Halb Mensch, halb Mungg

«That’s it, glaubs mir»: Helmi Sigg hat die Rolle seines Lebens gefunden. Ein bisschen schizophren sei die Sache aber schon, gibt er zu.

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In intensiven Wochen ist Helmi Siggs Existenz zweigeteilt: halb Mensch, halb Murmeltier. Sigg mutiert jeweils am späten Nachmittag, und das mittwochs, donnerstags, freitags, samstags, sonntags. «Der Übergang ist fliessend», sagt Sigg. Manchmal merke er gar nicht, dass er sich schon verwandelt habe. Er sitzt in der Maag-Halle in der Umkleide­kabine, trägt noch seine Lederjacke. Es ist später Nachmittag. In einer Ecke hängt der Murmeltier-Kunstpelz, den er sich bald überwirft: Sigg spielt in «Ewigi Liebi» die rabiate Murmeltierdame Martha.

Vor zehn Jahren wurde das Musical erstmals gezeigt, da war Sigg bereits dabei. Nach einer Pause wird es, längst eine Riesenkiste und das erfolgreichste Schweizer Musical überhaupt, diesen Frühling in der Maag-Halle wieder aufgeführt. Sigg gehört immer noch zum Ensemble, 843-mal hat er die Martha nun gespielt.

«Okay, wollen wir mal», ruft Sigg, stemmt sich aus dem Sofa, läuft raus in den Gang – eine letzte Besichtigung vor der Show. «Auf den Kopf aufpassen!», ruft er und verschwindet in seinem Bau. Unter der Bühne befindet sich tatsächlich ein kleines Tunnelsystem, durch das sich der Murmeltierdarsteller während der Vorführung windet. Helmi Sigg füllt den Tunneldurchmesser fast vollständig aus, er krabbelt an wichtig blinkenden Stromschaltern vorbei und an Kabeln, die von der Decke hängen. Der Zürcher ist 65 Jahre alt und beleibt, die Murmeltierfigur ist für Sigg auch ein Fitnessprogramm. Seit letzten Herbst hat er zwölf Kilogramm abgespeckt, um die Rolle spielen zu können. In einer früheren Saison hatte Sigg unter Schmerzen gelitten, worauf er sich mit Murmeltierfett eingerieben hatte. Das helfe.

«That's it, glaubs mir»

«Der Platz ist knapp... mit dem Pelz wird es dann noch knapper», ruft Sigg, kriechend und schnaufend. Aber er mache mittlerweile instinktiv die richtigen Bewegungen im Tunnel; «ich habe Martha verinnerlicht, ein bisschen schizophren ist die Sache schon». Während der Show stösst Sigg mehrmals aus dem Murmeliloch hervor, um triumphal Gegenstände in die Höhe zu halten: ein Weggli, ein Schoggistängeli, eine Feldflasche. Er hat sie sorgfältig im Bau platziert. Einmal wird ihm im Stück ein riesiger Joint gereicht. «Jeder Handgriff muss sitzen.» Dann klappt er eine Luke auf, steigt eine schmale Metallleiter hoch. Er blickt in den leeren Zuschauerraum, der sich auch diesen Abend wieder prächtig füllen wird. «That’s it, glaubs mir. Mein grösster Erfolg, nicht zu toppen», sagt Sigg, fast andächtig.

«Ewigi Liebi» ist das erfolgreichste Schweizer Bühnenwerk der Gegenwart, es verblüfft sogar seine Macher. «Musicals richten sich normalerweise an ein vorwiegend weibliches Publikum zwischen 35 und 60, das hauptsächlich aus der Agglomeration stammt», sagt ein Marketingmann der Produktion. «Hier ist das anders, es kommen einfach alle.» Tatsächlich sitzen im Publikum auch Teenager, Typen mit Hoodies und geschniegelte Pärchen.

Ein Schwank als Blockbuster

Sie alle wollen das Rührstück sehen, das vom Verlieben, Auseinandergehen und Wiederzusammenkommen des «Daneli» und seinem «Heidi» handelt. Autor Roman Riklin gelang Erstaunliches: die Verwandlung des Schwanks zum Blockbuster. «Ewigi Liebi» lebt von den kaum motivierten, aber umso heftigeren Gefühlen und den holzschnittartigen Figuren eines Bauerntheaters, aber auch vom Ingenieurs-Schnack: Wie in «Karl’s kühne Gassenschau» schweben Gondeln umher, es changieren aufwendige Bühnenbilder. Und da ist noch der Pop. Riklin hat das Archiv der Mundarthits gründlich geplündert und geplättet. Kuno Lauener kann lange monieren, sein Song «I schänke Dir mis Härz» sei ein versifftes Puff-Gesäusel – hier in der Maag-Halle intoniert ihn ein liebeskrankes Emmentaler Büblein als naives Balzlied (notabene nur den Refrain). Hunderte Häupter wiegen sich im Takt, die Nostalgie dräut.

Das Genre des Compilation-Musicals, das Riklin in die Schweiz eingeführt hat, perfektioniert einen Kniff: Mit bewährten Songs verbundene Emotionen und Erinnerungen werden punktiert, das Geschehen auf der Bühne wiederum verbindet sich – ob man will oder nicht – mit der eigenen Biografie. Auch sonst lässt Riklin keinen Effekt aus, schon gar nicht den Jöö-Effekt: Der Chor besteht aus Murmeltiermasken, deren Mäuler beim Singen lustig auf- und zuklappen. Dazu kommt das Murmeltierpaar Martha und Guschti mit Sohn.

Auf Dalí getroffen

Helmi Sigg hätte vieles werden können und ist auch einiges geworden. Als Sohn eines Schreiners bürgerlich in Thalwil aufgewachsen, würfelten die späten 60er-Jahre das Weltbild durch­einander: Sigg versteht sich als Kind der Hippies. Künstlertum, Weltrettung, die Existenz als purer Spass oder blosses Nichtstun, all das war möglich. «Ich hatte lange Haare, las ein bisschen Mao und Ho Chi Minh, nahm Drogen, glaubte an Love und Peace.»

Ende der 70er traf Sigg auf Salvador Dalí, sein damaliges Idol. Da dachte er noch über eine ernsthafte Malerkarriere nach. Kurzfristig arbeitete Helmi Sigg als Assistent von Werner Düggelin, dem Theatermacher, der Samuel Beckett und Ionesco auf die Schweizer Bühnen brachte. Irgendwann wurde er dann Kabelträger bei «Teleboy», Kurt Felix’ TV-Show. Es folgten viele Bühnenauftritte, als Mitglied der Comedy-Truppe Trio Eden wurde er Mitte der 90er-Jahre über Zürich hinaus bekannt. Sigg schrieb Bücher über Hotels und pflegte Liebhaberprojekte mit Hipster-Touch. Neuerdings vertreibt er die Fleischkreation Pastrami.

Wie die Niederdorfoper

In Erinnerung bleiben wird Sigg jedoch als Murmeltier. Fast 700'000 Zuschauer haben ihn mittlerweile in dieser Rolle gesehen. «Ewigi Liebi» hatte mehr Zuschauer als alle GC-Heimspiele der letzten fünf Jahren zusammen, mehr als alle Schauspielhausstücke der letzten fünf Jahre zusammen. Umgerechnet besuchte die komplette Bevölkerung der Städte Zürich, Genf und Winterthur das Musical. Es gibt Besessene, die allein über 100-mal hingegangen sind. Auch wegen Sigg, der mit seiner Erscheinung, seinem Gemüt und seiner komödiantischen Ausgebufftheit Putzigkeit und Schabernack gleichermassen auf die Spitze treibt; der Murmelibau unter der Bühne ist der stimmige Fluchtpunkt seiner langen Kleinkunstkarriere.

In 25 Jahren werde «Ewigi Liebi» den Status einer Niederdorfoper haben, glaubt Sigg. In der Garderobe rollt er die Hemdsärmel hoch, ein Tattoo wird sichtbar: Das «Ewigi Liebi»-Logo. Sigg hat es sich vor Jahren stechen lassen. Damals erschien es ihm noch als Markierung eines entlassenen Sträflings, heute präsentiert er es als Liebesbeweis. Sigg findet in seiner Rolle Freude und Bestätigung, geniesst die Popularität wie ein Mungg die Strahlen der Frühlingssonne.

Ist das nun der Ausverkauf, ein Verrat an den Idealen der Hippies? Deren Meister Timothy Leary hat die Beatles einmal als «Mutanten einer Spezies lachender Menschen» bezeichnet. Über seinen Jünger Helmi Sigg, der sich in Büstenhalter und Pelz als Murmeltierdame den Lebensunterhalt verdient, hätte er wohl wie Hunderttausende andere auch laut gelacht – immerhin.

«Ewigi Liebi», Maag-Halle, bis 28. Mai. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.04.2017, 18:35 Uhr)

Video

Stimmen zur jüngsten Premiere im März 2017.

Video

Murmeli und mehr: Auftritt in der SRF-Sendung Happy Day vom 25. Februar 2017. Videos: MusicalEwigiLiebi (Youtube)

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