Frau Macht Theater

Die Theater- und Tanzlandschaft Zürichs ist im Umbruch. Das alte weisse Künstlergenie hat ausgedient. Gut so.

Fort mit dem Theaterpatriarchat! Die drei neuen Gesichter der Gessnerallee-Leitung ab 2020: Rabea Grand (links) Michelle Akanji (Mitte) und Juliane Hahn.

Fort mit dem Theaterpatriarchat! Die drei neuen Gesichter der Gessnerallee-Leitung ab 2020: Rabea Grand (links) Michelle Akanji (Mitte) und Juliane Hahn. Bild: Zvg

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In der Theaterlandschaft der Stadt Zürich fällt die Altersguillotine; die Gender-Keule; die Solitär-Axt. Der letzte Streich ist die Wahl der neuen, dreiköpfigen Leitung am Theaterhaus Gessnerallee, die 2020 ihr Amt antritt: Das alte, weisse, männliche Künstlergenie, das sich mit Alleinstellungsmerkmalen dekoriert, hat definitiv ausgedient.

Und diese Situation ist vorderhand so spannend, dass man – frau – sich sofort fragt, ob das nicht per se diskriminierend ist, das derart spannend zu finden. Guck mal, die dürfen jetzt auch mal, die «anderen». Ob die das können?

Die anderen, das sind an der Gessnerallee: Michelle Akanji, 1989 in Winterthur geboren – der Vater stammt aus Nigeria, ihr Bruder Manuel ist Nati-Mitglied; Rabea Grand, 1984 in Leuk geboren, und Juliane Hahn, Jahrgang 1987 aus Thüringen. Sie werden die Geschicke des Co-Produktions-Hauses leiten und schreiben den «offenen Dialog mit der Gesellschaft der Stadt» sowie «Diversität, Teilhabe und Nachhaltigkeit» ganz gross.

Es ist fast wie im amerikanischen Kongress, wo sich jüngst während der Rede von Präsident Trump die vielen neu gewählten Frauen der demokratischen Partei unfahrplanmässig von ihren Sitzen erhoben, um Sichtbarkeit und Diversität zu demonstrieren: ein Meer weiss gekleideter weiblicher Abgeordneter. Auf der anderen Seite dagegen die vorwiegend männlichen Republikaner in ihren dunklen Anzügen: ein total anderes weisses Meer.

Einsame Spitze ist out

Am Schauspielhaus hatte man sich 2017 dezidiert für eine Doppelspitze entschieden, welche gern die Begriffe «kooperativ» und «diskursive Offenheit» im Mund führt und ihre Künstler eher unter den U-40ern statt unter den Ü-40ern suchen will – auch wenn Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, die ab kommendem Sommer in Zürich loslegen, selbst ins Muster weisser Mann über vierzig passen.

Das Bühnchen an der Josefstrasse, das Sogar-Theater, hat mit Ursina Greuel und Tamaris Mayer bereits eine weibliche Doppel-Leitung, die das Haus zudem für Flüchtlinge und Quartierbewohner als Akteure geöffnet hat.

Am Theater Neumarkt wiederum treten diesen Sommer gleich drei Frauen an, die alle in den 1980er-Jahren in Deutschland geboren wurden: Hayat Erdogan, Tine Milz und Julia Reichert. Auch sie sprechen natürlich von «Partizipation», von Zusammenarbeit und Vernetzung. Allüberall weht der Geist der Millennials.

Wie das wird, weiss man nicht, aber jedenfalls hat die Stadt tatsächlich Nägel mit Köpfen gemacht in den Theaterhäusern, die zu einem grossen Teil von ihr unterstützt werden und bei deren Besetzung der Chefposten sie mitreden kann. Es waren keine leeren Worte, als Kulturdirektor Peter Haerle vor einem Dreivierteljahr ein «zukunftsfähiges Theater» beschwor und spezifizierte, dass in den neuen Leistungsvereinbarungen «transparentere» – man kann auch sagen: striktere – Vorgaben festgehalten werden sollen. «Mehr Diversität» und «Partizipation» und Bereitschaft zu «Kooperation» stehe dabei tendenziell oben auf dem Wunschzettel. Voilà.

Achtung Fallstricke

Zugegeben: Die Namen der neu ernannten Theaterleiterinnen sind auch dem Routinier nicht unbedingt geläufig; manch einer rollte wohl skeptisch die Augen ob der scheinbar primär politisch korrekten Besetzungspolitik.

Da ist es kein kleines Gewicht, das auf den designierten Co-Direktorinnen vom Theater Neumarkt und dem Theaterhaus Gessnerallee lastet: Einerseits erhofft man von ihnen Erlösung von einem Theaterpatriarchat mit festgefahrenen Strukturen, ja eigentlich ein Wunder. Spiegelung der Realitäten 2019. Regt sich ein ästhetischer Aufbruch unter dem kulturpolitischen Feigenblatt? Noch nicht? Der falsche? Der Fallstricke sind viele.

Andererseits müssen die Frauen schauen, dass ihnen das alte Publikum nicht davonläuft. Innovationen und Versuche wurden von den Zürcher Zuschauern bekanntlich keineswegs stets freudig willkommen geheissen. Und schlechte Zahlen haut man hier auch Neuankömmlingen um die Ohren, dass es kracht.

Kurz, die Stadt und ihre jungen Theaterleiterinnen brauchen Courage, sich in der verunsicherten Zürcher Theater- und Tanzlandschaft – für die just ein selektiveres Modell ausgearbeitet wurde – mit neuen Positionen zu präsentieren. Chapeau, pardon, Pussyhat!

Erstellt: 07.02.2019, 17:24 Uhr

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