Interview

«Heute wartet niemand mehr auf Godot»

Samuel Beckett war der Guru der Theater-Verstörung. Nun erscheinen seine frühen Briefe erstmals auf Deutsch. Literatur-Professor Thomas Hunkeler gibt Auskunft über den sehr eigenartigen Iren.

Maulende Performance: «Not I» von Samuel Beckett aus dem Jahr 1972.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Hunkeler, woher kommt Becketts obsessiver Hang zum Briefverkehr?
Beckett war generell ein obsessiver Schreiber. Über Texte konnte er, der im sozialen Umgang sehr gehemmt war, Kontakt herstellen.

Nutzte er die Briefe auch für literarische Experimente?
Das gab es erst in den 40er-Jahren, als er sich mit Georges Duthuit, dem Schwiegersohn von Matisse und Herausgeber der Zeitschrift «Transition», spielerisch auszutauschen begann. Bis zu seinem Durchbruch als Schriftsteller, der lange auf sich warten liess, ging es vor allem um das überlebenswichtige Knüpfen und Erhalten von Kontakten. Der intensive Briefverkehr war auch durch seine ständigen Umzüge bedingt: Er lebte in Irland, in England, in Frankreich, reiste kurz vor dem Krieg monatelang durch Deutschland.

Becketts Briefe haben etwas Irritierendes – die Handschrift ist häufig kaum zu lesen.
(lacht) Ja, er hatte eine grauenvolle Handschrift! Man muss sich zuweilen schon sehr viel Zeit nehmen, um seine Briefe zu entziffern. Es kam vor, dass die Briefe von Freunden transkribiert wurden, damit die Adressaten sie lesen konnten. Später, als er weniger unter Druck stand, wurde die Handschrift etwas leserlicher, und dann stellte er schon bald auf die Schreibmaschine um – zur Erleichterung seiner Korrespondenzpartner.

Beckett hat seine Briefe zwar autorisiert, lehnte aber wie bei seinen anderen Arbeiten eine Kommentierung ab. Warum sträubte er sich dermassen gegen Interpretationen seines Werks?
Na ja, diese Briefe sind ja nun sehr gut und ausführlich kommentiert. Was Beckett aber vor allem ablehnte, waren Ableitungen aus seinen Briefen, biografische Lesearten. Und er hasste es, seine Bücher erklären zu müssen. Dabei war er selbst sein schärfster Kritiker.

Wie zeigte sich das?
Im vorliegenden Band sieht man das etwa an seinem Umgang mit Marcel Proust. Über Proust verfasste er 1930 einen Essay, den ihm der Verlag für einmal aus den Händen riss – das kam selten vor in dieser Zeit. Dennoch war Beckett überhaupt nicht zufrieden. «Mein Text kommt mir vor wie bleiches graues Schmirgelpapier», schrieb er, kaum war der Essay publiziert. Beckett mass sich immer mit den ganz Grossen, mit Proust, Dante oder Joyce. Das hatte zur Folge, dass er jahrelang kaum schreiben konnte.

Insbesondere Joyce war ein Problem.
«It stinks of Joyce», sagte er einmal drastisch über seine frühen Prosaarbeiten. Wegen Joyce wollte er sogar den Beruf wechseln, mal Pilot, mal Filmer, mal Uni-Dozent in Kapstadt werden. Und wegen Joyce, so denke ich, wandte er sich schliesslich vom Englischen ab und dem Französischen zu. Beckett, der in der englischen Sprache ein hervorragender Stilist war, suchte mit dem Sprachwechsel gezielt die Verarmung, die für ihn im Französischen einfacher war.

Wie ist Beckett politisch einzuordnen?
Beckett stand konsequent auf der Seite der Schwächeren. Er engagierte sich persönlich stark, etwa während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance. Direkt politische Texte gibt es aber kaum.

«Warten auf Godot» ist sein bekanntestes Werk. Welche Bedeutung hat es heute noch?
«Warten auf Godot» war ein markanter literaturhistorischer Einschnitt. Bei seinen ersten Aufführungen in den 50er-Jahren wirkte das Stück wie eine Bombe. Für viele Intellektuelle war es ein Schock, dass ein Bühnenwerk den Zuschauer mit derart existenziellen Fragen konfrontieren konnte. Es war damals kaum möglich, um dieses Werk herumzukommen; Brecht arbeitete sich ebenso an ihm ab wie Foucault oder Robbe-Grillet. Mittlerweile ist das Werk zum Theaterklassiker geworden. Und hat dadurch wie viele etablierte Stücke an Wucht verloren. Heute wartet niemand mehr auf Godot.

Was ist denn in Becketts Œuvre noch beachtenswert ausser «Godot» und «Endspiel»?
«Not I» zum Beispiel aus dem Jahr 1972. Dort sieht man in der Videoversion nur einen riesigen Mund, der permanent von sich zu sprechen scheint, dann aber zögert und sagt: «Was? Wer? Nein! Sie!» Solche minimalistischen Arbeiten aus Becketts Spätwerk stufe ich in ihrer Wirkung als deutlich radikaler ein als «Godot».

Erstellt: 19.02.2013, 11:59 Uhr

Bildstrecke

Thomas Hunkeler ist Professor für französische Literatur an der Uni Freiburg. Er veröffentlichte diverse Aufsätze über Beckett und publizierte 1997 die Monografie «Échos de l’ego dans l’oeuvre de Samuel Beckett».

Artikel zum Thema

Warten auf Elmo

«Dieses Stück ist so modern und so brilliant, dass es überhaupt keinen Sinn macht»: Der Moderator verspricht nicht zu viel. Sehen Sie die «Sesamstrasse»-Adaption von Becketts «Warten auf Godot»! Mehr...

Freilichttheater überflügeln Stadttheater

Gotthelf auf der Alp und Godot im Bärengraben: Die Sommertheater überholen die Stadttheater – bei den Publikumszahlen und bald auch bei der Qualität. Die volksnahe Theaterform boomt. Ein Schweizer Sonderfall. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Weiss ist heiss

Mamablog Vorgeburtliche Tests testen auch die Eltern

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...