«Glauben Sie, dass die 40 Millionen polnischen Bürger Neonazis sind?»

Der lettische Theater-Regisseur Alvis Hermanis will nicht in Hamburg inszenieren - aus Protest gegen die deutsche Willkommenskultur.

«Das tägliche Leben hier fühlt sich an wie in Israel»: Alvis Hermanis.

«Das tägliche Leben hier fühlt sich an wie in Israel»: Alvis Hermanis.

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Einige deutsche Theater engagieren sich stark für die Flüchtlinge. Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg etwa schuf Platz für die Beherbergung von 60 Flüchtlingen. Und das Thalia-Theater stellte den Spielplan um und eröffnete ein Flüchtlingscafé; jüngst kamen junge Flüchtlinge in «Ankommen» zu Wort. Zum Saisonstart rief das Thalia zum Spenden auf. «Theater ist ein sozialer Raum. Künstlerische Arbeit entsteht aus dem Sozialen. Deshalb gehen bei uns die verschiedenen Aktivitäten Hand in Hand», sagte Intendant Joachim Lux neulich. «Durch die grossen gemeinsamen ­Themen existiert plötzlich wieder eine bürgerliche Öffentlichkeit. Das Theater ist ein Teil davon.»

Alvis Hermanis, Regisseur aus Lettland, hat sein Theaterprojekt «Russland. Endspiele» am Thalia-Theater zurück­gezogen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet schickte er seine Begründung. Sie zeigt, wie sehr auch unter Kulturschaffenden die Einschätzung der Lage und die Haltung zu den Aufgaben des Theaters divergieren. Seine Erklärung bringen wir hier im Wortlaut:

«Ich bat, meine Produktion in Hamburg wegen sehr privater Gründe abzusagen. Ich arbeite zurzeit in Paris und lebe genau in dem Stadtteil, wo eines der Massaker geschah. Das tägliche Leben hier fühlt sich an wie in Israel. Permanente Paranoia. Sogar noch schlimmer, weil Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Paris die ersten sind, die diese Stadt verlassen. Überall sind wir von Bedrohung und Angst umgeben. Wir hier sind alle traumatisiert von dem, was vor drei Wochen geschah. Ich bin Vater von sieben Kindern und bin nicht bereit, wieder in einer potenziell gefährlichen Stadt zu ar­bei­ten. Wie wir ja im Übrigen wissen, kamen Menschen, die an 9/11 beteiligt waren, aus Hamburg. Wir wissen, dass sogar die deutsche Regierung die Flüchtlingspolitik nach der Pariser Tragödie änderte. Also war der Preis, der dafür gezahlt wurde, endlich die Verbindung zwischen Einwanderungspolitik und Terrorismus ­zuzugeben, der Tod von 132 jungen Menschen in Paris. Gilt in Deutschland immer noch das Tabu, Einwanderungspolitik und Terrorismus gedanklich miteinander zu verbinden? Nachdem ich mit Leuten vom – Thalia-Theater gesprochen habe, verstand ich, dass sie nicht offen sind für abweichende Meinungen. Sie identifizieren sich mit einem Willkommenszentrum für Flüchtlinge. Ja, ich will daran nicht teilhaben. Kann ich es mir erlauben, meine eigene Wahl zu treffen, meine eigenen Meinungen zu haben? Was ist mit der Demokratie? Ich glaube nicht, dass meine politischen Ansichten radikaler sind als jene der Mehrheit der Europäer. Wir unterstützen diesen Enthusiasmus, die EU-Grenzen für unkontrollierte Einwanderung zu öffnen, nicht. Besonders in Osteuropa verstehen wir diese Euphorie nicht. Glauben Sie wirklich, dass beispielsweise die 40 Millionen polnischen Bürger Neonazis und Rassisten sind?» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.12.2015, 16:09 Uhr

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