«Farinet, Geld-Fabrikant»

Ganove oder Freiheitsheld? Der Walliser Geldfälscher Joseph-Samuel Farinet, der die Obrigkeit zehn Jahre lang narrte, wird auf dem Ballenberg als Theaterheld wiedergeboren.

Das ging ins Auge des Gesetzes: Thomas Mathys (l.) als Farinet. (zvg/Michael Meier)

Das ging ins Auge des Gesetzes: Thomas Mathys (l.) als Farinet. (zvg/Michael Meier)

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Das verschwommene Foto zeigt einen elegant gekleideten Mann, sein Blick ist selbstbewusst und zielstrebig. Ist es Joseph-Samuel Farinet, möglicherweise zu jener Zeit, als er unter falschem Namen in Saxon 20-Rappen-Stücke gegen zwei Tausendernoten wechselt? Und damit sein – gefälschtes – Geld in der Nähe des damals einzigen Spielcasinos der Schweiz in Umlauf bringt?

Vielleicht ist er es, vielleicht nicht. Man weiss es nicht genau. Sowieso weiss man eigentlich nur wenig vom Falschmünzer Farinet – und so malt man sich einiges aus, bis am Ende ein prächtiges Bild entstanden ist von einem Mann, der zum einfachen Volk gehört und der Obrigkeit immer wieder ein Schnippchen schlägt; einem Robin Hood in den Walliser Alpen, der von der Bevölkerung gedeckt wird; einem Charismatiker, der Legenden anzieht wie ein Magnet. Farinet ist eine Figur, die den Hunger nach Geschichten stillt. Kein Wunder also, taucht seine Geschichte immer wieder auf: im Roman von Charles Ferdinand Ramuz etwa, «Farinet ou la fausse monnaie» (1932). Oder in Max Hauflers Film «L’or dans la montagne» (1938). Oder nun auch in der Inszenierung des Landschaftstheaters Ballenberg.

Dabei war Farinet, aus der objektiven Sicht des Gesetzes, schlicht ein chronischer Delinquent, der schmuggelte, klaute, betrog und sein eigenes Geld herstellte, insgesamt nahezu eine Viertelmillion in Zwanzigräpplern. Der Publizist Willi Wottreng hat in seinem Buch «Farinet. Die phantastische Lebensgeschichte des Schweizer Geldfälschers, der grösser war tot als lebendig» (Orell Füssli) den Menschen Farinet aus den Legenden herauszuschälen versucht und dessen Geschichte anhand von unzähligen Quellen rekonstruiert. Doch auch der nüchterne Publizist muss eingestehen, dass Farinets Leben stellenweise tatsächlich wie eine Barockoper anmutet: mit Episoden wie jener, als dem Inhaftierten die Flucht aus dem Gefängnis gelingt – dank den Sympathien der schönen Tochter des Gefängniswärters. Oder als Farinet in Frauenkleidern die Polizei narrt.

Wie in einem Ganovenfilm

Geboren wird Joseph-Samuel Farinet 1845 in Saint-Rhémy, zuoberst im italienischen Aostatal, jenseits des Grossen St. Bernhards. Farinets Vater ist Schmied, die Familie nicht reich, aber auch nicht arm. Farinet selber betätigt sich schon früh als Schmuggler, als Pendler über die Grenzen, was ihm später auf seiner Flucht zugute kommen wird. Die Schmuggelei gilt in der Bevölkerung zwar als seriöse Tätigkeit. Schon bald aber wird Farinet auch wegen Diebstahls und Geldfälscherei gesucht. Doch es ist wie in einem Ganovenfilm: Die Polizei kommt notorisch zu spät – wenn sie vorne ins Haus eindringt, schlüpft Farinet durch die Hintertür hinaus. Und das, alles in allem, gut zehn Jahre lang.

In einem richterlichen Signalement heisst es einmal, Farinet sei ein schöner Junge, er könne Klavier spielen und bringe die Leute vom Land zum Tanzen. Farinet ist auch grosszügig mit seinem selbst gemachten Geld, das er manchmal freigebig verschenkt. Er muss aber auch ein charmantes Schlitzohr gewesen sein; immer wieder findet er treue Gefährten, die für ihn ihre letzte Kuh verkaufen. Und die Frauen lieben ihn – etwa Marie Maret-Cretton, die Ehefrau eines Freundes, die, hochschwanger, Farinet sechs Wochen lang auf seiner letzten Flucht begleitet, in abgelegenen Ställen schläft, die Menschen um Nahrungsmittel anbettelt und sich schliesslich der Polizei stellt.

Die Regeln des Kapitalismus

«Mit Geld wird man von der ganzen Welt geschätzt», schreibt Farinet einmal und sagt von sich: «Du kannst sagen, dass ich Farinet bin – Geld-Fabrikant». Dieser Mann, so scheint es, hat die Regeln des Kapitalismus früh begriffen. Wottreng zeichnet aber auch akribisch nach, warum ein Farinet in den 1870er-Jahren im Wallis durchaus symptomatisch war. Es herrscht Unordnung, in jeder Beziehung: Das Rhonetal ist eine wilde Gegend, die einem flüchtigen Ganoven Schutz bietet. Auch politisch ist alles im Fluss: Das Wallis lehnt die revidierte Bundesverfassung 1874 ab, der junge Bundesstaat steht noch auf wackligen Füssen. Und schliesslich ist das Jahrzehnt geprägt von der Krise und dem Zusammenbruch der Walliser Kantonalbank – betroffen ist das von der Bank editierte Papiergeld, nicht das Hartgeld. So kommt es, dass Farinets gefälschte 20-Rappen-Stücke bei den Menschen mehr Vertrauen geniessen als das Geld der Regierung.

Der Schriftsteller C.F. Ramuz lässt Farinet in seinem Roman auf eine Goldader stossen; die Wirklichkeit sieht anders aus: Nächtelang wird in rauchigen Hinterzimmern Metall gestanzt und geprägt. Zeitweise hat Farinet sein Atelier in einer Grotte, ein andermal kooperiert er mit einem Gemeindekassier, der das Falschgeld reinwäscht. Farinets Tätigkeit strahlt mit der Zeit bis nach Bundesbern aus: Auf Druck der Landesregierung wird ein Kopfgeld auf den Flüchtigen ausgesetzt. Und im Frühjahr 1880 zieht sich die Schlinge um Farinet zu: Gendarmen belagern ihn in der Salentze-Schlucht bei Saillon, wo er sich an einem unzugänglichen Ort verschanzt hat. Ein paar Tage später findet man die Leiche Farinets – ob er von einem Schuss getroffen worden ist, unglücklich stürzte oder sich selber das Leben genommen hat, ist bis heute unklar.

Farinet wird dort begraben, wo die Mörder und Verbrecher liegen: in ungeweihter Erde, ausserhalb der Friedhofsmauern in Saillon. Die Sympathien seiner Zeitgenossen wirken jedoch nach: 100 Jahre nach seinem Tod gibt es eine Gedenkfeier, bei welcher der Pfarrer spricht. Und sogar die Kantonspolizei erweist Farinet die Ehre. (Der Bund)

Erstellt: 08.07.2010, 12:07 Uhr

Theater Ballenberg 2010

Seit 1991 wird das Freilichtmuseum Ballenberg im Sommer zur Theaterbühne: «Farinet, der Falschmünzer» ist die 16. Produktion. Der Autor Markus Keller hat auf der Basis von Willi Wottrengs Buch (siehe Haupttext) die Geschichte von Joseph-Samuel Farinet zum Theaterstück gemacht, Regisseur Reto Lang inszeniert es zusammen mit über 40 Laiendarstellern und mit dem Schauspieler Thomas Mathys in der Hauptrolle. (reg)

Vorstellungen bis 21. August, jeweils Mittwoch bis Samstag, 20.15 Uhr. www.landschaftstheater-ballenberg.ch.

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