Hier kommt die Bühne ins Spiel

Das Hildesheimer Kollektiv Machina ex produziert mit Erfolg Computergames für das Theater. Mit dabei ist auch der Schweizer Yves Regenass.

Die Visitenkarte der Gruppe: Teaser zu «15 000 Gray».


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Wir sind nur selten ganz Mensch. Zumindest, wenn es nach Friedrich Schiller geht, der es zum Gesetz erhob, dass der Mensch «nur da ganz Mensch» sei, «wo er spielt». Doch wir spielen nur selten. Das hat viel mit unserer Kultur zu tun, in der das Spiel etwas ist, was in den Freizeitbereich oder andere Rand- und Sonderzonen der Gesellschaft gehört.

Spielen ist aber nicht blosser Zeitvertreib. Es kann auch eine Form der Wirklichkeitsbewältigung sein. Es kann auch eine Lebensform sein. Das zeigt uns Machina ex, ein junges deutsch-schweizerisches Künstlerkollektiv, das mit grossem Erfolg Spiele aus der Virtualität des Computers in die Realität des Theaters überträgt. Bei einem Kaffee erzählt Yves Regenass, einer der beiden Schweizer im neunköpfigen Kollektiv, wie es dazu kam. Mit dem Nasenring und seinem rötlichen Haar mag er etwas Exzentrisches haben. Aber ein weltfremder Nerd ist Regenass nicht. Das merkt man, wenn der 30-Jährige von seiner abgeschlossenen Ausbildung zum Primarlehrer oder von seinen drei Kindern spricht.

Hier aber solls um die Geburt von Machina ex gehen: Regenass erzählt, wie er nach einem Praktikum am Theater Basel nach Hildesheim ging, wo viele studiert hatten, die damals das Theater in Basel prägten – Regisseure wie Sebastian Nübling und Albrecht Hirche, Dramaturgen wie Julia Lochte und Matthias Günther: Sie alle hatten in Hildesheim «Kulturwissenschaft und ästhetische Praxis» studiert. Das wollte Yves Regenass auch.

In Hildesheim lernte der Schweizer Jan Philip Steimel kennen, der seiner Freundin zum Geburtstag ein Theatergame schenken wollte. Steimel dachte dabei an so etwas wie «Super Mario». Doch so etwas gab es nicht fürs Theater. Also suchte er – unterstützt von seiner Freundin Laura Schäffer – an der Uni in Hildesheim andere Spielbegeisterte, die ein Theatergame entwickeln wollten. So formierte sich Machina ex, und so kam es im Sommer 2010 zu «Maurice», dem ersten Point-and-Click-Adventure für den realen Raum.

Ein Testpublikum gibt das Okay

«Maurice» entstand noch im studentischen Kontext. Dennoch bewies die Gruppe schon damals ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein: Sie baute drei Räume in einer stillgelegten Bundeswehrkaserne zu einer hyperrealen, begehbaren Installation um und produzierte dazu ein mehrteiliges Making-of, das sie ins Internet stellte. Offensichtlich ahnte die Gruppe schon damals, dass sie sich auch ausserhalb von Hildesheim durchsetzen würde.

Im Gespräch kokettiert Yves Regenass mit dem «gepflegten Dilettantismus» der Gruppe. Aber eigentlich gingen die vier Frauen und fünf Männer von Machina ex von Beginn wie Profis vor: Schon «Maurice» wurde mit einem Testpublikum auf seine Spielbarkeit überprüft. Inzwischen hat die Gruppe die Gameentwicklung perfektioniert: Sie hat sich im Selbststudium beigebracht, wie man Telefone, Uhren, Chipkarten und andere Geräte für Spielfantasien nutzt.

Das erste Spiel von Machina ex war ein Erfolg. Doch «Maurice» hatte ein Problem: Es war zu gross und zu aufwendig, um es auf Festivals zeigen zu können. Also erarbeitete man eine Art Visitenkarte, mit der man sich auf Festivals präsentieren konnte: In knapp zwei Wochen und mit einem Budget von 450 Euro, die man über Crowdfunding zusammenbrachte, stemmte man ein neues Theatergame – mit durchschlagendem Erfolg: «15 000 Gray», die Visitenkarte von Machina ex, wurde 2011 zum Impulse-Festival, der Bestenschau der freien Szene, eingeladen. Danach fand das Spiel auf zahlreichen Festivals statt – inzwischen 180-mal. Im Haus für elektronische Künste in Basel kann es ab morgen erstmals auch in der Schweiz gespielt werden.

Der Professor mit der Zeitbombe

Wie bei allen Games von Machina ex geht es auch bei «15 000 Gray» um die Lösung einer Aufgabe: Die Besucher müssen Yves Regenass alias Professor Hövel befreien, auf dessen Bauch eine Zeitbombe tickt. Diese Geschichte um den Professor ist aber nur der Rahmen für eine Erfahrung. Wie das funktioniert und wie viel Spass das macht, konnte man im vergangenen Herbst in der Gessnerallee erleben, wo Machina ex mit «Happy Hour» gastierte. In diesem Theatergame versammelt man sich als Besucher zu sechst um einen filzgrünen Spieltisch und erhält die Aufgabe, im Wettkampf gegen ein anderes Team eine Performerin zu befreien, die sich gefesselt in einem anderen Raum befindet. Dafür bekommt man Chipkarten, die man in Lesegeräte stecken und mit einem Druck auf einen Buzzer aktivieren kann: Das Schwert soll sie benutzen, den Bären soll sie aufschlitzen, mit dem Schlüssel soll sie die Tür öffnen. Mit solchen Befehlen dirigiert man die Performerin durch den Raum.

Plötzlich diese Macht!

«Warum haben wir das gerade gemacht?», fragt eine der Mitspielerinnen, die zusammen mit mir in «Happy Hour» war. «Weil es Spass macht», entgegnet eine andere. Stimmt, das machte es. Aber es war mehr als das: Wir waren in einen kollektiven Machtrausch verfallen, hatten Befehlskombinationen ausprobiert und die Performerin wie eine Marionette zu absurden, mehrfach auch zu den gleichen Handlungen genötigt.

Es sind solche Momente, die den Kern der Arbeit von Machina ex ausmachen: Sie führen die Mitspieler im Spiel in moralische Dilemmata. Dabei wird man in einen doppelten Zustand versetzt: Man taucht ins Spiel ein, beobachtet aber zugleich sich selbst und die andern. Man ist dabei «ganz Mensch» – souverän, unmittelbar beteiligt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2013, 11:58 Uhr

Yves Regenass bespielt Theaterräume mit interaktiven Games. (Bild: Philip Steimel)

Info

«15 000 Gray» vom 25. bis 28. 4. im Haus für elektronische Künste in Basel. Anfang November gastiert Machina ex im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee mit «Hedge Knights», einem Spiel über die Finanzwelt.

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