Hätten Sie den reingelassen?

Am Theater Neumarkt serviert uns die Basler Regisseurin Simone Blattner ein Mittelschichtsdrama rund um ein Diner – schön scharf.

Bettinas kleine Welt geht unter, und ihr Lächeln dazu: Anna Grisebach in «Ein Teil der Gans im Haus der Lüge». Foto: Caspar U. Weber

Bettinas kleine Welt geht unter, und ihr Lächeln dazu: Anna Grisebach in «Ein Teil der Gans im Haus der Lüge». Foto: Caspar U. Weber

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Brecht als Boulevard, Politrhetorik als Pièce bien faite: Ob Martin Heckmanns das gut hingekriegt hat mit seinem Kammerspiel «Ein Teil der Gans», darüber war die Kritik nach der Uraufführung 2007 in Berlin schwer gespalten.

Jetzt, nach der Inszenierung von Simone Blattner am Theater Neumarkt, sind alle Zweifel zerstreut: Heckmanns kanns. Seine Neubearbeitung fürs Neumarkt, «Ein Teil der Gans im Haus der Lüge», ist ein feister Braten voller spritziger Spitzen; und das Spitzigste, Stechendste daran ist, dass wir saturierten Zuschauer mit drin sitzen in diesem Haus, an diesem Tisch. Alles wissen über die globalen Ungerechtigkeiten, nichts tun, aber furchtbare Angst schieben ums eigene Auskommen: Diese ­Lebenslage von Heckmanns’ Antiheldenpaar Bettina und Victor ist dem typischen Theatergänger nur allzu vertraut.

Die Rüstung des guten Tons

Bettina, in Bleistiftrock und weisser Bluse, ist vor kurzem wegrationalisiert worden und erwartet an diesem St.-Martins-Abend total panisch den Besuch ­eines potenziellen Arbeitgebers – Anna Grisebach gibt sie in einer wunderbaren Mischung aus Akkuratesse und Fahrigkeit, knipst ihr im Takt der Verzweiflung ein süsses Lächeln ins Gesicht, als wärs ein Taschenlampenstrahl in der Düsternis des Daseins, und wedelt mit den Händchen, als ob sie damit die Angst verscheuchen könnte wie eine lästige Fliege. Das klappt natürlich nicht; und dass Freund Victor, der nerdige Alarmanlageningenieur, so gar nicht mitspielt, den Wein vergessen hat und auch den angekündigten Besuch, macht Bettina wahnsinnig.

Wie Simon Brusis in seiner Jogginghose durchs spärlich möblierte Wohnzimmer schlendert, sich, unter der geerbten Lampe aus den Sechzigern, aufs kleine, alte Klappsofa fläzt (Bühne: Nadia Fistarol), könnte auch ruhigere Gemüter zur Weissglut treiben. Und schon klingelts. Bettina kreischt «so früh!» und flattert zur optischen Reparatur vor die verspiegelte Wand. Victor schlurft derweil zur Tür, wo einer mit Vollbart, Lederjacke und Springerstiefeln steht, der angeblich eine Autopanne hat und telefonieren will. Hätten Sie den hereingelassen? Abends und dazu noch kurz vor einem wichtigen Diner? Einen ohne Handy, und das Auto ist nicht zu sehen?

Eben. Victor jedoch lässt ihn rein, führt ihn zum Telefon, und ein Streit zwischen dem Paar ist programmiert. Es kommt zu komplizierten Verhandlungen, hochkomischen Sprechakten und Körperverkrümmungen, und am Ende hockt der unheimliche, aber nicht unfreundliche Typ (undurchsichtig: Maximilian Kraus) auf einem Gartenstuhl in Sturm und Kälte, wartet auf Abholung – und es klingelt. Schon wieder. Die Gäste, Herr und Frau Hotelier, sind da; es ist angerichtet zur Zimmerschlacht.

Gastlichkeit geht gar nicht

Ehe man sichs versieht, kommt alles auf den Esstisch, was nie hatte angesprochen werden sollen: etwa dass Bettina weder kochen noch malen kann und Victor von nicht viel mehr träumt als von hemmungslosem Sex mit anderen Frauen, in diesem Fall mit Tara, der Hoteliersgattin, die in Minikleidchen und Maximalschminke ihre Reize ausspielt (eiskalt: Janet Rothe).

Und in all dem raffiniert dahingeplänkelten Hauen-und-Stechen wird es böse Gewissheit, dass angesichts der Kleinmütigkeit des Individuums die Gross­zügigkeit der Gesellschaft ein Phantom bleiben muss. Die bedrohte Mittelschicht kämpft in Heckmanns’ sportiv-spöttischem Stück mit Zähnen, Klauen und Abendein­ladungen um Besitzstandswahrung. Die Festung Europa, die dichtegestresste Schweiz ist eben dieses ungastliche Wohnzimmer; draussen vor der Tür lauert das Dunkle und Dunkelhäutige; und da klingeln auch noch regelmässig zweifelhafte St.-Martins-Sänger an der Tür wie Springteufel aus der Box und fordern die Hälfte des Mantels.

Der Klabautermann

Das ist klassische und erstklassige Klipp-Klapp-Komödie, die freilich immer schneller und irrer rattert. Sie erinnert an das wild gewordene Fliessband von Chaplins «Modern Times»; der Motor dahinter läuft heiss wie das gesamte zum Untergang verdammte Abendland mit seinen humanistischen Werten. ­Martin Heckmanns flachst und sprachklabautert sich sozusagen von Yasmina Reza über Ionesco bis zu Hölderlin. Dass das so locker vom Hocker daherkommt, auf dem hier, zwischen versalzenem Soufflé und verbrannter Gans, keiner sitzen mag, ist das Verdienst der Basler Regisseurin, die jetzt zum Saisonauftakt munter einen theatralen Tusch spielte. Dreimal bereits hat sie Heckmanns-Stücken zu Auszeichnungen verholfen; Simone Blattner hat ein Händchen fürs Leichtfüssige und Schwerhirnige.

Am Neumarkt kommt ihr dabei Martin Butzkes Brillanz zu Hilfe. Sein Hotelier mit dem fremdländischen Namen Amin – der Name gehört zu seiner Versuchsanlage, wie sich herausstellt – zeigt sich erst als wendiger Witzereisser, später als ebenso wendiger Wundenaufreisser, als Machtmensch und Menschenrechtsprediger, der Hölderlin zitiert und schliesslich in den Wahnsinn hineinstürzt, als sei das der Ort gewesen, wo er die ganze Zeit hinwollte. Er wird buchstäblich abserviert, und das junge Paar, endlich vereint im Amüsement, leiert auf brav-elevenhafte Art einen brechtianisch-pädagogischen Nachklapp herunter, als sei es Jürgen Fliege kurz vorm Koma. Wir dagegen sind hellwach. Das Theater Neumarkt ist mit dem «Teil der Gans im Haus der Lüge» zur Hochform aufgelaufen, ganz ohne zwischendurch einzufallen wie Bettinas Soufflé.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2014, 20:55 Uhr

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