktiert der grossartige Graham Valentine drei Frauen und zwei Männer mit englischen Zungenbrechern und wirkt dabei noch einiges fieser als der Higgins bei Tom Ryser. Da kann man gut verstehen, dass die so Geschurigelten ihr Heil im Gesang suchen.

Die höchst komischen Bewegungen, die Tora Augestad und Michael von der Heide zu ihrer englischsprachigen Version von «Stille Nacht» vollführen, haben freilich mehr mit Castingshows als mit Weihnachten zu tun. Prompt erklingt denn auch aus dem Off ein «Thank you, next please», und bald darauf liest Nikola Weisse aus den Memoiren von Dieter Bohlens Exfrau Nadja Abd el Farrag.

Singend finden die Figuren zu sich

Wie erwähnt verwendet Ryser in seiner Inszenierung marthalersche Stilelemente – und lässt Higgins auch mal als «Professor Marthaler» ansprechen. Wie verschieden die beiden Regisseure jedoch sind,offenbart sich, wenn gesungen wird: Eben hat in «My Fair Lady» Wilewska noch voll im Rotzgörenmodus gesprochen und agiert, doch sowie sie ihr erstes Lied anstimmt, singt sie einfach nur «schön», hat ihre Interpretation nichts mehr mit der Psychologie der Figur zu tun, wird das Lied zur Gesangsnummer.

Bei Marthaler dagegen finden die Figuren nicht dann zu sich, wenn sie sprechen, sondern singend ihre Sehnsüchte artikulieren. Robert Schumanns Lied «Wer machte dich so krank?» geht uns deswegen so unmittelbar ans Herz, weil Marthaler es nicht in Tenormanier knödeln lässt, sondern Michael von der Heide es scheinbar kunstlos singt. Und wenn der Schotte Graham Valentine mit Kopfstimme Friedrich Hollaenders «Wenn ich mir was wünschen dürfte» anstimmt, glaubt man das Lebensmotto vieler Marthaler-Figuren zu hören in den Zeilen: «Wenn ich gar zu glücklich wär’, hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein.»

Erstellt: 14.11.2010, 20:01 Uhr

Nächste Vorstellungen

«My Fair Lady» So 21. 11., 16 Uhr; Mo 29. 11., 20 Uhr.«Meine faire Dame» Mo 15. 11., Mi 24. 11., je 20.15 Uhr.

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