Geheimnis als Geräusch und Gedanke

Kein Theater, aber ein Erlebnis ist es schon: Barbara Freys Edgar-Allan-Poe-Abend in der Schiffbau-Box.

Bedrohlich kriecht die Pfütze immer näher, während die beiden düsteren Herren von Dunkelheiten erzählen: Ein schaurig schönes Bühnenbild am Edgar-Allan-Poe-Abend im Schiffbau.

Bedrohlich kriecht die Pfütze immer näher, während die beiden düsteren Herren von Dunkelheiten erzählen: Ein schaurig schönes Bühnenbild am Edgar-Allan-Poe-Abend im Schiffbau. Bild: Matthias Horn

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Stille. Dunkelheit. Dann, hell und leise, ein Glöckchenklingeln: ein zarter Ton, der sich durch die schweigende Schwärze bricht wie das sachte Klopfen des Nagekäferchens namens Totenuhr durch die finstere Nacht; durch jene letzte finstere Nacht im Zimmer des alten Mannes in der grausigen Geschichte «The Tell-Tale Heart». Das Glöckchen zirpt, feine, lange Glockenschläge fallen ein, und ein Lichtstrahl erhellt die karge Szenerie: einen Schreibtisch, auf dem Glockenspiel, Bürste und anderes Schlagwerk bereitliegen für den Mann dahinter – den Musiker Fritz Hauser, der aussieht wie ein Bestatter aus früherer Zeit, mit schwarzem Anzug, schwarzem Zylinderhut.

«A Dream Within a Dream», der Edgar-Allan-Poe-Abend von Barbara Frey, beginnt so behutsam, als trüge die Regisseurin ein Tablett mit Meissner Porzellan durch die Box im Schiffbau. Aber das Zerbrechlichste in Poes Geschichten sind die Nerven ihrer angeschlagenen Figuren. Sie zucken zusammen, wenns raschelt, sie hören – wie der Mörder in «Das verräterische Herz» sagt – «alle Dinge im Himmel und auf der Erde». Und «viele Dinge in der Hölle». Sie sehen Geister, wo andere blind sind, und in ihnen toben Dämonen, die andere im Zaum halten – die der Wut, der Angst, der Rache. Das ist grosses Drama im allerkleinsten Kino – im Kopf.

Wahrnehmungsexperiment

Gefangen in der Hirnschale (des Erzählers) krächzt Poes berühmter Rabe sein «Nevermore, nevermore» in «The Raven»; pocht unerbittlich das Herz des ermordeten Alten in «The Tell-Tale Heart»; kratzt sich die lebendig begrabene Schwester lautstark ihren Weg ins Freie in «The Fall of the House of Usher». Was ist Wirklichkeit? Und was ist Wahrnehmung? Ist das wahr, was wir für wahr nehmen? Edgar Allan Poe (1809–1849) wurde selbst von den Erynnien gejagt, quälte sich, trank zu viel, erlebte noch viel mehr und schrieb ebenjene irren Geschichten, die schillern und schwanken zwischen Psychologie und Parapsychologie, zwischen Pseudowissenschaft und Aberglauben.

Die Intendantin des hiesigen Schauspielhauses hat sich nun drei davon herausgesucht als Katalysatoren für ein rund einstündiges Wahrnehmungsexperiment: «Feeneiland» (eine kummervolle Fee verschwindet in einem dunklen Schlund), «Das verräterische Herz» und «Die Flaschenpost» (ein Geisterschiff verschwindet in einem dunklen Schlund). Anders als das kultige Poe-Konzept-Album «Tales of Mystery and Imagination» von Alan Parsons Project baut die Soiree im Schiffbau weniger auf die genialische Gestaltung von Wahnsinn, sondern mehr auf die minimalen Verschiebungen der Wahrnehmung. Barbara Frey will nicht inszenieren, nicht «in Szene setzen», sondern imitieren mit anderen Mitteln – und so mit dem Publikum interagieren. Wir sollen sie selbst erfahren, diese Verschiebungen um einen Millimeter, die die Welt auf den Kopf stellen. Und da ist es – bisweilen –, das Verrutschen der Klangwelt im Ohr (somnambule Soundscape: Hauser), das Verzerren der Bildwelt im Auge; die Lichtregie von Rainer Küng lässt vieles im Dunkeln und Vagen, blendet uns blitzartig, um die Bühne dann wieder in Giftgrün oder Eisblau zu tauchen.

Schauriges Bühnenbild

Die Texte, sinnfällig gekürzt aufs Geheimnisvolle und Grundsätzliche, werden nicht in diese teils langfädige theatrale Onomatopoesie verstrickt. Sie stehen à part und bilden doch den Kern. Robert Hunger-Bühler, ganz in dezentem Grau, trägt sie ungewohnt – und wohltuend – trocken vor, sozusagen als Gebrauchsanweisung für den Umgang mit dem Unerklärlichen. Gut so. Es sind eher die öden Possen mit Partyhütchen und Zylinder und die manchmal allzu frei herumgaloppierenden Geräuschkompositionen, die aus diesem «Traum in einem Traum» herausfallen.

Am schönsten und schaurigsten aber, sinnlich und samtpfotig wie ein Duft, ist das Bühnenbild von Penelope Wehrli. Unmerklich kriecht eine Flüssigkeit Szene um Szene näher, schliesst den Schreibtisch und die düsteren Herren ein; zitiert «Feeneiland» und «Die Grube und das Pendel» zugleich. Stille.

Erstellt: 19.12.2010, 22:33 Uhr

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