Es beben die Brüste, es flirren die Finger

Der politisch umstrittene lettische Regisseur Alvis Hermanis hat am Pfauen «Madame de Sade» von Yukio Mishima als seltsames Mischwesen inszeniert.

Sexuelle Masslosigkeit: Premiere von «Madame de Sade» im Schauspielhaus Zürich. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Sexuelle Masslosigkeit: Premiere von «Madame de Sade» im Schauspielhaus Zürich. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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Es gibt Theaterabende, die es einem leicht machen, sie zu vergessen. Und solche, die sich wie Wildschweine ungezügelt durch die Hirnwindungen wühlen, wenn sie längst vorüber sind. Wie die jüngste Soirée des Zürcher Schauspielhauses, die uns den Blick in einen kalkweissen Salon freigibt – mit reicher ­Stuckatur, Doppeltüren und blindem Glas. Darin gibt man Yukio Mishimas «Madame de Sade» aus dem Jahr 1965, das in der späteren Inszenierung und Verfilmung von Ingmar Bergman berühmt wurde.

An seiner Oberfläche zeigt uns Mishimas Stück sechs Frauen, die am Vorabend der Französischen Revolution dem abwesenden Marquis de Sade huldigen, der sich mal wieder im Gefängnis befindet. Sein Name steht bekanntlich für Lustgewinn durch Unterwerfung. Und auf der Bühne porträtiert man ihn als einen Meister des mässigen bis perversen Sex, der mit aphrodisierenden Bonbons, Peitsche und allerlei Erniedrigungen die anwesenden Damen noch in der Erinnerung zur Verzückung bringt. Etwa dann, wenn die Comtesse de Saint-Fond davon schwärmt, dass «jeder» ein Tisch werden könne, wie sie es selbst mal wurde. «Deutlicher gesagt: Man zog mich aus und benutzte meinen nackten Körper als Altar für eine Messe.»

Die Katerstimmung danach

Ein Hochamt will offensichtlich auch die Inszenierung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis sein – für den Ausstattungsapparat des Theaters. So öffnen sich die Türen, die sich im raumgreifenden Bühnensalon vor uns in strenger Zentralperspektive staffeln. Und durch die sich die Damen mit ihren breiten Rokoko-Röcken wie Schiffe schieben. Es beben zudem unaufhörlich die hochgeschnürten Brüste, es wackeln die Perücken, es fächern die Fächer und seufzen die Seufzer, wenn da in unzähligen Variationen der Marquis de Sade beschwärmt wird, der wie eine «Musik» sei, wie es einmal heisst – «mit einem einzigen Thema».

Insgesamt neunzig Minuten lang dauert die Beschwörung dieses einen, wenig wechselvollen Themas von Subordination und sexueller Erregung. Dann gibt es eine verdiente Pause fürs Publikum. Verdient deshalb, weil diese «Madame de Sade» im ersten Teil so wirkt, als hätte man den Unterwerfungsporno «Fifty Shades of Grey» für all jene auf die Bühne geholt, denen das Lesen unter der Bettdecke dann doch etwas zu anstrengend wurde.

Wäre da nicht der zweite Teil, der nach der Französischen Revolution spielt, mit der der Adel aller Privilegien verlustig ging. Offensichtlich verlor er auch jenes der sexuellen Masslosigkeit: Im Salon herrscht Katerstimmung. Einige der anwesenden Damen suchen Rettung im Kloster und bei der Religion, der sie sich zwecks erneuter Selbsterhöhung unterwerfen können. Die anderen ergehen sich in Selbstmitleid, mit dem man sich ja ebenfalls über sein Schicksal erheben kann. Und spätestens da wird deutlich, dass diese Menschlein nie souverän sind, sondern immer Unterworfene. Nicht nur im Sexuellen, sondern ganz allgemein. Der Marquis «war ich selber», sagt die Comtesse de Saint-Fond schon ziemlich früh.

Der Mensch als Wesen, das sich selbst in Ketten legt, um ein wenig an ihnen zu zerren; unsere Gesellschaft als ein sadomasochistischer Komplex, in dem wir durch Subordination zu dem werden, was wir sind: Das wären wohl die Take-away-Einsichten dieses Abends, die man mit nach Hause nehmen könnte, um mal zu schauen, ob sie im Alltag etwas ­taugen – wenn man zu muskulösen Verdrängungsleistungen fähig wäre.

Verdrängen, bitte!

Wegblenden müsste man etwa, dass es ausschliesslich Frauen sind, die sich hier für uns als Beispiele zu unterwerfen haben. Das lässt diesen Abend letztlich doch reaktionär, um nicht zu sagen: frauenfeindlich wirken. Und deshalb ist man voller Mitleid mit den sechs Schauspielerinnen, die diese Inszenierung nun zwölfmal zu spielen haben. Den Ruch des Reaktionären haben auch die Erläuterungen des Regisseurs Hermanis, der im Programmheft aufs grosse Ganze drängt: mit einem Bekenntnis zu den Traditionen, die es zu pflegen und zu bewahren gelte gegen die zersetzende Kraft der bösen Neoavantgarden, im Zuge derer Joseph Beuys jeden zum Künstler erklärte.

Gegen dieses Kunstverständnis, das nur der Selbstverwirklichung diene, setzt Hermanis den Suizid von Mishima, der «als Metapher für den Selbstmord einer Gesellschaft» und als «Zeichen gegen die Selbstaufgabe nationaler Eigenheiten» zu verstehen sei. Womit Hermanis sich mal wieder ungeschönt als Reaktionär gebärdet – nachdem er 2015 bereits vehement gegen Angela Merkels Willkommenskultur Stellung nahm, als er eine Produktion am Thalia-Theater in Hamburg absagte, wo man den Flüchtlingen auf verschiedene Weise unter die Arme greifen wollte.

Während man über Hermanis’ nationalen Protektionismus noch hinweg­sehen kann, weil er für die Produktion keine allzu grosse Rolle spielt, so ist dies beim Kunstanspruch des Regisseurs nicht möglich. Denn der wird an diesem Abend gerade nicht erfüllt. Und dies, obwohl Hermanis insgesamt drei traditionelle Spielstile auf die Bühne bringen will, wie er im Programmheft erklärt: Einen «überhöhten expressiven Stil» der Wende zum 20. Jahrhundert, Versatz­stücke aus dem «Kabukitheater» sowie das «sogenannt realistische Theater».

Was in seiner Orientierung an den Traditionen wiederum auf unser Unterworfensein verweisen könnte, wirkt auf der Bühne nur hochnotpeinlich: Es flirren die gezierten Finger, es orgeln die Töne, es werden Kung-Fu-Geräusche mit Kabukitheater vermengt. Nie entsteht eine Einheit, nur selten eine Konzentration, aber dafür vieles, was die abschätzige Bemerkung «Laientheater» verdient. Daher verschweigt man die Namen der Schauspielerinnen lieber: Sie tun nichts zu dieser Sache, die man nur noch vergessen möchte. Und wohl auch könnte, würde sie nicht immer wieder wie eine Wildsau die Frage aufwühlen, warum dieser Abend so zur Premiere kommen konnte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2017, 17:58 Uhr

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