Fetter Bauch, grosse Pläne: Freischwimmer zum Letzten

Die Nachwuchsplattform für Performance schaut 2014 an der Gessnerallee auf Intimes – und Spekulatives.

Das «Theater der Peinlichkeit»: Mit diesem Stück beginnt das Freischwimmer-Festival an der Gessnerallee.

Das «Theater der Peinlichkeit»: Mit diesem Stück beginnt das Freischwimmer-Festival an der Gessnerallee. Bild: Keystone

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Seht einmal, da steht er, unser Peinlichkeits-Peter! Der hier ein Peinlichkeits-Stephan ist: Der Wahlzürcher Schauspieler Stephan Stock untersucht in seinem «Theater der Peinlichkeit», das am Mittwoch das Freischwimmer-Festival an der Gessnerallee eröffnete, das schlimme Gefühl, im Boden versinken zu wollen vor Scham – die Pein der Peinlichkeit. Denn sie sei ein letztes wahres Fühlen im Falschen, eine letzte Echtheit im durchgestylten Kommunikations­verhalten, postuliert der 1985 geborene deutsche Performer.

Obwohl die Suche nach dem Unding Authentizität ja selbst so was von oberpeinlich sei – besser: gerade darum –, wagt er es. Er heult und lacht, stellt seinen fetten Bauch bloss und seine blamabelsten Geheimnisse, seine kindischsten Grössenfantasien und Nichtigkeitsabgründe. Ohne Publikum gibt es keine Peinlichkeit, also macht sich Stock vor uns zum Alien und zum Affen – und wird dabei zum Facebook-kompatiblen, freilich bei aller zerebral aufgebrezelter Albernheit ein klein wenig ermüdenden, tanzenden Theaterphilosophen.

Diese selbstironische Cocooning-Performance passt perfekt als Auftakt der letzten Ausgabe des Newcomer-Festivals Freischwimmer, die unter dem Motto «Intim» steht. Schliesslich schaut man an der Gessnerallee in jedem Sinn nochmal aufs Eingemachte, ehe die Verantwortlichen dann am Samstag mit den koproduzierenden Häusern – Sophiensaele Berlin, Brut Wien, Mousonturm Frankfurt und FFT Düsseldorf – die Neuausrichtung des Förder-Formats diskutieren. Es sei inzwischen kein reines Newcomerfestival mehr, beschreibt die Gessner­allee-Dramaturgin Kathrin Veser die Nachwuchsplattform, die Niels Ewerbeck 2004 als Leiter dieses Theaters mitgründete. «Die Künstler, die bei Freischwimmer auftreten, sind an den Off-Spaces keine Unbekannten mehr, und sie bekommen zu wenig dafür, dass sie sich so lange binden; vor allem an manchen Partnerhäusern können nur sehr wenig zusätzliche Gelder für grosse Projekte lockergemacht werden.»

Eine Zukunft im Grossraum ZH

Die Stadt zahlte diesmal 18'000 Franken ans hiesige Künstlerprojekt (eben Stocks «Theater der Peinlichkeit»), Pro Helvetia und Migros-Kulturprozent trugen zusammen für das Festival 35'000 Franken bei, und die Gessnerallee brachte als Eigenanteil aus ihrem künstlerischen Jahresbudget 60'000 Franken ein. Im Visier sei nun, sagt Veser, die Entwicklung eines neuen, nachhaltigeren Nachwuchsformats, mit dem dann der gesamte städtische Raum und vielleicht sogar die Landschaft bespielt werden könne.

Noch aber vibriert es an der Gessner- allee: Im Hof steht ein Wohnwagen, in dem man sich professionell betanzen lassen kann – die Düsseldorfer Tümay Kilinçel und Jungyun Bae bieten bis ­Freitag einen Mix aus Peepshow und ­Jukebox; und in Halle und Südbühne wird «Intim» bis in die intimsten Winkel ­performativ ausgestellt. Wie sich etwa «Jacques Lecoq»-Absolventin und Musikerin Stefanie Sourial (Wien) in «Freak» durch eine Biografie der Zu­richtung turnt, die in einen Gewaltausbruch mündet; wie sie den an einer Eliteschule herangezüchteten Ekel vor dem Menschen in ein pantomimisches grosses Kino übersetzt, ist grosses Theater. Wenn auch im Kleinen. Die Künstlerin, die auch für den Text mit den Sog­qualitäten zeichnet, hat ihren Freischwimmer längst gemacht!

Freischwimmer-Festival bis 15. 12. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2014, 18:02 Uhr

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